Die Macht der Prediger

Wenn eine Wasserpistole und ein Bikini plötzlich Sex und Gewalt suggerieren: Das Musée de l'Elysée in Lausanne zeigt die verbotenen Bilder aus Christian Lutz’ Fotoserie über die Freikirche ICF.

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«Man könnte meinen, es handle sich um Pädophilie oder gar um eine Sekte, die sexuelle Beziehungen mit Kindern unterhält.» Der Satz steht in den Gerichtsakten zum Fall des Genfer Fotografen Christian Lutz und seines Buches «In Jesus’ Name». Was sonst noch alles in den Akten des Zürcher Bezirksgerichts zu lesen ist, steht nun auch auszugsweise auf den schwarzen Zensurbalken, die in der aktuellen Ausstellung im Lausanner Fotomuseum Elysée einige Gesichter abdecken. Es sind die Gesichter jener, die Christian Lutz nach der Veröffentlichung seines Bildbands «In Jesus’ Name» verklagt haben.

Ein Jahr lang hatte der Genfer Fotograf Anlässe der evangelikalen Freikirche International Christian Fellowship (ICF) mit der Kamera begleitet. Beim Taufen war er genauso dabei wie beim Beten, Trinken und Feiern. Das ICF-Management hatte ihn mit einem Fotopass ausgestattet, der ihm überall Zutritt gewährte. Und mit offenen Armen sei er denn auch von der Gemeinde aufgenommen worden, sagt Lutz in Lausanne. Ein paar der Mitglieder seien von seinen Aufnahmen so begeistert gewesen, dass sie bei ihm Abzüge bestellt hätten.

Recht am eigenen Bild

Umso überraschender war für ihn dann die superprovisorische Verfügung, mit der im November 2012 der Verkauf des Buchs kurz nach Veröffentlichung gestoppt wurde. Im Februar 2013 wurde dann aus der superprovisorischen Verfügung eine vorläufige, und Lutz verzichtete definitiv auf eine Veröffentlichung. Offiziell hat nicht das ICF-Management auf ein Verbot gedrängt, sondern 21 der 57 abgebildeten Mitglieder, die sich auf das Recht am eigenen Bild berufen haben. TA-Recherchen zeigten jedoch, dass das Vorgehen von der Kirchenleitung organisiert wurde, die auch die Kosten übernahm (siehe TA vom vergangenen Dienstag).

Nicht aufgegeben wurde die geplante Ausstellung im Elysée, wo erstmals die ganze Trilogie zum Thema Macht gezeigt wird, an der Christian Lutz in den letzten zehn Jahren gearbeitet hat. Für «Protokoll», den ersten Teil zur Macht der Politik, begleitete er Bundesrat Pascal Couchepin und seine Entourage. Auf den Bildern sind jene Momente eingefroren, in denen sich die Macht in unspektakulären Szenen offenbart: in der Haltung bei Tisch in einem Gartenrestaurant zum Beispiel. Wie ein Film noir wirkt Lutz’ Arbeit «Tropical Gift» zur wirtschaftlichen Macht, die er anhand von Nigerias Ölindustrie illustriert: mit weissen und schwarzen Protagonisten und viel Suspense. In Lausanne wird «Tropical Gift» als Panoptikum aus wechselnden Bildern inszeniert, für die Franz Treichler von den Young Gods eine kongeniale, bedrohliche Tonspur komponiert hat. Diese beiden Serien haben dem 39-Jährigen eine ganze Reihe Preise und zahlreiche Ausstellungen im In- und Ausland beschert.

Im Ausnahmezustand

Mit «In Jesus’ Name», dem letzten Teil der Trilogie, wollte Lutz nun noch die Macht der Religion spiegeln. Es sind keine gestohlenen Bilder, die Lutz aus dem inneren Kreis der Freikirche veröffentlicht hat. Er habe die Verantwortlichen der Gemeinde über das Thema informiert und ihnen auch seine früheren Arbeiten gezeigt, von denen sie sehr angetan gewesen seien, betont Lutz. Und immer wieder habe er auch klargemacht, dass es ihm nicht um einzelne Personen gehe, sondern um das Phänomen der religiösen Macht. Wie bei «Protokoll» und «Tropical Gift» sind ihm Bilder der starken, unmittelbaren Emotionen gelungen: Da lächelt eine schöne, junge Frau unter einem Wasserfall so selig und entrückt in die Kamera, als stände hinter dem Fotografen Jesus der Erretter persönlich. Seiner Wirkung voll bewusst ist der Prediger, der mit einem Rettungsring so gekonnt hantiert wie ein Magier mit einem weissen Hasen. Im Ausnahmezustand scheinen sie alle, die porträtierten Mitglieder dieser Kirche, die überaus erfolgreich noch im Diesseits ein perfektes Glück verspricht.

Die zensierten Aufnahmen werden mit den Anmerkungen aus den Gerichtsakten allerdings neu aufgeladen. Und schnell landet nun die Fantasie des Publikums im roten Bereich: Von Pädophilie, Sex, Gewalt und Selbstverstümmelung ist die Rede, von Trinkgelagen, Inzest und Polygamie. Lauter Schlagwörter, die von den Porträtierten und ihren Anwälten ins Spiel gebracht werden. Da ist zum Beispiel die junge Frau, die im Bikini und mit einer grossen Wasserpistole über eine Wiese rennt. Ihre Brüste seien sehr gut erkennbar, und man könnte so die Szene auf Sex und Gewalt reduzieren, schreibt ihr Anwalt. Und dort, wo auf den Bildern Kinder und Erwachsene sich berühren, wird befürchtet, dass der Eindruck entstehen könnte, es handle sich um eine Sekte, die Kinder missbrauche.

Wie Christian Lutz weiss auch die Freikirche, die mit ihren Shows das Hallenstadion füllt, um die grosse Macht der Inszenierung – und der Bilder. Während Lutz ganz bewusst auf Bildunterschriften verzichtet, weil er der Kraft des Bildes vertraut, haben nun die freikirchlichen Kläger mit der Formulierung möglicher Interpretationen eine veritable Pandora-Büchse geöffnet. Mit dem Verbot des Buchs haben sie erst gepunktet, doch mit der Ausstellung geht nun die zweite Runde an den Fotografen. Eine dritte Runde steht allerdings noch bevor. Obwohl Fotograf und Verleger endgültig auf eine Veröffentlichung des Buchs verzichtet haben, steht ihnen eine neue Klage ins Haus. Deren Inhalt kennen sie noch nicht. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 01.07.2013, 10:35 Uhr

Christian Lutz wurde 1973 in Genf geboren. Er spezialisiert sich auf die soziologische Beobachtung von Menschengruppen, im Fall der Lausanner Ausstellung sind das Mitglieder der Freikirche ICF, Politiker und Protagonisten von Nigerias Ölindustrie.

Die Ausstellung im Musée de l'Elysée in Lausanne dauert bis zum 1. September. www.elysee.ch (Bild: Christian Lutz)

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