Flüsterer oder Quäler?

Der berühmte amerikanische Hundetrainer Cesar Millan sorgt mit seinem geplanten Auftritt im Zürcher Hallenstadion für Empörung.

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Es gibt viele Möglichkeiten, einen Hund aus dem Häuschen zu bringen: schnelle Jogger, grosse, schwarze Regenumhänge oder eine heulende Sirene. Und wie bringt man Hundehalter und Kynologen am schnellsten auf die Beine? Mit Erziehungsmethoden. Die werden mit hitziger Emotionalität diskutiert. Konkret und aktuell geht es um die Praktiken des amerikanischen «Hundeflüsterers» Cesar Millan. Der gebürtige Mexikaner, der mit 21 Jahren mittellos und ohne Beruf über die Grenze nach Kalifornien flüchtete, dort zuerst als Hundefigaro und Tierarztgehilfe arbeitete, kuriert Problemhunde auf seine ganz spezielle Weise. In besonders hartnäckigen Fällen auch mit Würge- und Stachelhalsband und Elektroschocks. Mit Hilfsmitteln also, die in der Schweiz tierschutzrechtlich verboten sind.

Doch das schadet Millans Image bei der amerikanischen Prominenz kaum. Er wurde mit seiner Sendung «Dog Whisperer» international berühmt, und halb Hollywood ist Fan von ihm, Oprah Winfrey und Mark Zuckerberg zum Beispiel. Millan selber beteuert, dass er nur in schweren Fällen von Aggressionsverhalten zu harschen Mitteln greife, nach dem Motto «Einer muss hier ja der Boss sein, der Rudelführer bin ich». Wer allerdings seine Filme auf Youtube anschaut und sieht, wie er einen Rottweiler so lange an der Leine in der Luft hält, bis diesem die Luft ausgeht, oder einem Mischling, der seinen Futternapf zähnefletschend verteidigt, den Fuss in den Bauch rammt, kommt schwer ins Grübeln.

So einer will am 3. Oktober im Zürcher Hallenstadion auftreten? Die Fachwelt ist entrüstet. Bereits seit mehreren Wochen tobt auf Internetforen, in Leserbriefen und auf Facebook ein Streit um Millans rüden Stil, in der Schweiz, Deutschland und Österreich haben sich die Gegner in Stellung gebracht. Im April hat der Schweizerische Tierschutz (STS) beim Veterinäramt des Kantons Zürich einen Antrag auf Auftrittsverbot eingereicht. Einige mögen nicht so weit gehen und vertreten eine differenziertere Position, die lieber aufklärt und diskutiert als verbietet und darauf aufmerksam macht, dass auch hiesige Hundetrainer bei schweren Fällen von Angststörungen das sogenannte Flooding anwenden.

Dabei wird der Hund nicht langsam und mit Belohnungen an eine angsteinflössende Situation gewöhnt, sondern dem bedrohlichen Reiz mit aller Macht recht brutal ausgesetzt. Die Gefahr dieser Konfrontationstherapie ist, dass sich der Hund mit gebrochenem Willen in die erzwungene Hilflosigkeit begibt und dort quasi apathisch verharrt oder aber aggressiv reagiert und zubeisst. Auch im Vieta, dem Verband der tierpsychologischen Berater und Beraterinnen, der sich speziell mit problematischen und verhaltensgestörten Hunden befasst, ist die Diskussion im Gang; die Hundetrainerin und Psychologin Bettina Stemmler hat intern zu einer Initiative für gewaltfreie Erziehung aufgerufen.

Nicht ganz so antiautoritär argumentiert der bekannte deutsche «Hundeflüsterer» Martin Rütter, doch auch er findet Millans Hilfsmittel fragwürdig und dessen Dominanztheorie veraltet. Gegenüber dem «Spiegel» sagte Rütter gar: «So aggressiv, wie Millan behauptet, sind die Tiere in seiner Sendung keineswegs. Das meiste sind 08/15-Fälle. Er traktiert sie, bis sie ihm Kontra geben. Die Tiere tun mir leid.» Also alles Show, dazu auf dem Buckel der Hunde? Eine klare Einschätzung ist schwierig, ob es sich bei Millans spektakulären Vorführungen tatsächlich nur um vermeintliche «Bestien» handelt oder doch eher um Hunde aus dubiosen Aufzuchten, die so aggressiv sind, dass sie Menschen anfallen. Bei Letzteren könnte man sich mit Fug und Recht fragen, ob es Sinn macht, alle Hunde retten zu wollen. Doch auch hierzu gibt es unter Kynologen und Hundehaltern sehr unterschiedliche Meinungen.

Katrin Bloch von Culture Communication, die für den Veranstalter der Zürcher Vorstellung die Medienarbeit macht, meint zu Millans umstrittenen Praktiken: «Wir sind sensibilisiert und werden das Thema mit ihm ansprechen.» Die Zürcher Kantonstierärztin Regula Vogel hat in Sachen Cesar Millan noch keinen Entschluss gefasst, «es ist ein schwieriger Entscheid», sagt sie. Das Veterinäramt prüfe derzeit, ob Millan für seinen Auftritt eine Bewilligung braucht; bei Haustieren wäre dies aber nur im Fall von Werbung der Fall, und dieser Begriff sei vage. Zum andern will sich Vogel im Vorfeld ein möglichst genaues Bild von Millans Bühnenschau machen, um abzuklären, ob er gegen Tierschutzbestimmungen verstösst, wenn er in Zürich Hunde vor Publikum trainiert. Dazu lässt sie zurzeit Informationen einholen, was noch zwei, drei Wochen dauern kann.

Erstellt: 16.05.2014, 17:49 Uhr

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