Diese haarige Geschichtsstunde macht grossen Spass

Der zweite Streich am Theater Neumarkt: Barbara Weber begeistert mit ihrer «Hair Story» das Publikum.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Erleichterung mischte sich in den Schlussbeifall. Nach der enttäuschenden Bühnenversion von Lars von Triers Film «Der Boss vom Ganzen» zündete anderntags die «Hair Story». Ein Kontrastprogramm. Wo Kollege Rafael Sanchez fad bleibt, lässt Kodirektorin Barbara Weber Assoziationen, Witz und Fantasie wuchern – der Start der neuen Neumarkt-Leitung ist gerettet.

Eines immerhin teilen die zwei Eröffnungspremieren: die Spielfreude. Wenn nicht vieles täuscht, hat das Neumarkt-Theater ein tolles neues Ensemble. Eines, das auch schwächere Inszenierungen ansehnlich macht. Und den gelungenen Glanz gibt. Mit Lust an der Verwandlung, die ansteckt. Wie im «Boss vom Ganzen» werden auch in der «Hair Story» ständig Rollen, Perücken und Klamotten gewechselt. Afro-Look und Langhaar-Mähnen, Lackstiefel und Rollerblades, Indio-Seide, Jesus-T-Shirt und Stammesfedern (Bühne und Kostüme: Sara Giancane). Gleich zu Beginn rattern die Schauspieler die Figuren herunter, die sie spielen werden, von Musical-Helden über zerbombte Vietnamesen und Ku-Klux-Klan-Anhänger bis Charles Manson und Janet Joplin.

Doch eine platte Parodie auf die ollen 68er und ihr Leitmusical «Hair» ist der Abend nicht. Schon mit dem Intro signalisiert Weber, dass es nicht um das x-te Bashing zum 40. Geburtstag geht. Michael Haves an der Orgel lässt Bachs Johannes-Passion aufbrausen: «Herr, Herr, Herr!». 1968 und damit die «Hair Story» sind bei allen Lachnummern auch Notruf und Leidensgeschichte. Mit der Tet-Offensive des Vietcong gegen die US-Armee beginnen Jahr und Aufführung. Und der Vietnamkrieg durchzieht nicht nur «Hair», sondern auch den Rückblick am Neumarkt.

«Was ist eigentlich ein Hippie?»

Die 100 Minuten sind eine so anregende wie vergnügliche Geschichtsstunde. Lehrer sollten mit ihren Klassen das Theater stürmen! «Was ist eigentlich ein Hippie?», fragt der Schauspieler Thiemo Strutzenberger und schaut arglos aus einem helvetischen Chaletfenster. Worauf Kollege Sebastian Rudolph dank Bertelsmanns Universallexikon erschöpfend Antwort weiss. Ein Märchen wird erzählt, es waren einmal Blumenkinder und freie Liebe, ein multirassisches Musical und das Peace-Zeichen, Flower-Power und Kriegsdienstverweigerung. Die Sängerin Stella Spinas stimmt mit Inbrunst «Aquarius» an, den Song vom anbrechenden, paradiesischen Wassermann-Zeitalter, und der Chor verrenkt sich selig bekifft dazu.

Wie jedes Märchen hat auch dieses seine dunklen Seiten. Nicht nur, dass die Klampfe angesichts der Verdammten dieser Erde zur Knarre werden kann. Auch sonst ist es mit der Unschuld nicht allzu weit her. «Hair» wird kein Opfer des alles verschlingenden Marktes, sondern ist von Anfang an auf Markenartikel getrimmt. «Haschisch, Cocaine, Heroin, Opium, LSD . . . », singen die psychedelischen Helden und recken die Hintern zur Spritze hin. Der Guru labert von Befreiung und lebt als Macho.

Barbara Weber und ihr Team verklären 68 nicht. Der revolutionäre Jargon, vom Zettel gelesen, fällt flach. Schaurig komisch wirkt das TV-Interview von Günter Gauss mit Rudi Dutschke. Hitler-Freundin Leni Riefenstahl rückt den Hippies mit der Kamera auf den Lamm- und Lauspelz, als seien sie ein rarer Negerstamm. «She asked me why/ I'm just a hairy guy», hebt hinreissend der Schauspieler Jörg Koslowsky an. Auch seine Kollegin Alicia Aumüller kann ein Liedchen singen. «I'm a coloured spade, a nigger», weiss sie mit rauchiger Stimme, nachdem sie bei den «Hair»-Bossen durchboxen musste, dass die Rollen der Schwarzen mit Schwarzen besetzt werden.

Ernüchterung macht sich breit. Die Rebellion verpufft, und auch der Theaterabend verliert an Kontur. Bis die Veteranen sich zur Talkrunde treffen. Und es am Ende, dank vielen Glühlämpchen, doch noch einen Lichtschimmer gibt: «Let the sunshine in . . . ».

Erstellt: 06.10.2008, 09:31 Uhr

Blogs

Mamablog Papas Notenverweigerung

Geldblog Investieren Sie 3.-Säule-Gelder vorsichtig

Die Welt in Bildern

Reparaturen am Schiff: Ein Mann arbeitet auf einer Werft entlang des Buriganga Flusses am südlichen Rand der Stadt Dhaka in Bangladesch. (15. Oktober 2019)
(Bild: Zakir Hossain Chowdhury/NurPhoto/Getty Images) Mehr...