Eine Frau narrt die Schweiz

Terroristin Petra Krause trieb den Bundesrat zur Weissglut. Lesen Sie hier bisher geheime Akten dazu.

Empfangen wie ein Popstar: Im August 1977 wird die deutsch-italienische Terroristin Petra Krause nach Italien ausgeliefert. Foto: Gianni Foggia (AP, Keystone)


Bern, 8. August 1977. Die Nerven im Büro von Bundespräsident Kurt Furgler liegen blank. «Was bedeutet dies?», fragt Furgler in die Runde. Anwesend sind an diesem Montag Kader der Bundesanwaltschaft, der Polizei- und Justizabteilungen. Im Stab von Furgler herrscht damals bereits seit mehreren Tagen Krise, nachdem die Zürcher Staatsanwaltschaft entschieden hat, eine Terroristin freizulassen. Namentlich geht es um die Deutschitalienerin Petra Krause, die zwei Sprengstoffanschläge in der Schweiz verübt sowie Waffen aus Armeebeständen an die RAF und an weitere terroristische Organisationen in ganz Europa geliefert hat.

«Individu dangereux»: Interpol-Steckbrief der Terroristin Petra Krause. Quelle: Schweizerisches Bundesarchiv.

Im August 1977 sitzt Krause deshalb bereits seit zweieinhalb Jahren in Haft. Nach zwei Hungerstreiks ist die 38-Jährige aber so abgemagert, dass man sie aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr länger in Gefangenschaft halten kann. Und dies ist es, was Kurt Furgler zur Weissglut treibt: «Ein Terrorist braucht nichts anderes zu tun, als dank eines Hungerstreiks krank zu werden, um zu erreichen, dass sich die Gefängnistore öffnen.» Gebe man dem nach, komme dies einem Eingeständnis der Machtlosigkeit des Rechtsstaates gleich, was – so Furgler – «gerade in Bezug auf diese Art von Straftätern schlicht und einfach unverantwortlich» sei.

Kurt Furgler gab sich nicht geschlagen. Das zeigen die Akten, zu denen der TA erstmals Zugang erhielt. Die Dokumente lassen uns nicht nur ins Büro des damaligen Bundespräsidenten blicken, sie zeigen auch, wie Furglers Departement mit einer Intervention beim Bundesgericht alles unternahm, damit Krause weiterhin in Haft gehalten werden konnte. Die Schweizer Regierung wollte offensichtlich eine harte Hand gegenüber «dieser Art von Straftätern» beweisen, die Europa damals in Atem hielten: Nur wenige Tage vor der Krisensitzung in Furglers Büro war mit Jürgen Ponto der Vorstandschef der Dresdner Bank von Mitgliedern der RAF bei einem Entführungsversuch getötet worden.

Auffällig konspiratives Verhalten

Die Ermordung Pontos weist in den Deutschen Herbst, der seinen blutigen Höhepunkt Mitte Oktober 1977 erreichte: mit der Geiselnahme des Arbeitgeberpräsidenten und früheren SS-Offiziers Hanns Martin Schleyer und der Entführung der Lufthansa-Maschine Landshut, mit der elf RAF-Mitglieder aus Stuttgart-Stammheim freigepresst werden sollten. Bundeskanzler Helmut Schmidt ging nicht auf die Forderungen der RAF ein. Am 18. Oktober 1977 wurde Schleyer von den Terroristen getötet; die RAF-Mitglieder Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe brachten sich in der gleichen Nacht um.

«Der Kampf gegen den Terrorismus muss mit den Waffen des Rechtsstaates gewonnen werden» Kurt Furgler

Mit der Todesnacht von Stammheim endet das sogenannte rote Jahrzehnt, in dem es in ganz Europa zu Entführungen und Sprengstoffanschlägen von Linksterroristen kam – und in dem sich auch die Schweiz mit der Frage konfrontiert sah, wie sich der Rechtsstaat gegenüber jenen verhalten soll, die seine Prinzipien unterlaufen, ihn gar zerstören wollen. Dafür steht der Fall Petra Krause.

