Fänger des Lichts

Ohne Pio Corradi wäre der Schweizer Film ein anderer – 36 Szenen aus dem Leben des Kameramanns.

Hat dem Schweizer Film ein unverwechselbares Gesicht gegeben: Pio Corradi. Foto: Keystone (März 2018)

Hat dem Schweizer Film ein unverwechselbares Gesicht gegeben: Pio Corradi. Foto: Keystone (März 2018)

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1
Er stellt die Krücken an die Wand, stützt sich mit beiden Händen auf den Tisch, setzt sich langsam und fragt aus bleichem Gesicht: Was willst du wissen? Alles. Dann frag, sagt Pio Corradi, Fotograf und Kameramann. Wo, wann, wie wurdest du geboren? Am 19. Mai 1940 im Schlafzimmer meiner Eltern in Buckten, Baselland, ganz normal, unter Schmerzen. Deine älteste Erinnerung?

2
Der Bub, vielleicht fünf Jahre alt, kurze Hose, quert das Geleise der Bahn, Sissach–Läufelfingen–Olten, tritt in den Wald, es ist Sommer 1945, der Krieg vorbei, kein Offizier mehr im Haus, das der Vater, Baumeister in Buckten, gebaut hatte, 500 Einwohner, Basel-Landschaft. Pio, das jüngste von sechs Geschwistern, geht einige Schritte, bückt sich zu einem Wurm, schweigt, setzt sich neben das Tier, wagt nicht, es zu berühren: Du hast es gut, brauchst keine Beine. Das Kind geht durch den Wald, es kennt jeden Weg, steigt schliesslich auf einen Fels, seinen Fels, vielleicht drei Meter hoch, und hockt sich ins Moos und wartet und schweigt und sieht das Licht, das durchs Laub der Bäume bricht. Es gibt mindestens zehn Grün, denkt Pio. Die Mutter fragt: Wo warst du so lange? Beim Licht, sagt der Bub.

3
Deine Kindheit? Pio, schmal und dünn geworden, halb so schwer wie einst, trommelt die Finger auf den hellen Tisch, schaut zur Wand, trommelt und schaut zur Tür, Spital Affoltern am Albis, erster Stock, Aufenthaltsraum. Das schönste Erlebnis meiner Kindheit? Es gab viele, sagt er. Das schlimmste?

4
Der Vater des Vaters hat ein schweres Motorrad und eine lange lederne Jacke. Pio, jetzt sechs, setzt sich auf die Moto Guzzi und legt sich zum Spiel in die Kurven des Homburgertals. Der Grossvater, Steinhauer, stammt aus Mantua und hatte zwei Söhne. Der ältere starb auf der Strasse von Sissach nach Buckten, es war Nacht, es regnete, ein Motorradunfall. Der jüngere, Pios Vater, wollte Schuhmacher werden, übernahm nun, da der Bruder tot, lustlos das Baugeschäft, Corradi GmbH. Er heiratete eine Frau namens Martha Bürgin, Tochter der Wirtsleute zum Mond, im Dorf gab es drei Gasthöfe, den Mond, die Sonne, den Sternen. Sie gebar sechs Kinder, trug jedes zur Taufe nach Rümlingen in die reformierte Kirche. Die Schwiegermutter, katholische Italienerin, bestand auf italienische Namen, Bruno, Livia, Eleonora, Enrico, Romea, Pio. Heiligabend feiert man zweimal, zuerst mit den Eltern im Haus, das der Vater gebaut hatte, dann, hundert Meter weiter, bei den Grosseltern, die nur Italienisch sprechen. Der Vater redet nicht viel, er hat einen Lastwagen, ein Auto, Pio sitzt neben ihm und schweigt. Er möchte ihn fragen, weshalb er selten lacht.

5
Pio steht im Dachzimmer, das ab und zu, wenn er nicht in Paris ist, ein Onkel bewohnt, Fritz Bürgin (1917–2003), Bildhauer, und öffnet eine Kamera, dann eine zweite, eine dritte, in jeder ein Film.

6
An manchen Abenden sitzen junge Frauen in der Stube am Ausziehtisch und binden buntes Papier zu Rosen, formen die Rosen zu den Wappen der Dörfer, die im Sommer nach Buckten kommen, um hier ein Turnfest zu feiern, ein Gesangsfest, ein Musikfest. Pio, sechs Jahre jünger als die Zweitjüngste, muss nicht ins Bett, er steht neben den Frauen, verliert sich in den Farben, im Gewäsch der Fremden.

