Interview

«Für viele ist es unheimlich, wenn plötzlich Bilder auftauchen»

Kunsthistoriker Rémi Jaccard hat Urban-Art in Zürich unter die Lupe genommen. Im Gespräch gibt er Auskunft über lokale Eigenheiten und die Grenze zum Vandalismus.

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Rémi Jaccard, wenn man in Zürich Street-Art anschauen will, gibt es einen speziellen Platz, oder muss man einfach mit offenen Augen rumlaufen?
Um Arbeiten auf der Strasse zu finden, muss man nur genau hinschauen. Das Langstrassenquartier bietet dazu wohl am meisten Gelegenheit. Dann zeigt sich schnell, dass es sehr viel hat, was aber oft klein und unauffällig ist. Bereits nach kurzer Zeit wird sichtbar, dass Namen und Figuren immer wieder auftauchen. Es gibt aber auch legale «Halls of Fame» am Oberen Letten und in der Roten Fabrik.

Wie ist der Austausch zwischen Kunstbetrieb und Street-Art?
Die Überschneidungen nehmen stetig zu, aber es ist sicher noch eine relativ fragile Verbindung. Es gibt Galerien, die auf Graffiti oder Street-Art spezialisiert sind, und auch an Messen wie der Art Basel sind regelmässig Werke aus diesem Umfeld zu sehen.

Was ist eigentlich der Unterschied zwischen Street-Art und Urban-Art?
Da gibt es noch keinen einheitlichen Gebrauch. Manche sagen, dass Urban-Art eher im Museums- oder Galeriekontext stattfindet, und Street-Art auf der Strasse. Ich brauche Urban-Art als Sammelbezeichnung, wovon Street-Art eine Unterkategorie darstellt. Urban-Art ist alle Kunst, die aus eigenem Antrieb im öffentlichen Raum entsteht. Dazu gehören erstens das klassische Graffito oder Writing, zweitens Street-Art, die mit Bildern und Texten arbeitet, aber auch eher zweidimensional, und drittens Interventionen, also sowohl Skulpturen wie auch Performances und interaktive Sachen.

Wer steht dahinter?
Das ist unterschiedlich. Graffiti entstehen immer noch meistens in einer Subkultur, das sind oft geschlossene Gruppen, die untereinander kommunizieren; man will andere Sprayer beeindrucken. Street-Art öffnet sich mehr, will auch mit den Passanten kommunizieren, ihnen eine Freude machen. Bei Interventionen gibt es die grösste Überschneidung zum klassischen Kunstkontext, dort gibt es viele Künstler, die mit Galerien zusammenarbeiten oder mit Stipendien gefördert werden.

Entsteht Street-Art wirklich klandestin, im Schutze der Nacht, wie man sich das vorstellt?
Im Gegensatz zum Graffito, das vollständig vor Ort ausgeführt wird, werden für Street-Art Schablonen oder Poster vorbereitet, sodass ein Grossteil des Aufwands bereits geleistet ist. Die nächtliche Umsetzung ist Folge der Illegalität und trägt wohl auch zum schlechten Image von Urban-Art bei, da es für viele unheimlich ist, wenn plötzlich Bilder auftauchen.

Was droht eigentlich, wenn man erwischt wird?
Das hängt zwar stark von der verwendeten Technik ab, aber im Allgemeinen Anzeigen, Bussen und Schadenersatzforderungen.

Was sind die Motive hinter Street-Art?
Das ist sehr unterschiedlich: Einerseits ist es oft der Wille, sich auszudrücken und etwas zu zeigen; man will anderen eine Freude machen und etwas Fröhliches oder Schönes zeigen; manchmal ist es aber auch Ausdruck von Wut und Aggression; wieder andere wollen sich einen Namen machen und Bekanntheit erlangen. Dann gibt es auch Leute, die keine Galerie finden oder keine Ausstellungsräume zur Verfügung haben; denen bietet der Stadtraum Möglichkeit, eigene Werke zu zeigen und auf die eigene Arbeit aufmerksam zu machen.

Gibt es in der Schweiz regionale Eigenheiten in der Street-Art, einen Schweizer Stil?
Nein, das würde ich nicht sagen. Der internationale Austausch ist einerseits durchs Reisen, andererseits durch Internet und Publikationen relativ gross. Es gibt keine Städte mehr, die unbeeinträchtigt von äusseren Einflüssen einen eigenen Stil entwickeln. Wichtige Einflüsse sind aber die politische Handhabung und die Architektur. In Berlin oder London hat es doch noch einige Brachen und riesige leere Brandschutzmauern – so was gibt es in der Schweiz einfach nicht. Es ist viel dichter bebaut, es gibt wenig Leerstand, grossflächige Werke sind nur eingeschränkt möglich, und entsprechend sieht man das selten.

Man muss in der Schweiz also probieren, sich auf kleinem Raum auszudrücken?
Genau. Dann ist es auch so, dass die meisten Länder Street-Art und Graffiti verfolgen, und die Schweiz hat da die finanziellen Möglichkeiten, Massnahmen umfassend durchzusetzen, während andere Städte das theoretisch auch gerne machen würden, die Reinigungsdisziplin praktisch dann aber sehr viel tiefer ist.

Das heisst, die Kunstwerke verschwinden in Zürich sehr schnell wieder?
Ja, das ist Teil der Abschreckungsstrategie und hat einen grossen Einfluss, weil so weniger aufwendige Arbeiten entstehen, wenn die nicht so lange Bestand haben.

Wie war es für Sie, etwas zu untersuchen, das oft schnell wieder verschwindet und mit dem Gesetz in Konflikt steht?
Für mich war das einer der Ausgangspunkte der Arbeit. Die Künstler sind meistens anonym, und im Gegensatz zu den meisten anderen Kunstformen kann man keinen Kontakt zu den Künstlern oder zu Vermittlungspersonen herstellen. Ich wollte überlegen, wie man das anschauen kann, ohne den Künstler ausfindig zu machen. Zudem schwingt in Fragen der Nutzung des öffentlichen Raums immer eine politische Konnotation mit, die mich interessiert.

Wo liegt denn für Sie die Grenze zum Vandalismus?
Da habe ich eine sehr tolerante Definition. Für mich fängt Vandalismus erst dort an, wo wirklich zerstört wird und nichts Kreatives mehr sichtbar ist. Aber ich kann nachvollziehen, dass gewisse Sachen vielen Leuten nicht gefallen. Das ist teilweise auch gewünscht von den Künstlern, die wollen provozieren und nicht verschönern.

Erstellt: 22.11.2012, 15:24 Uhr

Rémi Jaccard

Rémi Jaccard (*1980 in Zürich) hat in Zürich und Paris Philosophie und Kunstgeschichte studiert. 2012 erschien seine Dissertation «Urban Art Surveillance – Ein Quadratkilometer Kunst». Er arbeitet als Künstler, Kurator und Kunstvermittler in Zürich.

Street-Art in Zürcher Galerien

Folgende Galerien sind in Zürich auf Street-Art spezialisiert:
Blamblamblam
Starkart Exhibitions
The Trace Gallery
Büro Discount
Gallery Shop

Rémi Jaccard: Urban Art Surveillance – Ein Quadratkilometer Kunst. Zürich 2012. 335 Seiten, illustriert.

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