Der Tanz um die leere Mitte

Als Basler in New York schrieb Rudy Burckhardt Fotogeschichte. Nun erfährt er in der Fotostiftung in Winterthur die verdiente Würdigung.

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New York, 1937. Keiner verstand, was der junge Mann aus der Schweiz im Schild führte: Er stand mit seinem monströsen, sperrigen Fotokasten mitten auf dem Bürgersteig in Midtown Manhattan und fotografierte – nichts. Denn was soll schon am Strassenpflaster von künstlerischem Wert sein? Was inhaltlich bedeutend, formal reizvoll an Hydranten? Was kann aufregend sein an Gebäudekanten, bemerkenswert an Mauer­abschlüssen?

Rudolf Burckhardts Blick saugte sich dort fest, wo Füsse – eigene und fremde – Halt suchen: Denn alles, was ihm oberhalb des Knies widerfuhr in diesem Moloch, schien von derart starkem Eindruck, dass es dafür keinen Ausdruck gab. Schon gar nicht ein Bild. Rudolf Burckhardt (1914–1999), ein Basler in New York, der in der Alten Welt aus alten Adelskreisen geflüchtet war, aus einem «Daig», der ihm salzlos und fade schmeckte, suchte in der Neuen Welt neue Orientierung – und buchstabierte sie sich Bild für Bild zusammen mit einer neuen Sprache der Fotografie.

Burckhardt war ein Radikaler der Kunst und im Lebens. Er brach mit allem, verliess mit 21 Jahren die Schweiz, siedelte sich in Chelsea an, wurde Amerikaner, foutierte sich um ästhetische Konventionen und ging als fotografischer und filmischer Autodidakt einen radikal subjektiven Weg. Ein Einzel­gänger ohne Lehrer, ohne Schüler – mit Folgen. Die gravierendste: Die offizielle Geschichte der Fotografie fand ohne ihn statt. Und hätte der Kanon früher erkannt, was dieser stille Schweizer wagte, die wichtigen Bücher und richtigen Lehren würden sich heute möglicherweise anders lesen.

Blick fürs Banale, Flüchtige

Diesen Schluss legt die erste massgebende Übersichtsschau zu Burckhardts Werk nahe. «Rudy Burckhardt – Im Dickicht der Grossstadt» heisst sie und ist eine Leistung des Kurators Martin Gasser und ein Resultat seines Feuers für Amerika. Seine Vorgängerin mit ähnlichen Verdiensten ist die transatlantische Kunstzeitschrift «Parkett», die Burckhardt schon 1996, also noch zu Lebzeiten, ein grosses Portfolio gewidmet hat. 2005 würdigte ihn zwar auch das Kunstmuseum Basel, doch zeigte man dort schwerpunktmässig seine Künstlerporträts, was seiner Bedeutung nur bedingt gerecht wird. Burckhardt verdiente sich ab 1950 sein Geld, indem er für die Zeitschrift «Art News» Künstler in ihren Ateliers fotografierte; diese Bilder waren der Not, nicht dem Interesse geschuldet.

Das Museum of Modern Art in New York ehrte Burckhardt bereits 1987 mit einer Film-Retrospektive, und ähnlich Bedeutsames leistet nun in Winterthur Martin Gasser für Europa: Er fügt Burckhardt in die Reihe film- und foto­historischer Marksteine ein. Und dort steht er, zumindest was sein Frühwerk betrifft (1937–1941), den Kern der Ausstellung also, Schulter an Schulter mit Robert Frank. Frank hat Burckhardt persönlich gekannt, und er schätzt Burckhardts Filme, doch von seiner Fotografie wusste er lange nichts. Als er sie zum ersten Mal sah, soll er erschüttert gewesen sein vom formalen Minimalismus und der ästhetischen Konsequenz des Älteren – und davon, dass da einer, wie er selbst, das Banale und Flüchtige zum Bildgegenstand erhob, allerdings fast zwanzig Jahre früher. Und nicht zu übersehen: Burckhardt nahm auch vieles von der Bildsprache und den Bildthemen ­eines Ed Ruscha vorweg.

