Der farbtrunkene Schwärmer

Vergangenheit wird farbig: Das Museum Rietberg zeigt Fotografien aus Albert Kahns Sammlung. Der Friedensstifter wollte mit seinen einzigartigen Bildern das Völkerverständnis fördern.

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Albert Kahn, ein Name, kein Gesicht. Wer kennt ihn in der Schweiz? Wer weiss um seine Friedensmission, wer weiss um das grösste Fotoprojekt seiner Zeit, Anfang des 20. Jahrhunderts? Insider, vielleicht. Doch mit dieser Ausstellung im Museum Rietberg wird sich das ändern. Albert Kahn, ein jüdischer Bankier, ein hoffnungslos hoffender Utopist, erhält in Zürich die längst fällige Öffentlichkeit. Und man darf ruhigen Gewissens in Superlativen reden, wenn man behaupten will: Die Ausstellung «Welt in Farbe. Farbfotografie vor 1915» gehört zum Aufsehenerregendsten – und zugleich zum Berührendsten –, was in Schweizer Museen während der letzten Jahre zu sehen war.

Friedensstifter Albert Kahn, 1860 im Elsass geboren, glaubte, uns durch die Kenntnis der Welt zu besseren, weil weltoffeneren Menschen zu machen: Mit ihm beginnt die Reise. Sie führt den Besucher über die Treppe des Museums ins Untergeschoss. Kurz blinzeln wird er dort; es ist unüblich duster. Dann wird er die Augen öffnen – und sehen, was er nicht glaubt: verlorene Zeit in Bilder geronnen, historische Farbfotografie aus Irland, der Türkei, dem Balkan, Asien und Russland. Hier treibt es Vergangenheit nicht in Hellgrau bis Dunkelschwarz, hier treibt sie es bunt.

Trügerisch frisch

Dieses Foto aus Bosnien-Herzegowina zum Beispiel, ein Bild aus dem kulturellen Inventar Europas: die alte Brücke von Mostar, 1913 in Farbe aufgenommen. Ein heller, heiler Bogenschwung über den Fluss Neretva; auf der Krone Menschen, die winken. Im klaren Wasser spiegeln sich die Steine, die Wasserbewegung umspielt die Felsen im Flusslauf mit zartblauer Gischt. Am Fluss­ufer im Bildhintergrund eine Moschee.

Auf dem Markt in Sarajevo sodann stehen und sitzen Händler, die Fladenbrote verkaufen; einer hat ein Stück aufgebrochen, und die Krume liegt so mundgerecht dicht vor uns und so einladend in allen Braunschattierungen, dass wir unwillkürlich die Hand danach ausstrecken. Doch das trügerisch frische Brot ist mehr als 100 Jahre alt: Das Bild wurde am 15. Oktober 1912 gemacht.

Was passiert da? Was wirkt so stark aus der Vergangenheit ins Heute, dass wir meinen, diese Episoden und Landschaften hätten wir eben noch in einem Reisekatalog gesehen? Diese Menschen in ihrer traditionellen Kleidung beim Verrichten alltäglicher Dinge seien unsere Zeitgenossen? Das schöne Mädchen aus Galway etwa, das sich 1913 wie eine selbstbewusste Madonna präsentiert, sei uns während der letzten Irlandreise aufgefallen? Oder die bulgarischen Flüchtlinge in Melnik von 1913, sind das nicht die Flüchtlinge in der Zeitung von heute? Und genauso der bombardierte albanische Bazar in Shkodra, war er nicht gestern in den Nachrichten?