Der Kampf gegen die Morde der Terroristen müsse «mit den Waffen des Rechtsstaates gewonnen werden», erklärte Furgler im September 1977 bei einem Staatsbesuch von Bundespräsident Walter Scheel in Bern. Aber anders als in Deutschland, wo Helmut Schmidt mit seiner harten Entscheidung der RAF eine Niederlage zufügte, sollte das rote Jahrzehnt für die Schweizer mit einer Schmach enden und aufzeigen, wie fragil der Staat damals war – angesichts einer einzigen Terroristin.

Dabei hatten die hiesigen Behörden bis in den Sommer 1977 hinein ziemlich souverän agiert: Die Zürcher Polizei hatte Ende 1974 einen Hinweis auf Krauses Terrorzelle erhalten, zu der mit Urs Städeli, Peter Egloff und Daniele von Arb drei Schweizer gehörten. Und gerade die verhielten sich auffällig konspirativ: «Regelmässig suchten sie abends die Telefonkabinen am Albisriederplatz, Lindenplatz und Farbhof auf, um dort offensichtlich auf eingehende Telefonanrufe zu warten», heisst es in einem Bericht der Zürcher Stadtpolizei.

Bei einer Telefonüberwachung wurde die Polizei schon bald Zeuge, wie Mitglieder von Krauses Gruppe ihren spektakulärsten Coup planten: ein Attentat auf den Schah von Persien, der sich Anfang 1975 im Hotel Dolder aufhielt und sich dort auch mit dem amerikanischen Aussenminister Henry Kissinger traf.

Peter Egloff: «Hast gelesen, die Zeitung, gestern? Die Spezialisten sind eingefahren.»

Urs Städeli: «Was ist wegen den Spezialisten gestanden im ‹Tages-Anzeiger›?»

Egloff: «Es steht dort, sie sind eingefahren, amerikanische Spezialisten. Ich habe mir schon gedacht, wie man es machen könnte.»

Peter Egloff hatte entdeckt, dass zwei Schachtdeckel nur etwas mehr als eine Autolänge auseinanderlagen. Es wäre also möglich, ein Attentat nach dem Vorbild der baskischen ETA zu verüben, die zwei Jahre zuvor mit Luis Carrero Blanco die rechte Hand Francos – samt gepanzertem Auto – in die Luft gesprengt hatten. Aber in Zürich sei das «än Heisse», wie Egloff meinte: «Es ist doch nicht so einfach, wie man es sich vorstellt.»

Städeli: «Aber, wenn der andere Jogg kommt, dä Kissinger...»

Egloff: «Wir besprechen es nicht am Telefon.»

«Hast gelesen, die Zeitung, gestern?»: Peter Egloff und Urs Städeli planen ein Attentat auf den Schah von Persien. Quelle: Schweizerisches Bundesarchiv.

Am 20. März 1975 wurde Petra Krause in Zürich verhaftet, als sie am Bellevue eine Strasse überqueren wollte. Sie habe hinter sich einen Mann gehört, der ihr schnaufend nacheilte: «Frau Krause... Frau Krause... im Unterbewusstsein hatte ich schon kapiert», erinnerte sie sich später. «Ein Typ hielt mich von hinten am Arm fest, und während er mir irgendeinen Wisch unter die Nase hielt, wurde ich bereits von einem anderen auf Waffen abgetastet.» Es sei eine Szene wie bei Kafka gewesen: «Wo immer mein Blick hinfiel, links und rechts der Strasse, überall standen Reihen von Bullen in Zivil und starrten auf die Szene.»

In der Öffentlichkeit kursierten schon bald Informationen, mit denen man Krauses Taten erklären konnte: Ihre ersten Lebensjahre habe sie im Konzentrationslager von Auschwitz verbracht, ihre Eltern seien in den Gaskammern umgekommen; ihr selbst hätten die Nazis in einem Menschenversuch Plastikeingeweide implantiert. Diese Erfahrungen hätten in Krause den Widerstand gegen die Repression geschürt. Nachgeprüft wurde diese machtvolle Erzählung nie. Krause selbst sollte später erklären, es seien der Neofaschismus und die Aktionen von Baader-Meinhof gewesen, die sie politisiert hätten, darunter das Sprengstoffattentat der RAF von 1972 auf die Armeebasis in Heidelberg, wo damals Napalmgas für den Vietnamkrieg umgeladen wurde.

