Du sollst dir ein Bild machen

Das Zürcher Landesmuseum zeigt die Ausstellung «Swiss Press Photo 15». Die Schweizer Pressefotografie hat internationales Niveau.

Jean Revillard porträtierte Menschen, die in Frankreichs Natur Heilung von elektromagnetischen Wellen suchen. Foto: Jean Revillard

Jean Revillard porträtierte Menschen, die in Frankreichs Natur Heilung von elektromagnetischen Wellen suchen. Foto: Jean Revillard

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Wer erinnert, erinnert multimedial. Gerüche, Geräusche, Gefühle – und Bilder. Unsere Erinnerung speist sich hauptsächlich via Bild. Das Bild zur Katastrophe, zur Siegesfeier, zum Fussballspiel; in den Medien machen Fotos den Text im Wortsinn bildlich und damit vorstellbar. Bilder sind Einstiegshilfe und Handlauf für ein Thema.

Doch wann ist ein Pressebild ein ­gutes Pressebild? Wenn es umstandslos zugänglich ist, eingängig, griffig – und überraschend. Dem Wesen der Presse­fotografie auf der Spur ist die Ausstellung «Swiss Press Photo 15», die jährliche Bestenschau im Landesmuseum Zürich. Und was dort zu besichtigen ist, ist schlicht ein starkes Stück. Bilder, die aktuell sind und zeitlos zugleich (Jean Revillards «Les électrosensibles»); Aufnahmen mit der Wirkung von Brandzeichen oder sanfter Nesseln (Kostas Maros’ «Cabaret Bizarre»). Sportbilder als Symbolbilder, die einen Tennismatch in ein Porträt eines Himmelsstürmers fassen (Roger Federer von Valerio Di Domenico).

All dies ergibt eine Antwort auf die Frage: Wieso findet die Qualitäts­debatte, die den Medienwandel begleitet, nicht mit ähnlicher Vehemenz statt, wenn es ums Bild geht? Wer die Ausstellung «Swiss Press Photo 15» kennt, wagt die spitze These: Weil die Qualität des Pressebildes möglicherweise grösser ist als jene der veröffentlichten Texte.

«Swiss Press Photo 15» zeigt einen Jahrgang, der durch vier Dinge auffällt. Er ist tendenziell monochrom, künstlerisch, männlich und auf Porträts fixiert. Denn nichts interessiert Menschen bekanntlich stärker als andere Menschen. Folgerichtig handelt das Siegerbild von Yvain Genevay das Thema Krieg und Flucht anhand einer syrischen Flüchtlingsfamilie ab. Genevay fotografierte sie in Domodossola auf einer Parkbank sitzend, den Vater, drei Kinder, die Mutter – der Platz neben ihr ist leer. Hier sässe das jüngste Kind, das die 22-Jährige auf der Flucht verloren hat. Doch erst dieses Wissen macht das Bild zu einem besonderen. Ist Genevays Foto jenseits der Aktualität das beste Pressebild des letzten Jahres? Die Jury befand Ja.

Die siebenköpfige Jury hat aus 3147 Bildern von 232 Fotografinnen und Fotografen rund 90 Bilder für die Ausstellung ausgesucht. Und wenn das Gros internationales Niveau hat, gilt das erstrangig für Jean Revillards Aufnahmen über Menschen, die in der Natur Heilung und Erholung von elektromagnetischen Wellen suchen. Juror Ruben Sprich (Cheffotograf der Agentur Reuters) attestiert diesen Bildern «World Press Photo»-Qualität. Zu Recht: Zugänglich ohne Vorwissen zeigt sich hier die allumfassende Verstörung. Porträtbilder von Menschen als Sinnbilder einer Zeit.

Bis 5. Juli.

Erstellt: 23.04.2015, 18:03 Uhr

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Swiss Press Photo 2015

Swiss Press Photo 2015 Die ausgezeichneten Bilder der ausgezeichneten Schweizer Pressefotografen

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