7
Das Kind lädt Kohle in eine Schubkarre, die Eisenbahner aus der Lokomotive warfen, Sissach–Läufelfingen–Olten, bringt die Kohle nach Hause, Mama schiebt sie in den Ofen. Mama sagt: Du gibst mir warm.

8
Pio wagt nicht, den Vater zu fragen, weshalb er nie lacht.

9
Was bereust du? Er schiebt die schmalen Schultern hoch, trommelt die Finger auf den kleinen hellen Tisch. Wofür schämst du dich?

10
Der Bub, vielleicht sieben, trägt am Rücken einen Sack, darin zwei Meissel, Fritz, der Bildhauer, trägt drei Hämmer und sein jüngstes Werk, das bronzene Abbild von Carl Spitteler (1845–1924), Literaturnobelpreisträger, Bürger von Bennwil, Basel-Landschaft. Es ist Sommer, vielleicht 1947, früher Morgen. Onkel und Neffe wandern hinauf nach Känerkinden, dann hinab nach Diegten und wieder hinauf zum nächsten Hügel, nach zwei Stunden sind sie in Bennwil. Fritz holt die Plastik aus dem Sack, schlägt Löcher in einen Stein, schraubt das Gesicht des Dichters fest. Kinder schauen zu, eines, nicht älter als Pio flüstert: So sieht ein Künstlerbub aus. Fritz und Pio setzen sich in die Gartenwirtschaft nebenan, essen Rösti mit Spiegelei, besser als zu Hause in Buckten. Der Onkel sagt: Geh den Weg, den du gehen musst, es gibt keinen besseren. Der Neffe fragt: Was meinst du?

Pio, elf geworden, weiss, nun ist sie tot.

11
Pio, Schüler der zweiten Klasse, Gesamtschule Buckten, legt dem Vater sein Zeugnis hin. Der Vater dreht sich weg und sagt: Zeig es der Mama.

12
Ein Bruder der Mutter, Onkel Hans, Lehrer und Musiker, setzt sich sonntags an den Tisch und redet auf die Kinder ein, wer kein Instrument spiele, verpasse das Leben. Er zieht eine Geige aus einem schwarzen Kasten, reicht sie dem Jüngsten. Pio fasst sie am Hals und schlägt sie über die Kante des Tischs, Saiten reissen, das Griffbrett springt, Pio, vielleicht neun, duckt sich unter den Tisch, rennt ins Zimmer einer Schwester, das im Schloss einen Schlüssel hat, schliesst sich weg und gehorcht den Eltern nicht, die ihm befehlen, aus dem Raum zu kommen. Sie stellen Leitern ans Fenster, Pio verriegelt die Läden, bleibt drei Stunden lang im Exil, verlässt es erst, als sie geloben, ihn nicht zu bestrafen, weder mit Worten noch mit Geigen.

13
Er ist im Bett, Montagmorgen, sieben Uhr, das Telefon schellt, und Pio, elf geworden, weiss, nun ist sie tot. Seit einem halben Jahr liegt Mama im Spital zu Basel, Mama hat Krebs. Am Dienstag liegt ihre Leiche in der Stube, belagert von Blumen und Verwandten, Pio wartet in seinem Zimmer, Mama ist tot. Wenn du sie noch sehen willst, dann jetzt, gleich schliessen sie den Sarg, sagt Onkel Fritz, der Bildhauer, der unter dem Dach ein Zimmer hat und eines in Paris. Pio steht neben dem Sarg, sieht das gelbe Gesicht der Mutter, dieses tote gelbe Gesicht, jemand setzt den Deckel auf, Pio sieht ihr Gesicht, sieht es durch einen letzten schmalen Spalt. Draussen zieht ein Gewitter auf, die Welt blitzt und donnert, dann beginnt es zu regnen, draussen wartet das Pferd des Nachbarn, dem Totenwagen längst vorgespannt.