In der Untersuchungshaft machte Krause keine Aussagen zu ihren Motiven und Taten. Damit wandte sie eine Strategie der RAF an, die sich den Polizeiverhören verweigerte. Anders die Schweizer Mitglieder von Krauses Gruppe: Sie waren geständig, und so konnte die Polizei schon bald alle Taten rekonstruieren, auch die Anschläge auf die spanische Botschaft in Bern und die Bank Hanover Trust in Zürich, an denen Krause beteiligt war. Wobei Letzteres eine Verwechslung gewesen sei: Eigentlich hätten sie zur Unterstützung der RAF-Häftlinge ein deutsches Unternehmen angreifen wollen; getroffen wurde eine amerikanische Bank.

In Rafz hortete die Gruppe Hunderte Granaten und Minen.

Unprofessionell darf man die Gruppe um Krause dennoch nicht nennen. Das zeigte das Lager mit Sprengstoff, Waffen und Munition, das die Polizei unter dem Fussboden einer Forsthütte auf dem Gebiet der Gemeinde Rafz aushob. Insgesamt 400 Handgranaten, 260 Tretminen, 12 Streuminen und 24 Panzerminen sollen die Terroristen aus Schweizer Armeebeständen gestohlen haben; einiges davon tauchte im Herbst 1974 bei den Roten Brigaden in Italien auf, anderes bei den französischen Gauchistes, beim Direktorium der Palästinenser des Venezolaners «Carlos» in Paris, bei griechischen und iranischen Terroristen. Die Polizei hatte zudem Belege dafür, wie eine Maschinenpistole, die Krause unter ihrem Bett in einer Wohnung an der Wildbachstrasse versteckt haben soll, an ein RAF-Mitglied übergeben wurde; die Waffe wurde im April 1975 nach der Geiselnahme in der deutschen Botschaft von Stockholm gefunden.

Weitere Täter und Mitwisser in der Schweiz konnten nicht ausgemacht werden, obwohl die Polizei Telefongespräche von Krause fleissig auswertete, sodass die Akten sich wie ein Who’s who der linken Szene lesen. Offensichtlich funktionierte der Überwachungsstaat schon damals gut. Trotz Kontrolle des Postverkehrs kam es während Krauses Haft aber wiederholt zu Zwischenfällen: Mitte Februar 1977 wurden einem Wärter 50'000 Franken angeboten, damit er Krause die Flucht ermöglichte. Einen Monat später wurde im Duschraum des Gefängnisses ein Häftling entdeckt, der Stichwaffen und ein Objekt auf sich trug, das wie eine Schusswaffe aussah: eine Pistolenattrappe, aus geschwärzten Kartonschichten zusammengeleimt. Krause habe mit Mithäftlingen eine Geiselnahme geplant und mit einem vor dem Gefängnis wartenden Auto fliehen wollen, ergaben Ermittlungen der Polizei.

Die gescheiterten Fluchtpläne waren nicht die ersten Versuche, Krause aus der Haft zu befreien: 1976 wurde eine Air-France-Maschine nach En­tebbe entführt. Die Terroristen drohten, alle 250 Passagiere zu erschiessen, sollten nicht 53 palästinensische Freiheitskämpfer freigelassen werden, von denen sich die meisten in Israel, Frankreich und Deutschland, eine aber auch in der Schweiz in Haft befinde: Petra Krause. Kurt Furgler lehnte die Freilassung mit einer lakonischen Erklärung ab: «Die schweizerische Regierung stellt fest, dass sich in schweizerischen Gefängnissen keine palästinensischen Freiheitskämpfer befinden.» Nach der Entführung der Air-France-Maschine war für die Schweizer Behörden klar, dass Krause zur Führungsgruppe der westeuropäischen Anarchistenszene zählte, wenn sie als Jüdin auf der Forderungsliste der Palästinensischen Befreiungsfront stand.

