«Das will man heute vielleicht nicht mehr sehen»

Zwei nackte Frauen auf einem Schwein, Wilhelminismus und Zensur: Kurator Ludger Derenthal spricht über die aktuelle Berliner Ausstellung «Die nackte Wahrheit und anderes».

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Nacktfotografie ist heute omnipräsent und blitzt uns von jedem zweiten Werbeplakat entgegen, so die weit verbreitete Meinung. Wieso brauchen wir eine Ausstellung darüber?
In unserer hauseigenen Sammlung finden sich viele Aktfotografien aus den späten 1880er-Jahren, die bereits damals angekauft wurden. Wir finden es spannend, wie es schon um 1900 dazu kommen konnte, dass solche Bilder Eingang in eine fotografische Sammlung finden. Wir wollen damit auch ein Bild der damaligen Gesellschaft zeichnen, die ja der Nährboden für diese Entwicklungen war.

Nackte Sportler scheinen damals beliebt gewesen zu sein.
Ja, wir zeigen in der Ausstellung nackte Ringer und Gewichtheber. Und in jenen Jahren traten auch die ersten Bodybuilder wie Eugen Sandow auf und publizierten ihre Fotos als Autogrammkarten. Aber auch der Naturismus, die sogenannte Freikörperkultur, wurzelt in dieser Zeit. In der Wissenschaft wurde zum Beispiel im Rahmen ethnografischer Vergleiche oder in der Medizin ebenfalls intensiv mit der Aktfotografie gearbeitet. Alles Indizien dafür, dass damals in Bezug auf den Umgang mit Nacktheit ein Wandel in der Gesellschaft stattfand.

Wie prüde war denn die Gesellschaft um 1900?
Zumindest in Deutschland sieht man die damalige Gesellschaft ja immer unter dem Stern des Wilhelminismus. Wir haben aber festgestellt, dass sie in vielen Bereichen sehr viel offener und vielgestaltiger war als gemeinhin vermutet. Zu dieser Zeit wurde der Akt erstmals öffentlich gemacht und in grossen Auflagen verbreitet, was den Umgang mit dem Medium entscheidend verändert hat: So wurden Akte nicht mehr versteckt, sondern erschienen auf Postkarten, in Büchern, Zeitungen und Ausstellungen.

Begrüsst werden die Besucherinnen und Besucher bei Ihnen von Nackten aus der Gegenwart: Helmut Newtons «Big Nudes» aus den 1980er-Jahren.
Ja, die Ausstellungen der Helmut Newton Stiftung befinden sich im gleichen Haus. Newtons Akte hängen allerdings schon seit zehn Jahren im Foyer. Aber passen tut das ganz gut: Einige der Voraussetzungen für Newtons Arbeit mit dem nackten Körper als Sujet werden in unserer Ausstellung aufbereitet.

Was zeichnet denn unseren heutigen Umgang mit Nacktheit im Vergleich zu damals aus?
Es fanden klare Verschiebungen statt: Was um 1900 akzeptiert war, will man heute vielleicht nicht mehr sehen. Ein gutes Beispiel dafür sind die Aktfotos Wilhelm von Gloedens, dessen Fotografien sizilianischer Jünglinge damals zwar nicht völlig unumstritten waren, aber heute sicherlich skeptischer gesehen werden. Solche Verschiebungen finden aber ständig statt: Mit den gesellschaftlichen Veränderungen ändert sich eben immer auch der Blick auf den Akt.

Welche Rolle spielte die Zensur zur damaligen Zeit?
Zensur war zu der Zeit natürlich ein grosses Thema. Man hat versucht, die massenhafte Verbreitung des Akts zu verhindern. Mit der deutschen Lex Heinze wurde sogar ein neues Gesetz geschaffen, um dem Trend einen Riegel vorzuschieben. Einem Fotografen, der eine Nackttänzerin fotografiert hatte, wurde auf dieser Grundlage der Prozess gemacht. Die Behörde hat allerdings verloren und das Gesetz wurde gekippt.

Heute sperren wir dafür Internetseiten und in Hollywood regieren Nacktheitsklauseln.
Ja, dieses Spannungsfeld zwischen Öffentlichkeit, einschreitender Behörde und moralischen Vorstellungen wird es immer geben. Natürlich haben wir auch in der Ausstellung nicht alles gezeigt. Es geht uns schliesslich nicht darum, das Publikum zu schockieren, eher wollen wir die grosse Bandbreite der damaligen Aktfotografie aufzeigen.

Zwei nackte Frauen, die auf einem Karussellschwein reiten, würden wohl auch heute für Aufsehen sorgen.
Ja, bestimmt. Wenn man betrachtet, was damals in Sachen Aktfotografie bereits gezeigt wurde, ist die heutige Bilderflut vielleicht gar nicht mehr so revolutionär.

Erstellt: 31.05.2013, 11:59 Uhr

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Dr. Ludger Derenthal (*1964) ist Gründungsdirektor des Museums für Fotografie in Berlin und Leiter der Sammlung Fotografie. (Bild: Gutenberg Intermedia)

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