Endlich trägt man Mama aus dem Haus und schiebt sie auf den Karren, der sich plötzlich bewegt und das Dorf verlässt, gefolgt vom Umzug derer, die zu ihrer Beerdigung wollen, es regnet, es regnet und donnert, und jemand legt eine Decke über das Pferd. Irgendwo, vielleicht auf halbem Weg, stellt man sich unter Bäume und wartet und wartet und zieht dann weiter nach Rümlingen, dreihundert Menschen, wo der Friedhof ist. Die Mutter verschwindet in schwarzer Erde, Mama versinkt im Loch, Mama. Pio, elf, redet kaum noch, sucht die Nähe seiner Schwester Eleonora, weint. Mit Schwester und Grossmutter reist er nach Paris zu Onkel Fritz, Fritz hört Jazz, Sidney Bechet, Wild Cat Blues, «Petite fleur».

14
Dem Deutschlehrer der Bezirksschule Sissach gefällt, wie der Bub Gedichte vorträgt. Er befiehlt ihn in alle Klassen der Schule, und Pio, der eine Sechs erhält, aber schlechte Aufsätze schreibt, sagt auf: Im Wallis liegt ein stiller Ort, geheissen Aroleid. Es seufzt ein Gram im Namen fort, seit lang entschwundner Zeit. Ein Berghirt hing in Todsgefahr am steilsten Firnenrand. Ihn stiess hinunter dort der Aar, wo keiner mehr ihn fand. Auf grüner Matte sass sein Weib, das Kind ins Gras gelegt, sass sie und schaut’ mit starrem Leib hinüber, unbewegt. Hinüber, wo im Dämmerblau der Berg zur Tiefe schwand, und mit des Gipfels Silberau so still am Himmel stand. Voll bittrer Sehnsucht sprang sie auf und ging im Mattengrün mit schwankem Schritt und irrem Lauf und heissem Augenglühn. Da schreit ein Kind, ein Flügel saust wohl über ihrem Haupt – mit ihrem Kind zur Höhe braust der Aar, der es geraubt! Noch sieht das Wickelband sie wehn in der kristallnen Luft, dann sieht sie’s wie ein Pünktlein stehn im ferneblauen Duft. Dann nichts mehr, nie, solang sie lebt! – Sie nahm kein Trauerkleid. Doch von dem Leid, das dort noch webt, der Ort heisst Aroleid.

15
Wem bist du ewig dankbar? Was kannst du dir nicht verzeihen? Also, sagt er, was das Berufliche angeht, so habe ich, glaube ich, nie etwas geliefert, was vollkommen unbrauchbar war, unansehnlich, Schrott. Es gibt einige Filme, die ich besser nicht gedreht hätte, klar. Ich musste über die Runden kommen, auch klar.

16
Vielleicht ist es Sommer 1954. In Sissach, Basel-Landschaft, steigt Pio, begleitet von einem Klassenfreund und dem Mathematiklehrer der Bezirksschule, der beide das Fotografieren lehrte, in den Zug, vielleicht ist es Sommer 1953. Sie reisen nach Mailand, dann nach Sizilien und queren die Insel, fotografieren, was ihnen gefällt, Menschen, Kirchen, Tempel, und schlafen in Herbergen. Eines Nachts tritt ein Fremder in ihre Kammer, Pio, aus Angst, der Mann könnte ein Räuber sein, steckt sich die Kamera, die ihm der Lehrer geliehen hat, unters Hemd, eine Kodak Retina 24a, zieht den Schlafsack bis zum Hals, er schwitzt, kann nicht schlafen. Am Morgen hat er Läuse, setzt sich mit Freund und Lehrer in einen Zug, reist weiter, der Lokomotivführer fährt los und kommt jetzt, der Zug in Bewegung, aus dem Führerstand, geht langsam durch die Wagen und schaut sich die Menschen an, einmal, zweimal, setzt sich wieder in seine Kabine und flüstert, als Pio und der Freund den Zug verlassen: Che belli ragazzi.

Meine Stärke, wenn ich denn eine habe, ist das Dokumentarische, das Echte, Ungespielte.

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Er sitzt am Ausziehtisch in der Stube, Buckten, Basel-Landschaft, krümmt sich über Balsaholz, Pio ist vierzehn, baut sich einen Flieger. Hinter dem Dorf stellt er sich auf einen Hügel und schiebt das Geschöpf in den Wind, das schönste, beste, das er je hatte. Es fliegt und fliegt, quert das erste Tal, das zweite, verschwindet hinter Känerkinden. So sieht die Freiheit aus, denkt der Bub.