So klar und entschieden, wie der Bundesrat im Sommer 1976 gegenüber den Terroristen auftrat, war die Sache aber offenbar nicht. In einem Dokument der Bundesanwaltschaft, das noch während der Entführung angelegt wurde, ist von einer «Interessenabwägung» die Rede: Auf der einen Seite stünden das Prinzip des Rechtsstaates und die Überlegung, dass Krauses Freilassung «weitere Täter zweifellos ermutigen würde». Andererseits werde bei einer Geiselnahme der Tod von über 250 Menschen riskiert, «wobei wir allerdings nicht beurteilen können, wie gross die Gefahr ist, dass die Terroristen ihre Drohungen in die Tat umsetzen». Letztlich sei die Entscheidung über Leben und Tod der Geiseln gar nicht bei den Schweizer Behörden gelegen, dafür bei den anderen Staaten, die direkter von der Entführung betroffen waren.

Beim «Entscheid über die Forderung der Terroristen geht es um eine Interessenabwägung»: Der Schweizer Bundesanwalt schiebt die Verantwortung ans Ausland ab. Quelle: Schweizerisches Bundesarchiv.

Der Vorgang, dass die Schweizer Regierung ihre Verantwortung an andere Staaten abtrat, wiederholte sich, als der Druck von verschiedenen Seiten wuchs: Im Dezember 1975 schleudern Vermummte mehrere Molotowcocktails in ein Swissair-Büro in Mailand. Niemand wurde verletzt. Aber danach herrschte Panik bei den Schweizer Vertretern in Italien. «Gewaltsame Angriffe auf Leib und Gut von Schweizern» lägen in der Luft, erklärte der Botschafter in Rom. Wenn es nach ihm ginge, sollte sich der Bundesrat dem Druck der Proteste beugen und bei der Zürcher Justiz intervenieren, damit Krause «raschmöglichst aus der Haft entlassen werde!». Die Bundesanwaltschaft war entsetzt.

Heftige Proteste wegen der Inhaftierung von Krause gab es aber nicht nur in Italien, sondern auch in Portugal, Österreich und Deutschland. Der Sicherheitsbeauftragte des EJPD fragt daher beim Chef der Bundespolizei nach, «ob man nicht bei den Zürcher Behörden ‹stupfen› und um Beschleunigung des Verfahrens ersuchen könnte». Die Situation würde «doch langsam penibel». In Bern fürchtete man aber weniger um die Sicherheit der Auslandschweizer als um die politisch-wirtschaftlichen Beziehungen: Italien hatte bereits 1975 ein Auslieferungsgesuch gestellt, damit Krause für zwei Taten vor ein Gericht in Neapel gebracht werden konnte – wegen eines Brandanschlags auf eine Phosphorfabrik in Mailand sowie wegen Hehlerei mit Waffen. In Italien gab es zudem eine wachsende Solidarität für Krause: Franca Rame und deren Mann, der spätere Literatur-Nobelpreisträger Dario Fo, hatten sich in einer Kampagne für Krause eingesetzt, worauf Furgler Hunderte Unterschriftenbögen und Briefe erhielt, von denen viele bis vor kurzem ungeöffnet im Bundesarchiv lagen.

Angst ums Steuerabkommen mit Italien

Die Spannungen erreichten ihren Höhepunkt, als Ende Juli 1977 eine Delegation mit weiblichen Abgeordneten aus Italien nach Zürich reiste, um sich für Krause einzusetzen. Unter ihnen Susanna Agnelli, die Schwester des Fiat-Direktors Giovanni Agnelli. Im Aussendepartement fürchtete man, der Besuch dieser «frustrierten und verärgerten Parlamentarier» könnte den Schweizer Interessen in Rom schaden. Besorgt war man vor allem um das Doppelbesteuerungsabkommen, das die Schweiz im März 1976 mit Italien abgeschlossen hatte und das zwei Jahre später in Kraft treten sollte. Um dieses Abkommen nicht zu gefährden, sollten die Politikerinnen zuvorkommend behandelt werden; man solle sie «wenigstens durch einen kompetenten Juristen empfangen», mit ihnen sprechen «und ihnen Unterlagen und Informationen zur Verfügung» stellen, heisst es in einer Anweisung des EDA.

