Ausstellung

Das Erbgut der Ikone

«Merets Funken», die Hommage des Kunstmuseums Bern an die Grande Dame des Surrealismus, mixt Meret Oppenheims Werk erfrischend unbekümmert mit Arbeiten junger Künstler.

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Zu sehen ist sie in der Ausstellung nicht, die Pelztasse, welche die junge Meret Oppenheim 1933 auf einen Schlag berühmt machte und ihr einen Platz in der Kunstgeschichte sicherte.

Doch der Geist, die Idee des «Déjeuner en fourrure», wie das verführerische Objekt eigentlich heisst – er ist deutlich spürbar in dieser Ausstellung, einer sehr lebendigen Hommage an die grosse Schweizer Surrealistin: Francisco Sierra lässt einen grossen Pelzring wie einen überdimensionierten Lampenschirm von der Decke hängen. Vidya Gastaldon ihrerseits baut eine ganze Kaffeeplausch-Inszenierung auf, mit Tischchen und Stühlen und einem Service, das den Betrachter mit grossen aufgemalten Augen anglotzt.

Mit der Ausstellung «Merets Funken» huldigt das Kunstmuseum Bern auf erfrischende Art der Schweizer Vorzeige-Surrealistin. Im kommenden Jahr würde Meret Oppenheim, die einen grossen Teil ihres Lebens in Bern verbracht hat und 1985 in Basel gestorben ist, ihren 100. Geburtstag feiern.

Anlass genug für eine Ehrung, zumal das Kunstmuseum Bern die weltweit grösste Sammlung mit Werken von Oppenheim beherbergt. Eine grosse Retrospektive, die das Werk der Künstlerin in seiner ganzen Vielfalt zugänglich machte, zeigte das Haus bereits vor sechs Jahren. Kathleen Bühler, Kuratorin für zeitgenössische Kunst und verantwortlich für die neue Ausstellung, nähert sich dem Mythos Meret Oppenheim nun strikt von der Gegenwart her. Sie lud fünf jüngere Schweizer Kunstschaffende ein, sich mit der berühmten Surrealistin auseinanderzusetzen und eigene Werke gemeinsam mit Arbeiten von Oppenheim zu präsentieren.

Betörendes Erbgut

Für Kathleen Bühler ist das eine naheliegende Herangehensweise. Meret Oppenheim, die als junge Frau im Kreis der Pariser Surrealisten verkehrte, litt nach ihrer Rückkehr in die Schweiz viele Jahre an einer Schaffenskrise. Doch auch als sie wieder künstlerisch arbeiten konnte, besetzte sie eine gewisse Aussenseiterstellung. Mit den Künstlern ihrer eigenen Generation verband sie wenig. Dafür interessierte sie sich für die jungen Kreativen. Manchem Berner Künstler ging es so wie Franticek Klossner, der noch heute darüber staunt, dass die Grande Dame eines Tages, als er noch ein junger Irgendwer war, plötzlich bei ihm im Atelier stand. Vor Meret Oppenheim muss man nicht in Ehrfurcht erstarren.

Kathleen Bühler hat natürlich nicht irgendwen eingeladen. Maya Bringolf, Vidya Gastaldon und Francisco Sierra wurden bereits mit dem Swiss Art Award ausgezeichnet. Die Kuratorin hat die Kunstschaffenden lange beobachtet. Dann hat sie sie angesprochen: «Bist du dir bewusst, dass du auf den Spuren von Meret Oppenheim wandelst?», hat sie gefragt und die Künstler angeregt, sich mit ihrem künstlerischen Erbgut auseinanderzusetzen. Jeder der Kunstschaffenden hat für die Ausstellung einen Raum gestaltet, mit älteren oder eigens für die Ausstellung entstandenen Arbeiten – und natürlich mit Werken Oppenheims, die meisten aus den Museumsbeständen.

So ist ein betörender Parcours voll träumerischer Momente und dunkler Abgründe entstanden. Es ist eine Ausstellung, die unbekümmert mit der Ikone Meret Oppenheim umgeht und gerade dadurch interessante Einblicke ermöglicht. Francisco Sierras Pelzring etwa verweist durch seine enorme Grösse darauf, dass Oppenheim zuweilen hinter ihrer berühmten Pelztasse zu verschwinden droht. Am Kunstfell-Ring hängen kleinformatige Bilder Oppenheims, in denen die Künstlerin ihre eigene Situation reflektiert und sich wie in einer Fabel als Hornisse oder Vogel darstellt. Sierra antwortet darauf mit neuen Arbeiten seiner «Würmli»-Serie, in der er Würmer als Hochzeitspaare oder Götter wiedergibt.

Wie in Merets Schlafkammer

Auch die in Belgien lebende Zürcherin Tatjana Gerhard reagiert in einigen Arbeiten sehr direkt auf Werke Oppenheims. Im Ölbild «Gluschti» lässt sich der oppenheimsche «Läbchuechegluschti» erkennen, ein Stuhl, aus dessen geschnitzter Lehne sich eine Samtzunge nach einem Lebkuchen streckt. Handschuhe, die auf einem Bild ohne Titel gestikulieren, sind in der Ausstellung Nachbarn der Handschuhe von Meret Oppenheim, deren weisser Stoff mit Adern bedruckt ist. Das Ungewöhnliche und Unheimliche im scheinbar Vertrauten aufzuspüren, diese Vorgehensweise beherrscht auch Vidya Gastaldon: Die in Genf lebende Künstlerin integriert Geschöpfe wie Barbapapa, Spongebob oder auch religiöse Figuren in ihren mystischen Landschaften.

Besonders faszinierend sind die zwei von Elisabeth Llach bespielten Kabinette. Angeregt von Oppenheims kleinem Schlafkämmerchen in ihrem Tessiner Haus, hat die Waadtländerin einen schwarzen Raum geschaffen, in dem die Kunstwerke nur durch schmale Schlitze zu sehen sind. Zeichnungen Llachs und Objekte Oppenheims erscheinen entrückt in lichter Ferne. So entsteht eine geheimnisvolle Stimmung, die dem oft aggressiv und unheilvoll aufgeladenen Grundton in Llachs Bildern entspricht. Die virtuose Künstlerin verbindet in ihren Zeichnungen und Gemälden Motive aus Kunstgeschichte und Populärkultur zu eigenwilligen, oft schockierenden Auseinandersetzungen mit Vorstellungen von Weiblichkeit und Schönheit.

Maya Bringolf schliesslich greift für ihre «Bohrorgeln» auf die von den Surrealisten etablierte Technik der Collage zurück. Am Bildschirm setzt sie Bilder von Bohrinseln und Fotos von Kirchenorgeln zu merkwürdigen Objekten zusammen und verpasst den Inseln durch die verzierten Orgelfronten Gesichter, oft schaurige Fratzen. Die Bilder lassen sich als beunruhigenden Verweis auf das Geschäft mit der Energie verstehen: Surrealistische Kunst mag oft träumerisch nach innen schauen, hat aber auch ein kritisches, provozierendes Potenzial. Auch von dieser Vielseitigkeit surrealistischer Ansätze erzählt die Schau auf eindrucksvolle Art.


Kunstmuseum Bern, bis 10. Februar 2013.

Erstellt: 21.10.2012, 11:39 Uhr

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