Die Schweiz als Schnipselsalat

Die Ausstellung «Grosses Kino» im Landesmuseum vermengt Clips aus Schweizer Filmen zu einem Seelenbild des Landes. Eigentlich zeigt sie vor allem, wie wir heute Bilder konsumieren.

Filmgeschichte als postmoderne Montage: Eine Collage aus Schweizer Produktionen. Gestaltung/Konzept: integral ruedi bauer, 2014

Filmgeschichte als postmoderne Montage: Eine Collage aus Schweizer Produktionen. Gestaltung/Konzept: integral ruedi bauer, 2014

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So sieht es also aus, das Epos des Schweizer Films. Es dauert 160 Minuten und besteht aus 115 Ausschnitten aus anderen Schweizer Filmen. Ein Gang durchs ­Kinojahrhundert von Leopold Lindtberg über «Uli der Knecht» bis zu «Grounding» und wieder zurück und dann weiter im chronologischen Zickzack. «Grosses Kino» bietet eine Anthologie des Schweizer Films, eine Sammlung dramatischer Höhepunkte und aussagekräftiger Szenen. Der Schweizer Film als Sampler und Degustationsplatte. Er enthält von allem ein bisschen und von nichts genug und bietet sämtliche Verdächtige auf: Kurz glüht Alain Tanners «La salamandre», rasch werden «Die Schweizermacher» angetippt, unvermeidlich folgt Markus Imhoofs «Das Boot ist voll».

Schweizer Film, der Youtube-Kanal. Walter Keller, Verleger und Kurator, hat 300  Schweizer Spielfilme gesichtet – ­Dokumentarfilme sind ausgeklammert – und die Glanzmomente thematisch geordnet. Man geht zwischen zehn engen Videokabinen hin und her – der Schweizer Film bekommt so fast etwas Anrüchiges – und erhält viersprachig untertitelten Anschauungsunterricht in hiesiger Filmgeschichte. Im Abteil «Natur – Kultur» träumt etwa Bauernknecht Pipe aus Yves Yersins Drama «Les petites fugues» vom Aufbruch und besuchen die Emmentaler Damen aus «Die Herbstzeitlosen» die Stadt, in anderen Kabäuschen geht es um «Generationen» oder «Freiheit und Neutralität». «Haus und Herd» hätte man auch noch machen können oder, warum nicht, «Das Tier und wir».

Bestechend ist sie schon, die Idee, den Schweizer Spielfilm als Äusserungsform seiner Zeit zu verstehen und über diesen Umweg ein Bild eines Landes zu zeichnen. Filme sind schliesslich handgefertigte Fantasien, sie färben die Volksseele ein, und immer sind in ihnen mehr Zeichen enthalten, als die Autoren hineingestopft haben. So ist wohl auch der schockierend nichtssagende Titel «Grosses Kino» zu verstehen: als Parteinahme für Vielfalt und Reichtum des Schweizer Films, als Hinweis, dass Kino immer ein Stück Welt und Kulturgeschichte enthält. Und vermutlich kämpft man auch ein wenig gegen den schlechten Ruf des heimischen Filmschaffens.

Lauter Selbsterzählungen

In der Kabine «Herkunft – Mythos» etwa vermischen sich folkloristische Sentimentalität, Klamauk und Videokunst, und die Bezüge zwischen Friedrich Genhardts «Wilhelm Tell» (1921) und dem ­Nationalheldenulk aus Fredi M. Murers «Chicorée» (1966) erwartet man gewiss nicht unbedingt. Doch viel mehr, als dass die Schweiz aus mythischen Quellen immer wieder neue Selbsterzählungen gewonnen hat, lernt man nicht.

Das Problem: Wo alles thematisch abgezirkelt wird, verstummen die Bilder. Sie folgen nur noch aufeinander, in einer aufgeräumten Clipshow des Nationalen. Was wir sehen, wird überlagert von der Frage, was wir wohl danach sehen, und so nivellieren sich die Inhalte gegenseitig. Sowieso überlässt es die liberale Zusammenstellung uns, in den Zwischenräumen der Filmschnipsel den Geruch der Schweiz zu schnuppern. Er weht nur zaghaft hervor. Die Schweiz bleibt ein Schnipselsalat, und gerade weil das eine mit dem anderen höchstens motivisch etwas zu tun hat, durchkreuzt die Ausstellung die eigene Absicht, anhand des Kinos vom Wandel des gesellschaftlichen Lebens zu erzählen.