Isolationshaft einer politischen Gefangenen, «faschistische» Haftbedingungen, «Menschenrechtsverletzungen»: Die Vorwürfe, die gegen die Schweizer Justiz erhoben wurden, waren heftig. Die Behörden versuchten, sie als «Hetzkampagne» und «italienisches Kesseltreiben» abzutun. Am 21. Juli 1977 hielten jedoch zwei Ärzte in Gutachten fest, dass die Gefangene nicht mehr «hafterstehungsfähig» war; Krause brauche längere Zeit, um sich zu erholen, bevor man ihr den Prozess machen könne. Anfang August 1977 beschloss die Staatsanwaltschaft des Kantons Zürich daher, die Terroristin aus der Sicherheitshaft zu entlassen. Von da an liefen die Drähte in Bern heiss: Das Bundesgericht erliess eine superprovisorische Verfügung, mit der man Krause weiter in Haft halten konnte. Am Tag nach der ersten Besprechung traf sich der Stab von Furgler erneut, um zu beraten, wie man endlich einen Schlusspunkt unter den Fall Krause setzen konnte.

«Wie ist es möglich, dass Petra Krause weder selbst ausreissen (nicht wahrscheinlich) noch entführt (eher möglich, ‹Märtyrerin›) werden kann»: Der Bundesrat lässt seinen Kopf rauchen. Klicken Sie hier, um das komplette Protokoll der Sitzung mit dem Bundesrat als PDF herunterzuladen.
Quelle: Schweizerisches Bundesarchiv.

Zwei Szenarien wurden erwogen: Das erste sah vor, dass Krause sich in einer Davoser Höhenklinik erholte, bis sie prozessfähig war. Aber konnte sichergestellt werden, dass Krause nicht aus der Klinik floh oder von Sympathisanten entführt wurde? In der Bevölkerung würde es «einen grossen Schock auslösen» und die Schweizer Justiz «lächerlich» machen, wenn Krause entkäme, meinte Furgler.

Erwogen wurde deshalb ein zweites Szenario: Demzufolge würde Krause nach Italien ausgeliefert, wo man ihr den Prozess wegen der dort verübten Delikte machen konnte. Danach sollte sie wieder in die Schweiz überstellt werden, wo sie sich vor Gericht wegen der Sprengstoffanschläge in Bern und Zürich verantworten müsse. Diese Variante habe den Vorteil, dass Italien eine völkerrechtliche Verpflichtung eingehe, wie Furgler meinte: «Wird diese nicht eingehalten, kann man zumindest nicht mehr uns dafür verantwortlich machen.» Die Teilnehmer der Diskussion waren sich uneins, welcher Variante man den Vorzug geben solle. Schliesslich entschied sich Furgler für die vorübergehende Auslieferung, mit der man die Verantwortung an Italien delegierte.

So kam es, wie es kommen sollte: Petra Krause wurde am 15. August 1977 mit einer Swissair-Maschine nach Rom geflogen, wo man sie wie einen Popstar empfing. Und es geschah, was einige in Furglers Stab vermutet hatten: Von einem Gericht in Neapel wurde Krause im November 1978 mangels Beweisen freigesprochen. Die Schweizer hofften, dass Krause nun zurückgeführt würde. Vergeblich. Aus gesundheitlichen Gründen war dies nicht möglich, wie Ärzte bestätigten. Die Aussicht auf eine Rückführung tendierte damit gegen null. Krause wurde aber weiter observiert. So registrierte die Bundespolizei 1979 ein Treffen mit Res Strehle, dem späteren Chefredaktor des «Tages-Anzeigers», «der in einer Promenade in Neapel in Begleitung der Krause Petra festgestellt wurde», wie es in einer Fiche von Krause heisst. Res Strehle tritt dem entgegen: «Nachdem ich Elena Ferrante gelesen habe, wäre ich gerne mal in Neapel gewesen. Ich war aber noch nie dort und auch nie mit Petra Krause unterwegs.»

