Geschäften im Sinn und Geist von Hugo Ball

An der gestrigen Pressekonferenz im Cabaret Voltaire wurde über die Positionierung des Geburtshauses der Dada-Bewegung gesprochen.

Zeitlos gealtert: Das Cabaret Voltaire an der Spiegelgasse.

Zeitlos gealtert: Das Cabaret Voltaire an der Spiegelgasse. Bild: Cabaret Voltaire

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

«Gerade in dieser haltlosen Zeit ist es wichtig, Haltung zu bewahren.» Er klingt hochaktuell, dieser Spruch – obwohl er schon beinahe 100 Jahre auf dem Buckel hat. Schliesslich stammt er von Hugo Ball, dem «wahrscheinlich verständlichsten aller Dadaisten», wie Cabaret-Voltaire-Direktor Adrian Notz an der gestrigen Medienkonferenz meinte.

Balls Zitat manifestiert, wie gut und zeitlos Dada gealtert ist. Vielleicht ist es gerade deshalb zum (inoffiziellen) Leitsatz der neuen Ära des Cabaret Voltaire erkoren worden. Der städtische Kulturchef Peter Haerle, der Trägervereinspräsident Jürgen Häusler und auch Adrian Notz tendierten in ihren Aussagen nämlich sinngemäss alle in die gleiche Richtung: Was bisher war, war meist gut, war wichtig, war zeitgeistig. Doch es war. Nun gilt es, den nächsten Schritt zu machen: Die Position des Hauses als Geburts- und Gedenkstätte der gleichermassen faszinierenden wie komplexen (Kunst-)Bewegung stärker in den Fokus zu rücken, den gesellschaftshistorischen Kontext von vor 100 Jahren zu erforschen – ohne dabei aber die Funktion als Plattform für aktuelle kulturpolitische Debatten aufzugeben.

Ein ambitioniertes Vorhaben, umso mehr, als dem Cabaret Voltaire hierzulande bislang nicht dieselbe Wertschätzung zuteil wurde wie im benachbarten Ausland, wo die Institution geradezu Kultstatus geniesst, wie man in Magazinen, Reiseführern und Zeitungsartikeln nachlesen kann. Nichtsdestotrotz wollen die Verantwortlichen selbstbewusst ans Werk gehen – eben, mit Haltung im Sinn und Geist von Hugo Ball.

Die tragende Säule der Dada-Zukunft ist also, wenn man so will, die DadaVergangenheit. Aufgearbeitet und in der Dauerausstellung «Dada in Nuce» auf überraschende Weise umgesetzt wurde sie von Adrian Notz und Juri Steiner, dem vormaligen Direktor des Zentrums Paul Klee in Bern. Dezentrales Kernstück der Schau, die sich in der Krypta im Erdgeschoss befindet, ist das «Firmament», sprich die Decke des Raumes. Dort entdeckt man, in einer Art Sternenbild verewigt und durch ihre (Un-)Taten und (Irr-)Wege miteinander verbunden, die Namen von 165 Persönlichkeiten aus aller Herren und Damen Länder, die in der Hauptphase zwischen 1916 und 1923 Teil der internationalen Dadaismus-Bewegung waren – manche wie Einstein, Chaplin oder der erste schwarze Schwergewichtsboxweltmeister Jack Johnson nur peripher oder gar zufällig. Die wichtigsten dieser Dada-Protagonisten findet man, gruppiert nach den vier Epizentren Berlin, New York, Paris und Zürich, auch als Fresko an der Wand – wobei sich Künstler Andy Ineichen das Schelmenstück gestattete, bei den Zürchern das Antlitz von Direktor Notz hineinzuschmuggeln.

Ergänzt sind die gemalten durch bewegte Bilder: Per Knopfdruck kann man einen ziemlich verrückten Dokfilm starten, der in lautstarken Bildern das Unmögliche versucht – die Dada-Geschichte in 27 (!) Minuten zusammenzufassen. Finanziert wurde die unterhaltsame, vielseitige und doch überschaubare Retrospekive, die 175 000 Franken gekostet hat, vollumfänglich durch Gönnerbeiträge, wie Jürgen Häusler erklärte. Auch sonst konnte der Präsident des Trägervereins positive(re) finanzielle Nachrichten verkünden. Das Betriebsbudget, das von 800 000 auf etwa 600 000 Franken verringert wurde, ist – auch dank Zuflüssen von neuen Gönnern/Sponsoren – bei normalem Geschäftsverlauf für die kommenden zwei Jahre gesichert. Das sind natürlich auch im Hinblick auf die grossen Dada-Feierlichkeiten im Jahr 2016 beruhigende Neuigkeiten – den 100. Geburtstag ohne das Geburtshaus zu feiern, wäre nicht wirklich amüsant. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 07.06.2013, 08:53 Uhr

Artikel zum Thema

«Man schreit so lange, bis man Geld bekommt»

Dada-Funktionär Philipp Meier begrüsst die radikale Subventionskritik von Pius Knüsel, dem Direktor von Pro Helvetia. In einem zentralen Punkt ist er allerdings gar nicht einverstanden. Mehr...

400'000 Franken für Dada

Zum 100. Geburtstag der Dada-Bewegung im Jahr 2016 plant die Stadt Zürich ein grosses Kulturfest. Das ist kostspielig. Der Stadtrat fordert nun den Gemeinderat auf, die Veranstaltungen finanziell zu unterstützen. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Weiterbildung

Banken umwerben Frauen

Weltweit steigt das Privatvermögen von Frauen. Banken zeigen, wie dieses gewinnbringend anzulegen ist.

Kommentare

Blogs

Sweet Home 10 festliche Köstlichkeiten

Mamablog Der wahre Held meiner Geschichten

Die Welt in Bildern

Schattenspiel: Biathleten trainieren im österreichischen Hochfilzen für den 10km Sprint im Weltcup. (13.Dezember 2018)
(Bild: Matthias Hangst/Bongarts/Getty Images) Mehr...