20 Teams losgeschickt

Was hier wirkt, ist das Geheimnis von Farbe. Es ist das Rätsel der Autochromie und ihrer magischen Bildtiefe. Was hier wirkt wie Honig fürs Auge, das ist die Wirkung einer besonderen Technik der Farbfotografie, die dem Wesen der Dinge näher kommt als die Abstrahierung durch Grautöne. Schon Kant wusste darum, Goethe schrieb von der «sinnlich-sittlichen Wirkung von Farbe». Just darauf gründet die Mission von Albert Kahn. Infiziert von der neuen Erfindung der Brüder Lumière und in einer Zeit, als sich die Nationen zum grossen Krieg rüsteten, startete er eine gigantische, humanistische und zum Scheitern verurteilte Völkerverständigungs- und Friedensmission. Er handelte gemäss einer Einsicht, die 1914 im Schwange war und Alexander Graf Keyserling in seinem «Reisetagebuch eines Philosophen» so beschrieb: «Der kürzeste Weg zu sich selbst führt um die Welt herum.»

Kahn beauftragte Fotografen und Filmteams, für ihn die Welt zu bereisen und Bilder – nach festgelegten Standards – zu machen. Sie sollten dazu dienen, nicht nur die Vielfalt der Menschen und ihrer Kulturen zu dokumentieren, sondern in ihrer Vielfalt die Bedeutung jeder einzelnen Kultur und das Verständnis für sie zu wecken. Während fast 20 Jahren waren ab 1908 in seinem Auftrag bis zu 20 Teams unterwegs – Kahn, ein Pionier auch darin, finanzierte ab 1898 mit 15'000 Francs dotierte Reise-Stipendien für (männliche) Graduierte der Université de Paris. Sie und seine «opérateurs» trugen in seinem Pariser Wohnsitz insgesamt 72'000 Autochrome zusammen, farbige Diapositive und über 100'000 Meter Film.

Kahn, ein Kind seiner Zeit und des enzyklopädischen Verständnisses, fasste das Material in «Les archives de la planète» zusammen. Da es ihm nicht ums blosse Horten ging, rief er den Debattierclub «La Societé / Le Cercle Autour du Monde» ins Leben, eine Art runden Tisch. Zur Besprechung seiner Bilder wurde an den Tisch auch internationale Prominenz geladen: der europäische Hochadel, das japanische Thronfolgerpaar, Albert Einstein oder Gustav Stresemann, Tagore oder Grossdenker wie der eng mit Kahn befreundete Nobelpreisträger Henri-Louis Bergson.

Irdisches Paradies

Man darf sich das angenehm vorstellen: Kahn liess sich in seinem Anwesen in Boulogne-Billancourt bei Paris (heute ein Museum) auch Gärten aus aller Welt anlegen. In diesen promenierten und debattierten die Mitglieder seines handverlesenen Clubs; hinter den Mauern eines kleinen irdischen Paradieses und Weltgartens wurde Welt gesichtet und philosophisch bereist. Doch so hoch die moralische Absicht von Kahn und seinen Eingeweihten auch sein mochte, ihre realpolitische Ausbeute war gering. Der Erste Weltkrieg brach aus, 1929 verlor Kahn beim Börsenkrach sein Vermögen, 1940 starb er verarmt, die Nazis hatten einige zuvor Monaten auch Paris eingenommen.

Die rund 80 Autochrome aus Kahns Weltbildarchiv, die nun in Zürich zu sehen sind, darunter die ersten Fotos aus Irland überhaupt (von der einzigen Fotografin in Kahns Teams, der Anglistin Marguerite Mespoulet), sind nicht nur für die Schweiz eine Premiere. Viele davon gelangen damit zum ersten Mal überhaupt an die Öffentlichkeit. Vor Zürich war die Ausstellung in Bonn und Berlin zu sehen, dort hat sich Albert Lutz von ihr begeistern lassen und sie dankenswerterweise in sein Haus geholt. Dies tat er auch in der Überzeugung, dass Albert Kahn mit dem Gründungsstifter des Rietbergs, dem Zeitgenossen Eduard von der Heydt (1882–1964) eine grosse Gemeinsamkeit teilte. Beide waren sie überzeugt, durch ihre Kunst- beziehungsweise Fotosammlungen einen Beitrag zu leisten für ein besseres Verständnis zwischen den Kulturen dieser Welt.

Bis 27. September. Katalog ca. 35 Fr.

Erstellt: 19.05.2015, 18:12 Uhr

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