Deal mit der Zürcher Staatsanwaltschaft

Petra Krause blieb auch in den folgenden Jahren ein Spielball zwischen Italien und der Schweiz: 1979 machte der italienische Ministerpräsident den Vorschlag, den Schweizer Werner Rudolf Meier zu begnadigen, der damals seit 24 Jahren unschuldig in einem Gefängnis in Italien sass. Im Gegenzug sollten die Schweizer die Prozessführung gegen Krause an Italien übertragen. Bundesrat Furgler lehnt diesen Vorschlag ab: Zwischen Krause und Meier dürfe kein Zusammenhang hergestellt werden. «Der Druck der öffentlichen Meinung dürfte ohnehin in absehbarer Zeit zur Begnadigung Meiers führen.» Tatsächlich kam Meier noch im gleichen Jahr frei.

Die Schweiz solle «Schluss machen», dafür würde Werner Rudolf Meier begnadigt, der 24 Jahre lang unschuldig in Haft sass: Italien schlägt der Schweiz einen Kuhhandel vor. Schwärzungen im Dokument aus Gründen des Persönlichkeitsrechts. Quelle: Schweizerisches Bundesarchiv.

Krause blieb in Italien und gab in einem Interview zu Protokoll, Gewaltfreiheit sei ein «bourgeoiser Luxus». Im Mai 1980 legte sie auf der Botschaft in Rom ein Geständnis ab über die beiden Sprengstoffanschläge in der Schweiz. Verbunden war damit ein Deal, den Krauses Anwalt Bernard Rambert eingefädelt hatte: Das Geständnis gab den Zürcher Behörden die Möglichkeit, die Anklage zurückzuziehen und beim Obergericht neu einzubringen, wo ein Verfahren in Abwesenheit möglich war.

Im März 1981, etwas mehr als sechs Jahren nach ihrer Verhaftung, wurde Petra Krause in Abwesenheit zu dreieinhalb Jahren Gefängnis sowie zu 15 Jahren Landesverweis verurteilt. Da sie bereits mehr als zwei Drittel ihrer Strafe in Haft verbüsst hatte, wurde im April 1982 beschlossen, dass sie den Rest nicht mehr absitzen musste. Bereits vor dem Prozess kam es deshalb zu Vorwürfen: Die Zürcher Justiz und die Bundesbehörden würden an Glaubwürdigkeit verlieren, «wenn es entgegen allen bisherigen Erklärungen plötzlich möglich sein sollte, das Gerichtsverfahren ohne Anwesenheit der Angeklagten durchzuführen», schreibt der Direktor des Bundesamtes für Polizeiwesen in einem Brief an die Zürcher Staatsanwaltschaft.

Die Schweizer Regierung musste sich damit abfinden, dass sie eine Schmach erlitten hatte: Ihr war es nicht gelungen, Krause vor ein Schweizer Gericht zu bringen. Die Behörden waren aber nicht unglücklich, dass sie die Terroristin nach Italien ausgeliefert hatten: Das gewählte Vorgehen, habe «zwar nicht dazu geführt hat, dass Petra Krause wieder in der Schweiz erschien», schreibt das Bundesamt für Polizeiwesen im April 1982. Andererseits sei zu betonen, dass die Entscheidungsfreiheit der Zürcher Strafverfolgungsbehörden gewahrt blieb. «Zumindest theoretisch», wie es im Dokument zuhanden von Kurt Furgler heisst.

Wir danken dem Bundesarchiv, der Bundesanwaltschaft, dem EJPD und dem EDA für den Aktenzugang. Der Artikel musste vor Veröffentlichung dem EDA zur Prüfung eingereicht werden. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.09.2017, 22:44 Uhr

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