18
Manchmal träumt er von Mama.

19
Was ist ein guter Fotograf, ein guter Kameramann? Also, sagt er endlich, im Spielfilm bin ich nie glücklich geworden. Meine Stärke, wenn ich denn eine habe, ist das Dokumentarische, das Echte, Ungespielte. Lieber als mit Schauspielern habe ich es mit gewöhnlichen Leuten zu tun. Sie zu beobachten, oft stundenlang, mich in sie hineinzudenken, das ist vielleicht meine Begabung. Zu ahnen, wie sie reagieren, was sie als Nächstes tun. Um diesen Moment dann einzufangen, diskret, leise, mit Anstand. Ich kann nicht voraussehen, wann sie etwas tun, aber ich kann vermuten, dass sie etwas tun.

20
Das Zeugnis unterschreibt nun Papa.

21
Trockene Brustfellentzündung, Pio ist fünfzehn, Pleuritis sicca, Sanatorium Pro Juventute, Davos. Ein Patient, wenige Jahre älter, leiht ihm ein Buch, Jazz optisch, 71 Seiten, Dutzende von Fotografien. Endlich sieht Pio, wie die aussehen, die ihn nachts vors Radio holen, Dizzy Gillespie, Miles Davis, Thelonious Monk. Jeden Freitagnachmittag stellt ein Lehrer seinen Projektor in den Saal, sechzehn Millimeter, und zeigt amerikanische Filme, unterbricht hie und da und breitet aus, wie die Szene entstand, Schnitt und Gegenschnitt, Totale, Halbtotale, Detail, nah, halbnah. Als Pio die Klinik nach drei Monaten verlässt, weiss er: Er will zum Film, nicht als Schauspieler, nicht als Regisseur, sondern als der, der Bilder macht.

22
Es ist Samstagnachmittag, Pio schliesst sich in sein Zimmer weg, hört, was er sich auf einer Postkarte gewünscht hat, eine Stimme sagt: Und jetzt erfüllen wir den Wunsch von Pio Corradi aus Buckten, Baselland, eigentlich sind es zwei, «West End Blues», zuerst gespielt von Louis Armstrong, dann von Roy Eldridge. Pio erschrickt: Was denkt jetzt das Dorf? Dass ich ein Gestörter bin? Am Abend, wie fast jeden Abend, tritt er in die Käserei und holt Milch, keiner dreht sich zu ihm.

23
In der Zeitung liest er, der bekannte Schweizer Regisseur Kurt Früh stelle in Sissach seinen neuen Film vor, «Bäckerei Zürrer», Pio hört ihn sagen, bevor jemand Kameramann werde, sollte er Fotograf sein. Pio, siebzehn, verlässt das Dorf und zieht nach Basel zu einer Schwester, im Musikhaus Jecklin kauft er für 120 Franken ein altes Saxofon, nimmt Stunden am Konservatorium und besucht die Kunstgewerbeschule, macht eine Lehre als Fotograf.

24
Hat Fotografieren mit Liebe zu tun? Pio, bleiches Gesicht, weisses Haar, faltet die Hände, schweigt. Man kann es so sehen, sagt er plötzlich, ich gebe mir Mühe, die Menschen, die ich vor meiner Kamera habe, mit Respekt zu behandeln, ich will sie nicht zu Schauspielern machen, zu Ausführenden, ich will ihnen nicht befehlen, was sie zu tun haben, ich will sie nicht auf einen Drehbuchsatz hinuntermüllen, nicht auf eine Figur, auf eine Geschichte, eine Rolle, ich weiss nicht, ob man das versteht.

25
Der Lehre entkommen, leiht er sich eine Bolex, sechzehn Millimeter, befiehlt einen Kollegen auf den Liestaler Aussichtsturm, filmt, wie der übers Geländer will, filmt, wie eine Puppe vom Turm fällt, dann den Kollegen, der im Gras liegt, aufsteht, sich schüttelt und wegrennt. Wer zum Film will, muss zu den Leuten, die Filme machen, Pio zieht nach Zürich, bewirbt sich als Kameraassistent und arbeitet für wenig Geld. Halte das Ding, lehrt Ruedi Werner, Kameramann von Roman Brodmann (1920–1990), halte die Kamera so, als steckte sie in einem Schraubstock, unverrückbar und sicher.