Wir haben da einfach eine postmoderne Montage. Diese Ausstellung setzt nichts voraus und bedient sich zugleich dessen, was uns ausmacht. Sie will nichts bewerten und hat trotzdem ausgewählt. Am Schluss soll der Besucher ganz aufgeklärt die Ausschnitte mit der eigenen Lebenswirklichkeit synthetisieren. Hilfe kriegt er keine: Dass wegen des unverblümt gezeigten Kaiserschnitts in Eduard Tissés «Frauennot – Frauenglück» (1929) Männer in Ohnmacht gefallen sind, spiegelt den damaligen Zeitgeist gar nicht schlecht wieder, aber man muss es halt selber wissen. Hier sieht man einfach einen Kaiserschnitt und denkt sich seinen Teil oder auch nichts.

Kurz: Wer den Schweizer Film kennt, braucht diese Ausstellung nicht, wer ihn ein wenig kennt, kriegt eine Kompilation von Greatest Hits, und wer noch nie einen Film von Kurt Früh gesehen hat, sammelt ein paar Eindrücke. «Grosses Kino» bietet Volkskunde anhand des Exponats Schweizer Film, und zumindest unserer Zeit entspricht die Ausstellung ziemlich treffend: Der Filmclip, das ist doch die aktuell prominente Strategie der Blicksteuerung – sei es in Form von Internetvideos, Pop-ups, Werbescreens oder iPhone-Aufnahmen.

Wenn wir Clips in Netzwerken verteilen, bei Youtube nach Lieblingssongs für die Party suchen, von einem Fussball­spiel die Torvideos nachholen und bei Freunden Ferienvideos durchsitzen, wird unser Blick irgendwann so weit kulturell überformt, dass wir von bewegten Bildern erwarten, dass sie nach wenigen Minuten abgeblendet werden. Man bleibt konzentriert, weil man weiss: Bald folgt etwas Neues – oder ­wenigstens dauert das, was wir gerade sehen, nicht mehr ewig. Das Museum verstärkt diese Sprunghaftigkeit, denn dort wird jeder Film zum Loop: In der Endlosschleife kann man nichts mehr verpassen und muss deshalb auch nicht bleiben.

Das Kino, das für eine bestimmte Zeit zum Hinschauen zwingt, wird dabei zum digitalen Bildspeicher aus einzelnen Augenblicken, aus «plot points», ­Effekten und Lieblingsmomenten. Umgekehrt kriegen wir von Filmen, die wir auf dem Laptop schauen, wegen der Dauerstörung durch Twitter und Mail nur noch Fragmente mit. Und manche Filmtitel, ob als illegaler Download oder als Angebot im Digitalfernsehen, begegnen uns so häufig, dass wir irgendwann denken, wir hätten sie tatsächlich gesehen und nicht nur den Trailer oder einen Ausschnitt. Es ist, als zerteilten sich die Bilder permanent von selbst, und wir fügen sie im Kopf wieder zusammen; zu etwas, das wir gar nicht wirklich erlebt haben.

Diese Erfahrung macht man auch im Landesmuseum: Zwischen all den ­Kugelblitzen des Schweizer Films merken wir plötzlich, dass das, was wir kennen, in Wahrheit nur das ist, was wir meinen, gesehen zu haben. Man überführt sich quasi selbst mit visuellen Indizien. Wer sich dann tatsächlich noch einen ganzen Schweizer Film ansehen möchte, für den hält das Museum eine Auswahl bereit: auf iPads.

Bis 19. 10., www.landesmuseum.ch Das Kino Xenix zeigt in seinem Sommer-Open-Air eine Reihe mit Dialektfilmen. www.xenix.ch

Erstellt: 04.07.2014, 14:51 Uhr

«Les petites fugues» von Yves Yersin (1979)

Pipe, der Bauernknecht aus dem Fluchtdrama «Les petites fugues» des Westschweizers Yves Yersin, kauft sich ein Moped und träumt vom besseren Leben.

«Die letzte Chance» von Leopold Lindtberg (1945)

In diesem brisanten Flüchtlingsdrama gelingt während des Zweiten Weltkriegs zwei alliierten Militärs die Flucht aus Italien. In den Schweizer Alpen geraten sie ins Visier der Nazis.

«Cafe Odéon» von Kurt Früh (1959)

Emil Hegetschweiler gibt den Kellner in Kurt Frühs Zeitbild der beginnenden Sechzigerjahre, in dem farbige Charakter im Odeon sitzen und eine junge Frau ihren Mann sucht, der allerdings im Gefängnis sitzt.

«Die Herbstzeitlosen» von Bettina Oberli (2006)

Was es wohl in der grossen Stadt so gibt? Die alten Freundinnen aus «Die Herbstzeitlosen» kaufen in Bern Stoff für ihre Lingerie-Boutique im Emmental ein.

Die Aufteilung in enge Videokabinen im Landesmuseum hat fast etwas Anrüchiges. Foto: Schweizerisches Nationalmuseum

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