Das Weltwahninventar

Alex Sadkowsky zeichnet, fotografiert, schreibt – seine Kunst ist eine enzyklopädische Sinnsuche. Die Ausstellung im Helmhaus Zürich widmet sich seinem aberwitzigen Werk.

Irrwitz auf Leinwand: «Gruss aus Afrika» von Alex Sadkowsky. Foto: PD

Irrwitz auf Leinwand: «Gruss aus Afrika» von Alex Sadkowsky. Foto: PD

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Er geht und geht, durch Feld, Wald und London. Er rennt und rennt. Er spricht und spricht, über Gott, über die Welt, über Symbole. Er malt und malt, bis alles, was er gemalt hat, zugemalt ist; dann setzt er in die schwarze Fläche seine schwarze Unterschrift. Auch seine Augen sind schwarz geschminkt, wie die eines Pierrots.

Dies sind Szenen aus dem Film «Sadis-Fiction», 1969 von Fredi Murer gedreht, und, obwohl in die Jahre gekommen, wirken sie noch immer ebenso wild wie faszinierend. Nun eröffnet der Film im Zürcher Helmhaus die Ausstellung für einen Künstler, den es in seiner ganzen Frische wieder zu entdecken gilt: Alex Sadkowsky, Zürcher, geboren 1934, staatenlos bis 1969, Boxer und Stepptänzer, Kosmopolit, Reisender, Maler, Zeichner, Radierer, Fotograf, Schriftsteller, Poet. Ein Unermüdlicher, ein exzentrisch (Sinn-)Suchender – und ein fantastischer Bildfinder und -erfinder.

Selbstironie ist ihm nicht fremd, so, wie er das im Jahr 1980 mit einer Plakataktion gezeigt hat: «Was lieben Sie am meisten an Zürich? Die letzten drei Buchstaben.» Vielleicht sind die vielen Zeichnungen mit dem Titel «Animal metaphysicum» eben gar indirekte Selbstbildnisse: schwierig zu entziffern, verschlüsselt, ganz im Stil der 1960er-Jahre.

Kleine Zürcher Wahnwelt

Sadkowskys Gemälde, die in der Ausstellung im Zentrum stehen, lassen sich kaum verorten. Sie sind betont naiv, unterstreichen das Autodidaktische, sind handwerklich beste Malerei, fantastisch realistisch, surreal psychedelisch. Nicht zufällig gehörte Sadkowsky zusammen mit dem früh verstorbenen Friedrich Kuhn jenem Kreis an, den Paul Nizon einst als «kleine Zürcher Wahnwelt» bezeichnete. Im Nachhinein wird klar, dass sich der Schweizer Künstler David Weiss mit grosser Wahrscheinlichkeit von dieser kleinen Wahnwelt inspirieren liess. In der Sadkowsky-Schau ist alles und noch viel mehr zu sehen; noch einmal mehr muss es aber in den Lagern und dem Atelier des Künstlers geben: eine übersprudelnde Welt. Frauenpor-trät neben Frauenporträt, etwas klischiert – klar, das muss sein, es ist ja auch ein «Harem», wie der Titel der Bildergruppe lautet. Dann folgt: grosser Akt; später ein grosser Gruss aus Afrika; dann Pferd und Esel, die über Zahlen sprechen – und ein Tangopaar, das von schier unendlichen Zahlenreihen, Additionen und Subtraktionen umtanzt wird.

Alles und noch viel mehr: Die Neugierde des Künstlers bleibt letztlich unstillbar. Im Kern scheint sein Werk der Dialektik von Listen zu folgen, wie sie der französische Essayist Georges Perec formulierte: «In jeder Aufzählung finden wir zwei widersprüchliche Versuchungen; die erste besteht darin, alles zu erfassen, die zweite, wenigstens einiges zu vergessen; die erste möchte die Frage endgültig abschliessen, die zweite sie offen lassen. Die Aufzählung scheint mir das eigentliche Erkennungszeichen für dieses Bedürfnis zu sein, alles zu benennen, ohne das die Welt für uns orientierungslos bleiben würde.»

Im Kern also ist Sadkowskys Werk ein zutiefst philosophisches, so clownesk es sich auch gibt. Denn alles oder möglichst viel zu erfassen schliesst die mögliche Verzweiflung mit ein, die auf das notwendige Scheitern folgt. Das Clowneske ist eben mit der Melancholie des Pierrots, den Sadkowsky in Murers Film mimt, eng verwandt. Und so malt der Künstler Dutzende von eng aneinandergereihten, streng geordneten, weinenden Fratzen. «Pain» heisst das monumentale Gemälde, das an James Ensors Masken zu erinnern vermag.

Zudem malt Sadkowsky mit der gleichen Verve und Liebe zum Detail Hundebildnisse, die zusammen das «Hundeunser» ergeben. Es folgen Reihen von Damenslip-Porträts, dann Frauenlippen und Philosophenaugen. Es sind Inventare, die nie vollständig sein werden. Nicht vollenden lässt sich auch das Inventar der Kuchen und Torten, die mit Frauennamen – Sara, Cassandra, Norma, Nora – kombiniert sind. In diesen Inventaren wirkt die auf den ersten Blick vermutete Oberflächlichkeit ebenso trügerisch wie der Witz. Dieser schlägt in Aberwitz um und nähert sich dem Wahnwitz.

Das Buch der Titel

Das zeigt sich auch im neusten Werk Sadkowskys, das eben erschienen ist. Ja, es ist ein Buch, der zweite Band einer Reihe, die «Der Titel» heisst. Er trägt den Titel «Ein Titelroman» und besteht aus lauter möglichen, er- oder gefundenen Titeln. Hier zeigt sich nochmals Sadkowskys Verfahren der unendlichen Reihung inklusive Wiederholung, auch hier wird alles wieder schön in eine Ordnung gebracht: Die mehr als 290 Seiten des Buches sind in neun Kapitel unterteilt. Das Buch endet mit den Zeilen:

Just give me anything I want
Dont make me any trouble
I am a man on the run.

Er ist auf der Flucht. Er geht und geht und rennt und rennt noch heute.

Bis 22. Juni, Helmhaus Zürich. Buchvernissage: 3. Juni, 19 Uhr, der Schauspieler Gedeon Berger liest aus «Ein Titelroman». Öffentliche Führung: 5. Juni, 18.30 Uhr. www.helmhaus.org (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 30.05.2014, 08:32 Uhr

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