Ein halbes Jahr lang arbeitet Pio an der Seite von Georges Alexath (1910–1979), Mitbegründer der Schweizer Filmwochenschau. Alexath dreht einen Film für die Weltausstellung Montreal 1967, Pio merkt sich, was der Alte tut, wofür er sich entscheidet, Totale, Halbtotale, Detail, manchmal leuchten sechs Scheinwerfer auf, sechsmal zehntausend Watt. Kaum ist der Film gedreht, assistiert er dem Kameramann des berühmten russischen Regisseurs Grigori Alexandrow (1903–1983), in die Schweiz gekommen, um sein neustes Werk zu schaffen, «Lenin in der Schweiz». Pio sieht zu, wie Alexandrow, Weggefährte Eisensteins, seine Motive wählt, wie er sie beobachtet und umkreist, wortlos, geduldig, und schliesslich beschliesst, sie in einem bestimmten Winkel zu filmen. Das Einfache, denkt Pio, ist das Wahre, die Plansequenz, das Wünschbare, eine lange Einstellung, unterbrochen von keinem Schnitt.

26
Pio, nun 42, dreht «Transatlantique», Buch und Regie: Hans-Ulrich Schlumpf, die Geschichte eines Ethnologen, der mit dem letzten Linienschiff nach Brasilien reist, um zu ergründen, wie Eingeborene leben, 1982. Auf dem Schiff Eugenio C. sieht er einen Mann, schmales Gesicht, grosse Hände, einen brasilianischen Landarbeiter, der zwei Jahre lang in Spanien war, kein Geld hat und nun zurück in seine Heimat fährt, leer, enttäuscht, Pio fragt den Mann, ob er ihn fotografieren dürfe, er drückt ab, nur einmal, und weiss, dass er nie ein besseres Bild machen wird.

Ein solches Foto wird er nie mehr schiessen: Brasilianischer Landarbeiter auf «Kursschiff nach Südamerika, 1982». Foto: Pio Corradi

27
Er steht vor einem gläsernen Treibhaus, die Tür ist offen, Pio tritt ein und sieht Pflanzen, die er noch niemals gesehen hat. Langsam drehen sich die Blätter zu ihm, sie haben Gesichter, Vogelgesichter. Und irgendwo steht ein Mann. Was sind das für Wesen?, fragt Pio. Zum ersten Mal, sagt der Mann, sei es ihm gelungen, Blumen mit Vögeln zu paaren. Seinen Traum erzählt Pio der Frau, die er seit Tagen filmt, Marie-Louise von Franz, späte Mitarbeiterin von C. G. Jung, bekannt für ihre psychologischen Deutungen von Märchen und alchemistischen Texten. Ihr Traum, Herr Corradi, ist zu fantastisch, als dass ich ihn deuten könnte.

28
1984, Amsteg, Kanton Uri, Pio und Fredi Murer, Regisseur, stehen vor dem Hotel und schauen hinauf zum Berg, es ist Morgen, Murer dreht «Höhenfeuer», das Drama einer Bergbauernfamilie, die Geschichte einer verbotenen Liebe, es regnet und regnet, Murer schimpft. Sei doch froh, sagt Pio, bestes Wetter für die Güllenszene.

Der Film wurde 1985 in Locarno mit dem «Goldenen Leoparden» ausgezeichnet: Szene aus Murers «Höhenfeuer». Foto: Fredi M. Murer

29
In New York sitzt er neben Menschen mit Aids, tagelang, sitzt und wartet und schweigt, 1988, «Bailey House: To Live As Long As You Can», Regie: Alain Klarer, Kamera: Pio Corradi. Einer, Abel, verschiebt sein Sterben von Tag zu Tag, bis Pio wieder neben ihm sitzt, keine Kamera dabei.

30
Er steht auf dem Deck der Eugenio C., schaut den Leuten zu und ahnt, dass etwas geschehen wird. Drei Schwestern reden über ihren Vater, der sich, im Liegestuhl schlafend, weigert, für immer zurückzukehren nach Argentinien. Pio setzt die Kamera an, die Frauen reden und schimpfen, der Vater erwacht, versteht nicht, spricht mit geschlossenen Augen, fragt endlich: Was kann ein Mann von 83 Jahren noch erwarten? 89, Papa, sagt die Tochter. Der Vater: Und wenn ich dann in Buenos Aires bin, sag mir, womit kann ich mich dort beschäftigen? Was soll ich arbeiten? Die Tochter: Warum arbeiten? Vater: Mit 83 Jahren. Antworte mir. Sag ich nicht die Wahrheit? Und ich sage dir noch etwas, schreit der Vater.... Tochter: Du kannst nicht mehr arbeiten, Papa. Vater: Ihr seid Frauen, davon versteht ihr nichts. Tochter: Papa, ob du willst oder nicht, du kommst mit uns. Immer heftiger wird der Streit, immer enger die Traube der Fremden, die zuhören und lauschen und lachen, und Pio denkt: Vielleicht die beste Szene, die ich je drehte, eine Plansequenz.