«Im Dickicht der Städte», über 100 Fotografien, teils aus dem Nachlass, teils aus eigenen Beständen und aus einer Privatsammlung: Die Fotostiftung hat das Œuvre in eigener Anstrengung aufgearbeitet. Es einen Paukenschlag zu nennen, ist nur aus einem Grund falsch: Burckhardts Bilder schwingen anders als die Pauke fein und differenziert. Doch wenn ein Betrachter vor seinen New Yorker Strassenszenen unvermutet George Gershwins «Rhapsody in Blue» vernimmt, wird just jene Pauke hörbar, die hier gemeint ist. Burckhardts Blick ist ein Experiment in moderner Lichtmalerei und hat wie Gershwins Musik die Klassik mit einem Herzton von Jazz versetzt und so etwas Drittes erwirkt.

Und dieses Dritte hat provokante Qualitäten. Hydranten, Hauskanten? Später werden sie immerhin von Beinen, Frauenbeinen, in eine elegante und leichtfüssige Choreografie eingebunden. Als sich Burckhardt in New York für solche Bildinhalte interessierte, fotografierten andere wie Walker Evans verarmte weisse Südstaatler oder Dorothea Lange für die Farm Security Administration die «Migrant Mother», diese stilisierte Madonna der Verlierer im Land der Gewinner, bis heute eine der am meisten verbreiteten Fotografien überhaupt.

Rudolf alias Rudy Burckhardt hatte mit den gelobten, gehypten und staatlich verordneten Sozialreportagen jener Jahre nicht das Geringste am Hut. Dabei sind seine Bilder ähnlich verstörend wie jene oder wie die «Men at Work» von ­Lewis Hine und die Strassenszenen von Berenice Abbot, doch ihre Dramatik liegt in der Binnenspannung des Bildes.

Malerischer Ehrgeiz

In der Winterthurer Ausstellung, die chronologisch aufgebaut ist, stellt man fest: Burckhardt hat einen malerischen Kompositionsehrgeiz. Er organisiert die Flächigkeit des Bildraumes, zumeist in frontaler Position, spielerisch und sanft. Er schichtet, und in Schichten erkundet er auch die Stadt. Dem Blick auf den Boden folgt später jener, der hüfthoch zielt und sich für Menschen, Passanten interessiert. Doch diese agieren im Bild, als zöge sie jemand an geheimen Fäden, wenn sie auf den Strassen und Gehsteigen an anderen Passanten vorbeiwandeln, einem unbekannten Ziel folgend, das ausserhalb des Bildausschnitts liegt.

Was zieht? Es ist «The Pursuit of Happiness», Burckhardt hat 1940 auch einen Kurzfilm so benannt. Er ist fasziniert von Schriften, Schildern, und wenn er sie fotografiert, kommt eine weitere seiner Qualitäten ans Licht, sein Witz und seine leise Ironie. Noch später wird er auf Hausdächer steigen und macht sich vielleicht seinen grössten Jux: Er löst die New-York-Ikone, das Flat Iron Building, aus dem bekannten Übermass, er reduziert es durch den eigenen Schattenwurf zur x-beliebigen Vertikalen.

Rudy Burckhardt ist zu entdecken, seine Bilder der frühen Moderne, der er eine ureigene Form verpasst hat. Es ist die Form eines Tanzes um eine Mitte, die es nicht mehr gibt.

Fotostiftung in Winterthur, bis 15. 2. 2015. Am 26. 10. führt Filmemacher Hannes Schüpbach ins filmische Werk von Rudy Burckhardt ein, danach Gespräch mit der Künstlerin und Witwe des Fotografen, Yvonne Jacquette Burckhardt, 11.30 Uhr.

Erstellt: 24.10.2014, 18:25 Uhr

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