Das aufgesprengte Idyll

Peter von Matt hat den Schweizer Buchpreis erhalten. Sein Textband «Das Kalb vor der Gotthardpost» ist eine gewiefte Auseinandersetzung mit dem Schweizer Selbstverständnis.

Ein Brückenbauer: Peter von Matt. (Archivbild)

Ein Brückenbauer: Peter von Matt. (Archivbild) Bild: Keystone

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Mit Peter von Matts Textband «Das Kalb vor der Gotthardpost» ist dieses Jahr erstmals ein nicht-belletristisches Werk mit dem Schweizer Buchpreis ausgezeichnet worden. Schon mit dem titelgebenden Aufsatz demonstriert der Germanist seine analytische Brillanz.

Peter von Matt ist ein Brückenbauer, sei es als Nidwaldner in Zürich, sei es als Literaturprofessor im öffentlichen Diskurs. Damit hat er sich zahlreiche Meriten erworben. In seinen Reden und Aufsätzen versteht er es, das Literarische mit dem Politischen, das Bildhafte mit dem Prägnanten zu verbinden. Exakt damit brilliert er auch in seinem jüngsten Essay.

Von Matt nimmt sich das emblematische Bild «Die Gotthardpost» von Rudolf Koller vor: Ein verstörtes Kalb versucht sich vor den schnaubenden Rossen einer Postkutsche in Sicherheit zu bringen. Das Bild ist bekannt und steht für eine vergangene Epoche, bevor 1882 der Gotthardtunnel eröffnet wurde. Die Sache freilich ist komplexer.

In seiner genauen Betrachtung ortet von Matt in dem Bild ein Signal des Übergangs und des Wertewandels. Zwei Bewegungen treffen kraftvoll aufeinander. Während es die sich schnellende Postkutsche beinahe aus der Kurve trägt, steht am Wegrand eine verdutzte Kuhherde. Und dazwischen das verängstigte Kalb, das sich vom Furor des Fortschritts in Sicherheit zu bringen versucht.

Fortschritt und Stillstand

Dieses «aufgesprengte Idyll» bildet die Ausgangslage für eine präzise, rhetorisch gewiefte Auseinandersetzung mit dem Schweizer Selbstverständnis. Dessen Kern besteht aus einer Naturmetaphorik, die bis heute mit Erfolg von einem «politischen Wurzelsepp» beackert und von «synthetischen Berglern» beklatscht wird.

Von Matt leistet ein feines Kabinettstück an literarischer Analyse, indem er die Botschaft hinter dem schönen Schein entziffert. In seinem Gemälde stellt Koller, so von Matt, die «beschleunigten Processe» dar im Vorfeld des ersten Börsencrashs von 1873. «Die Gotthardpost» veranschaulicht das Aufeinandertreffen von Stillstand und Dynamik im Prozess der Zivilisation.

Das Idyll – ein Trugbild

Daran anschliessend erörtert von Matt, wie tief eine ökologische Perspektive in der Schweizer Literatur verankert ist. Besonders Kellers «Das verlorene Lachen» lässt sich als subtile Studie über Realität und Idyll lesen. Ausgerechnet an Letzterem scheitert ein nachhaltiger Umgang mit der Natur, weil idyllische Fantasiebilder den realen Raubbau kaschieren.

Zum Schluss kehrt von Matt nochmals zum Kalb zurück, respektive zur Kuh Blösch, die in Beat Sterchis Roman daraus erwachsen sein könnte. Ihre Schlachtung zersprengt das arkadische Trugbild vor dem Hintergrund der industriellen Landwirtschaft.

30 Texte aus zehn Jahren

Der Titelaufsatz bildet die Quintessenz dieses Bandes, der weitere 29 bereits einmal publizierte Texte aus dem letzten Jahrzehnt umfasst. Darunter findet sich eine Rütli-Rede ebenso wie eine Dada-Miniatur, ein Porträt des mythopoetischen Pilatus-Gebirges wie die Auseinandersetzung mit Mundart und Hochsprache, die 2006 Aufsehen erregte.

Erstellt: 11.11.2012, 12:53 Uhr

Peter von Matt

Peter von Matt war von Kindsbeinen an ein Bücherwurm. Er wurde am 20. Mai 1937 in eine Familie hineingeboren, die seit Generationen Bücher verlegte und verkaufte. Sein Elternhaus in Stans sei «bis unters Dach mit Büchern gefüllt» gewesen, sagte er der «Zentralschweiz am Sonntag». Er habe früh gelernt, Bücher nur leicht aufgeschlagen zu lesen, so dass sie noch als neu verkauft werden konnten.

Später studierte Peter von Matt Germanistik, Anglistik und Kunstgeschichte in Zürich, London und Nottingham und promovierte bei Emil Staiger über Franz Grillparzer. Nach dem Studium unterrichtete er einige Jahre als Gymnasiallehrer in Luzern. 1976 übernahm er von seinem Lehrer Staiger den Lehrstuhl für Neuere Deutsche Literatur an der Universität Zürich, den er bis zur Emeritierung 2002 innehatte. (sda)

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