Die Befreiung vom Ursli

Das Landesmuseum Zürich widmet dem Maler, Grafiker und Illustrator Alois Carigiet (1902–1985) eine umfassende Ausstellung. Er war weit mehr als der Vater des Schellen-Ursli.

Er malte karge, mutig kolorierte Idyllen: Alois Carigiet in seinem Atelier 1972. Foto: Jules Geiger (Fotostiftung Graubünden/Alois Carigiet Erben)

Er malte karge, mutig kolorierte Idyllen: Alois Carigiet in seinem Atelier 1972. Foto: Jules Geiger (Fotostiftung Graubünden/Alois Carigiet Erben)

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Um es vorweg zu sagen: So eine währschafte Glocke oder Schelle, wie sie der Schellen-Ursli vom Maiensäss zu Tal schleppte, über Steig und Steg ins Dorf Guarda, ist beträchtlich schwer. Man kann die Probe machen beim Gang durch die neue Ausstellung des Landesmuseums Zürich, «Alois Carigiet. Kunst, Grafik & Schellen-Ursli», in welcher nicht nur die Nostalgie gepflegt wird, sondern auch der Realitätssinn. Der feingliedrige Bündner Bub, der Uorsin, den Alois Carigiet zeichnete zu den rätoromanischen Versen der Schriftstellerin Selina Chönz (fünf Jahre hat er am «Schellen-Ursli» gearbeitet, zwischen 1940 und 1945) – der hätte seine Schelle kaum tragen können.

Aber wer wird schon so sein? Kinder und reife Nostalgiker werden immer glauben, dass er es konnte und den ­Chalandamarz-Umzug anführte, das Wegläuten des Winters, als eine Verkörperung apfelbackiger Gesundheit und triumphierenden Bündnertums. Denn das hat Carigiet als Illustrator geschafft und geschaffen: den Ursli als Legende und Marke und als ein Stücklein beständiges Bündnerland, fast so berühmt und gewiss so berührend wie das Heidi.

Über die Folklore hinaus

Es braucht nicht viel in dieser Ausstellung, ein paar Originalzeichnungen vom Ur-Ursli, und die Saiten der Erinnerung klingen gleich. «Hoch in den Bergen weit von hier, dort wohnt ein Büblein so wie ihr.» Und das Büblein trifft auf seine Schwester, die Flurina mit dem Wildvöglein, die auch keine Unbekannte ist, und auf entferntere Verwandtschaft, den Maurus und die Madleina, die es in der Kinderbuchwelt nicht ganz so weit gebracht haben wie der Ursli, aber doch auch zu einer Nische im kindlich gebliebenen Gedächtnis.

Da erscheint Alois Carigiet in seiner vertrautesten Gestalt. Wochenschau-Aufnahmen aus den frühen 70er-Jahren zeigen ihn in der Zürcher Schau im Glanz dieses Ruhms: den kinderlieben, heimatseligen Mann aus der Surselva, der sich in Herzen zeichnete in sechs Büchern (fast wären es sieben geworden; aber «Krickel. Die kleine Gemse» blieb ein reizender, jetzt zum ersten Mal präsentierter Entwurf); den Gewinner des Hans-Christian-Andersen-Preises (1966) für Kinderbuch-Illustration, dessen Ursli man mit Selma Lagerlöffs Nils Holgersson verglich. Und dabei wollte er gar nie nur das sein.

Er hatte schon beim Schellen-Ursli gezögert, obwohl er gewiss – man fühlt es im klugen Arrangement der Ausstellung immer wieder – an der Heimatscholle klebte, ganz im insularen Geist der «Landi» von 1939, für die er das offizielle Plakat gestaltet hatte. Der grossartige Zeichner und ambitionierte Maler wollte hinaus über die dekorative Folklore, sozusagen in die eigene Freiheit einer malerisch beschriebenen Heimatliebe und eines rätoromanischen Patriotismus.

Ein Kinderbuch war 1940 nicht Alois Carigiets erste künstlerische Wahl (so ist das vielleicht, wenn man ein Klassiker wird: Es passiert einem einfach). Und: Er wollte Distanz zum Seriellen der Plakatkunst, in der er es sich hätte bequem machen können. Denn er hatte ja in dieser Sparte schon langlebige Werte geschaffen, nicht nur das schwebende Schweizer Kreuz für die Landesausstellung, sondern auch den elegant gockelnden Hahn für PKZ und das Hündchen mit Hut, das für Fein-Kaller Männchen machte; und natürlich zeigt das Landesmuseum auch diesen plakativen Carigiet.

Aber es befreit ihn doch in zwei Räumen vom Ursli und vom Plakat, und das ist verdienstvoll und nichts als angemessen. Man lernt da einen originellen, kunsthistorisch reflektierten Fassadenmaler kennen, beispielsweise. Einen, der gescheit die alten malerischen Sujets vom Wechselspiel des Glücks und vom Narrenspiel der Welt aktualisierte und ironisierte. Die Entwürfe zum Wandbild am Schwarzen Adler in Stein am Rhein, ein liebenswürdiger Renaissance-Reflex, befördern die Lust auf die Wirklichkeit.

Ein kühner Konservativer

Und schliesslich die Malerei, die in der Stille des Bündner Oberlands entstand. Sie ist der glänzende Beleg, dass Carigiet weit mehr war als der populäre Lithografienlieferant für die «Wartezimmer von Zahnärzten und Allgemeinpraktikern», wie es im Begleitbuch zur Ausstellung heisst («Alois Carigiet – Kunst, Grafik, Schellen-Ursli», eine sorgfältige Publikation, die den Sinn für das ganze Schaffen schärft). Nein, übers Gegenständliche ist er nie hinausgegangen, und der Hang zu den bäuerlichen Idyllen ist ihm geblieben. Aber sie sind karg und kantig und mutig koloriert, diese Idyllen; wenn die Heimatliebe sich äussert, dann durchaus unverweichlicht. Ein kühner Konservativer. Der Blick aus dem Fenster war ihm ein liebes Motiv. Und es scheint, er blickte sehr klarsichtig auf seine kleinen Weltbühnen.

Er hatte ja tatsächlich eine theatralische Seele, auch daran erinnert man im Landesmuseum: an den Mitbegründer und Bühnenbildner des Cabaret Cornichon (ab 1933), mit dem sein jüngerer Bruder Zarli (1907–1981) dann berühmt wurde. Es verband die Carigiets ein Talent für das Szenische. Deshalb hätte der Alois jetzt vielleicht nichts dagegen, dass sich der Kreis doch wieder beim Ursli, der ihm manchmal zum Hals hinaushing, schliesst. Nämlich bei Xavier Kollers Verfilmung des «Schellen-Ursli», die im Herbst in die Kinos kommt. Es ist die zweite in der Filmgeschichte nach einem rührend untauglichen Versuch in den 60er-Jahren; und soweit sich an ein paar Fotos von den Dreharbeiten und einigen Kostümen etwas ablesen lässt, besteht Hoffnung, Koller habe etwas bewahrt vom zeichnerischen Charme des Originals.

Bis 3. 1. 2016. Begleitbuch zur Ausstellung: Alois Carigiet – Kunst, Grafik, Schellen-Ursli. Hans ten Doornkaat (Hrsg.). Orell Füssli, Zürich 2015. 104 S., ca. 20 Fr. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.06.2015, 01:46 Uhr

Carigiet war 1934 Mitgründer des Cabaret Cornichon. Foto: Alois Carigiet Erben

Malerische Heimatliebe: Tourismusplakat von 1937. Foto: Alois Carigiet Erben

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