Die Oktoberrevolution der Fotografie

Die radikale Bildsprache des sowjetischen Fotografen Alexander Rodtschenko frappiert noch heute – zu entdecken im Fotomuseum Winterthur.

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Das Kinn, die Trompete, die blasenden Backen, die Augen: Ganz von unten und ganz nahe sieht man den Mann, den Alexander Rodtschenko (1896–1956) im Jahr 1930 fotografierte. In kurzer Zeit hatte der sowjetische Maler, Bildhauer, Grafiker und Fotograf ab 1924 die Fotografie in ein neues Zeitalter gebracht. Er hatte zusammen mit seinen avantgardistischen Weggefährten einen fotografischen Bildersturm ausgelöst, gewissermassen eine Oktoberrevolution des Bildes. Seine Aussage über die Kunst im Allgemeinen gilt auch für die Fotografie: «Das Leben, diese einfache Sache, hat man bis jetzt nicht gesehen, nicht gewusst, dass es so einfach und so klar ist, dass man es nur organisieren und von allem Überflüssigen befreien muss. Bewusstsein, Erfahrung, Ziel, Mathematik, Technik, Industrie und Konstruktion – das steht hoch über allem. Es lebe die konstruktive Technik. Es lebe die konstruktive Haltung bei jeder Tätigkeit. Es lebe der Konstruktivismus.»

Erstaunen und Bewunderung

Rodtschenko verstand sich als «Künstler-Ingenieur». Die Fotografie, so sein Programm, muss jeden Bezug zum Malerischen überwinden, den zu seiner Zeit immer noch viele Fotografen suchten. Sie muss Experiment sein, muss das Sehen revolutionieren, weil sich die Welt revolutioniert hat: vielgeschossige Häuser, Werkanlagen, Fabriken, Massenaufmärsche – all das sei nur mit den Mitteln der Fotografie ins Bild zu bringen. Und mit einer Ästhetik, die mit allen bisherigen Sehgewohnheiten bricht.

Rodtschenkos Fotografien zeichnen sich denn durch gewagte Auf- und Untersichten aus, durch perspektivische Verkürzungen. Der Fotograf arbeitet mit Diagonalen, mit extremen Nahaufnahmen und ungewohnten Bildausschnitten. Es ist eine dynamische Fotografie, und es kann einem beim Betrachten manchmal geradezu schwindlig werden – auch ob der klaren, grafischen Sprache. Das ruft noch heute, mehr als 80 Jahre später, Erstaunen und Bewunderung hervor, selbst wenn man Rodtschenkos Werk bereits kennt.

Ansichten des sozialistischen Moskau

Die Ausstellung im Fotomuseum Winterthur gibt – sieben Jahre nach der Überblicksschau über die sowjetische Fotografie – einen umfassenden Einblick in Rodtschenkos Werk, das Fotogeschichte geschrieben hat. Zu sehen sind Fotografien, die längst zu Ikonen geworden sind: das Porträt des avantgardistischen Dichters Wladimir Majakowskj; die Aufnahme der lesenden Mutter des Fotografen; der Mann, der auf einer Leiter eine Fassade erklimmt; Ansichten des sozialistischen Moskau. Zu sehen sind selbstverständlich auch seine Fotomontagen wie das Plakat für Eisensteins Film «Panzerkreuzer Potemkin».

Das Urteil der Parteifunktionäre

Die kurze, aber produktive Zeit der Avantgarde in der Sowjetunion, die Ära von El Lissitzky, Tatlin, Rodtschenko & Co., war bald vorbei. Fern, die Zeit, da Rodtschenko für die Weltausstellung 1925 in Paris den sowjetischen Pavillon gestalten konnte oder da er 1929 an der bahnbrechenden Stuttgarter Ausstellung «Film und Foto» gefeiert wurde. Der Stalinismus brach an, brach in das Feld der Kunst ein. Davon waren auch Künstler betroffen, die begeisterte Anhänger der Revolution und des Sozialismus waren. Ihnen wurde die Doktrin jenes «Sozialistischen Realismus» aufoktroyiert, den Stalins Intimfeind Leo Trotzki 1938 so beschreiben sollte: «Dieser Realismus besteht darin, die provinziellen Daguerreotypien des dritten Viertels des letzten Jahrhunderts nachzuäffen; der ‹sozialistische› Charakter besteht offensichtlich darin, mit den Mitteln einer verfälschenden Photographie Ereignisse darzustellen, die niemals stattfanden. Es ist nicht möglich, ohne ein Gefühl physischen Ekels und Entsetzens sowjetische Verse und Romane zu lesen oder Reproduktionen sowjetischer Plastiken zu betrachten.»

Zwangsarbeiter wie Ameisen

Fotografien wie Rodtschenkos Trompeter galten jetzt als «formalistisch», «dekadent» oder «bourgeois». Solche Funktionärsurteile konnten in jener Zeit durchaus zur Verurteilung führen. Der Fotograf Alexander Grinberg etwa wurde 1936 zu fünf Jahren Lagerhaft verdammt. Rodtschenko blieb verschont. Er schrieb aber keine radikalen Manifeste über das «Neue Sehen» mehr und begann, sich als Fotoreporter zu betätigen.

Diesem unbekannteren Teil von Rodtschenkos Werk ist richtigerweise ebenfalls ein gewichtiger Teil der Ausstellung gewidmet. Der Fotograf dokumentiert Sportanlässe, Paraden der Roten Armee, Massenveranstaltungen und Zirkusvorstellungen. Formal ist das immer noch spannend, wenn auch weniger radikal als zuvor; der Fotograf spielt vermehrt mit Unschärfen. Seine Reportage über den Bau des Weissmeer-Ostseekanals, eine staatliche Auftragsarbeit von 1933, wirkt merkwürdig distanziert: Die Arbeiter, darunter viele Häftlinge, erscheinen wie Ameisen, als Teile einer Maschinerie, die den stalinistischen Fortschritt voranbringen müssen. Keiner wird von ganz unten, ganz nahe ins Bild gerückt. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.06.2011, 13:11 Uhr

Trompetender Pionier» von Alexander Rodtschenko, 1930. (Bild: Foto: © Archiv Rodtschenko/2011, Pro Litteris Zürich)

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