Bürger beklagen «Hasshumor» von Komikern

Massimo Rocchi soll sich rassistisch geäussert haben. Auch gegen eine Sendung des Schweizer Fernsehens liegt eine Anzeige vor.

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Zum dritten Mal innerhalb eines Monats gehen Bürger juristisch gegen Komiker vor: Gestern wurde bekannt, dass gegen den Komiker Massimo Rocchi eine Anzeige wegen Rassismus hängig ist. Rocchi habe in der Sendung «Sternstunde Philosophie» vom 24. März 2013 gegen die Rassismus-Strafnorm verstossen. Die Diskussion hatte das Wesen des Humors zum Thema. Auf die Frage nach der Psychologie des Humors im Unterbewusstsein nach Sigmund Freud sagte Rocchi, der jüdische Humor sei immer auf Zinsen aus. Im Wortlaut: «Der Jude macht auf Humor, um zu zeigen, dass er Jude ist und dass er Humor hat und dass er nahe bei Gott ist. Der Komiker nicht.» Das verstosse gegen die Rassismus-Strafnorm, sagt der Zürcher Anwalt David Gibor, der Anzeige erstattet hat. Die Zürcher Staatsanwaltschaft hat ein Verfahren eröffnet. Rocchi wurde gestern als Beschuldigter vernommen. In einer Stellungnahme gegenüber «20 Minuten online» schrieb der Komiker: «Wer mich und meine Programme seit 1984 kennt, weiss, dass ich zu keinem Zeitpunkt Menschen wegen ihrer ethnischen Herkunft oder Religion herabgesetzt oder diskriminiert habe.»

«Juristisch spannende» Frage

Im Dezember hat ein Basler Anwalt den Berner Stadtpräsidenten Alexander Tschäppät wegen angeblich rassistischer Witze über Italiener angezeigt. Und die Theaterschaffenden Samuel Schwarz und Raphael Urweider gaben am Sonntag bekannt, sie wollten gegen das Schweizer Fernsehen vorgehen wegen einer Nummer von Birgit Steinegger im satirischen Jahresrückblick «Endspott» vom 29. Dezember. Birgit Steinegger griff in einem Sketch den Vorfall mit Oprah Winfrey an der Bahnhofstrasse vom August auf. Damals hatte sich die Talkmasterin über angeblich rassistisches Verhalten einer Verkäuferin beschwert. Steinegger war für den Sketch verkleidet als dunkelhäutige Frau Mgubi, eine Figur, die sie schon mehrfach gespielt hatte.

In der Anzeige, die dem TA vorliegt, schreiben Urweider und Schwarz: «Blackfacing ist grundsätzlich eine rassistische Kulturtechnik.» Blackfacing bezeichnet eine Unterhaltungsmaskerade, bei der sich weisse Künstler das Gesicht anmalen, um Schwarze darzustellen. Das «beleidigt uns als Menschen, es beleidigt unser Umfeld, und es beleidigt uns auch als Künstler und Performer».

Gegenüber dem TA präzisiert Samuel Schwarz: «Comedy ist im Moment an vielen Orten wie Italien oder Frankreich das stärkste Medium für rassistische Propaganda.» Die Naivität der Schweizer Intelligenz zu diesen Fragen sei so gross wie die Dummheit der Witze der Comedy-Fraktion. Er sei entsetzt über das Niveau des Humors beim Schweizer Fernsehen. Dieser sei nicht nur schlecht, sondern es handle sich um «Hasshumor, der aufhetzt, klischiert und ausgrenzt». «Ich fühle mich als Intellektueller ausgegrenzt, wenn ich mich auf das SRF-Niveau herablassen muss, um dort arbeiten zu können», sagt Schwarz. Die Theatermacher wollen die Anzeige aber auch einreichen, weil das «juristisch spannend» sei und man sich wünsche, dass die Frage einmal so reflektiert werde.

SRF beruft sich auf Kunstfreiheit

SRF-Mediensprecherin Andrea Wenger sagt, dass in der Sendung «Endspott» «wie bei Satiren im Allgemeinen üblich» übertrieben worden sei und «Personen, Situationen und Institutionen ironisiert und karikiert» wurden. Der satirische Beitrag sei durch die Meinungsäusserungs- und Kunstfreiheit geschützt und habe in keiner Weise zum Ziel, eine menschenverachtende, diskriminierende oder rassistische Botschaft zu übermitteln. «Wir bedauern, wenn der Beitrag als rassistisch verstanden wurde, und versichern, dass es weder die Absicht der Künstler noch die der Macher der Sendung war, rassistisches Gedankengut zu transportieren.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 17.01.2014, 06:53 Uhr

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Rocchis Äusserung im Wortlaut

«Das ist also bei Freud sehr nah – ich entschuldige mich, aber ich sage das – an jüdischen Humor gibt es immer Zinsen, die verdienen will. Der Jude macht auf Humor, um zu zeigen, dass er Jude ist und dass er Humor hat und dass er nahe bei Gott ist. Der Komiker nicht. Der Komiker will nicht gewinnen. Der Komiker ist Opfer. Der Komiker bleibt Opfer.»

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