31
Tibet, 1996, er hockt im Zelt einiger Männer, die sich zum See Tsentso aufmachen, um dort Salz zu gewinnen, die Männer reden wenig, sie sitzen und spinnen, rufen ihre Götter an, einer steht auf und schaut aus dem Zelt, prüft den Himmel, das Land, setzt sich hin, spinnt Wolle und schweigt, Pio filmt, zwei Minuten, drei, vier, vielleicht die beste Szene. Sechs Wochen lang ist er mit vier Männern unterwegs, viertausend Meter über dem Meer, abends setzt er sich zu ihnen, deren Sprache er nicht versteht, drückt Schweizer Hautcreme aus der Tube, reibt jedem die rissigen Hände ein.

32
Es ist der 20. Juni 2016, ein Montag, Pio empfängt in Köln den Ehrenpreis des Deutschen Kamerapreises. Mit seiner ruhigen und warmherzigen Art schaffe es der Schweizer Kameramann Pio Corradi, Verbindungen zu seinen Protagonisten aufzubauen. Ausgestattet mit Empathie, drehe er in jedem Kulturkreis aussergewöhnlich nahe, bildgewaltige und ausdrucksstarke Filme. Pio steht auf und nickt und lächelt, weiss nicht, wohin mit seinen Händen.

33
Ist der Tod ein Skandal? Fragen stellst du. Ist der Tod ein Skandal? Ob Skandal oder nicht, er kommt. Pio schaut zur Wand, zwei Bilder, ein Steg führt hinaus auf einen blauen See, daneben die Tigerente. Was wäre die Alternative? Das ewige Leben. Ein Leben, das nie aufhört, nie, nie, nie. Grauenhaft.

34
Er steht auf einer Rolltreppe im Flughafen Zürich, verliert den Halt und stürzt, Dezember 2017. Pio, 77 Jahre alt, schüttelt sich, nimmt seinen Koffer, der Rücken schmerzt, das Bein, dann fliegt er nach Marokko, der Film, den er dreht, wird «Passion» heissen, Regie: Christian Labhart. Zurück in Zürich geht er endlich zum Arzt, man röntgt zweimal, macht schliesslich ein MRI und entdeckt, Zufall, ein Prostatakarzinom, Ableger in den Knochen. Die Ärzte verschreiben Morphin und schlagen weitere Untersuchungen vor, eine Strahlentherapie zur Kontrolle der Schmerzen. Will ich nicht, sagt Pio. Am 20. März 2018 steigt er in Zürich aus dem Bus, geht vier Schritte, dann bricht der Oberschenkel. Operation im Zürcher Stadtspital Triemli, Rehabilitation in Affoltern am Albis. Manchmal kommt Pia, die Frau, die er seit dreissig Jahren liebt, und bringt Post, manchmal ein Journalist, Pio, glaubst du an ein Leben nach dem Tod? Er grinst. Aus die Maus, sagt er, alles schwarz, wie damals in Buckten, Baselland, als ich die Kamera meines Onkels öffnete, alles schwarz. Pio, erzähl mir vom Tod deiner Mutter. Er dreht sich weg und weint.

35
So schwierig und schlimm, stelle ich mir vor, kann sterben nicht sein. Jeder tut es, noch keiner ist gescheitert.

36
Pio sitzt zu Hause am kleinen runden Tisch, Zürich, Kreis drei, dritter Stock, eine Flasche Cola vor sich, das Handy, es ist Ende April 2018, ein heller warmer Samstag, Pio sagt: Wär schön zu wissen, wie es dem Landarbeiter geht, der mit uns auf der Eugenio C. war, seine Hände wie Schaufeln, ein Gesicht aus Würde und Stolz. (Das Magazin)

Erstellt: 29.05.2018, 19:44 Uhr

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