Giacomettis Blick auf die Welt

Künstler schauen – das ist klar. Wie aber Alberto Giacometti den Akt des Sehens selbst zum Thema seiner Arbeit machte, zeigt die Ausstellung «Das Sehen im Werk» im Kunsthaus Zürich.

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Ist es das Ziel eines Museums oder einer Stiftung, das Werk eines einzigen Künstlers ständig präsent zu halten, scheint das Material irgendwann ausgeschöpft. Dieses Problem kennt man vom Umgang mit dem Werk von Paul Klee – und mit demjenigen von Alberto Giacometti, dessen wichtigste Werkgruppe durch die Giacometti-Stiftung im Kunsthaus beheimatet ist. Nun wird dort eine neue Gruppierung präsentiert, bei der sich auf den ersten Blick hin leicht sagen liesse, das sei doch alles grösstenteils bereits bekannt, bereits gesehen.

Dem ist so und doch nicht: weil der Ausstellungs- und Stiftungskurator Christian Klemm durch neue Akzente immer wieder neue Perspektiven eröffnet. Im Fokus steht jetzt die Frage, welche Rolle das Sehen im Werk von Alberto Giacometti spielt, der einmal notierte, die Kunst sei nichts anderes als ein Mittel, um zu sehen, um sehen zu können.

Auch da kann man leichtfertig abwinken: Das Sehen sei nun mal eine der Grundbedingungen der bildenden Kunst. Aber die neue Ausstellung dreht die Frage weiter: Sie fragt und zeigt, wie Giacometti das Sehen als Sehen problematisiert – und nicht dessen Resultat. Dies führt zur Wahrnehmung des Sehens als eines künstlerischen Akts und damit wiederum zur Selbstreflexion des Künstlers, der sich selbst als Sehenden sieht.

Nähe und Distanz

Die Ausstellung ist streng chronologisch gegliedert. Sie beginnt mit Aquarellen und Zeichnungen des 18-Jährigen. Bereits hier zeigt sich eine wache Welt-Aufmerksamkeit – und im Selbstbildnis von 1921, einem Ölgemälde noch ganz im Bann des Vaters Giovanni, blickt sich der junge Künstler selbst in die Augen: schaut, wie er beim Malen sich selbst anschaut. Und genau damit rückt der Blick in den Blick. Es folgen Versuche, die nach den Grössenverhältnissen fragen, also danach, wie das Auge die Erscheinung von Gegenständen auffasst und wie es sich mit der Spannung von Nähe und Distanz verhält.

Bekanntlich wandte sich Giacometti schon in den 20er-Jahren in Paris von der Wiedergabe der äusseren Wirklichkeit ab. Unter dem Einfluss der Surrealisten suchte er nach Formen, psychische Befindlichkeiten darstellbar zu machen. Dazu gehört auch der Blick auf die Welt. Radikal reduziert der Künstler das Auge zu einer membranartigen Öffnung, wie Klemm sagt.

Das kann ins Auge gehen

Radikal wird das Auge 1928 in der Skulptur «Tête qui regarde» reduziert zu einer flachen Vertiefung in einer flachen Gipsskulptur. Hier geht es nur noch um das Sehen selbst. Dieses ist gefährlich und leicht gefährdet, sieht man sich die Skulptur «Pointe à l’œil» von 1932 an: ein kleiner, schädelartiger Kopf, dem sich ein zugespitzter Gegenstand nähert, direkt aufs Auge zu.Diese Konstellation könnte auch umgekehrt gesehen werden: Der spitze Gegenstand ist das materialisierte Sichtfeld des Auges. In diesem Fall wäre das eine Versuchsanordnung, die Experimente von Markus Raetz vorwegnimmt, der in seinem Werk vielfach ebenfalls den Akt des Sehens zum Bild verdichtet.

Die Dinge verschwinden

Aus welchen Gründen auch immer: Im Verlauf der Dreissigerjahre wendet sich Giacometti wieder der äusseren Wirklichkeit zu, wenn auch mit einer grossen Skepsis. Denn wenn nicht klar ist, wie das Gesehene gesehen wird, und erst recht nicht, wie das Gesehene als Gesehenes wiedergegeben werden kann, dann ist die Fixierung von Dingen – mehr und mehr von Köpfen und Figuren – höchst prekär.

Es ist in jenen Jahren, da Giacometti die Gestalten aus den Händen zu gleiten drohen. Sie werden immer kleiner, die Distanz nimmt mehr und mehr zu, ein gewaltiger Leerraum öffnet sich zwischen dem, der sieht und schaut, und dem, was er sieht. Am Ende dieser Phase sind die Figürchen nur noch wenige Zentimeter gross. Damit hat Giacometti einen Wendepunkt erreicht: Die Dinge sind so klein, dass sie in den Kopf passen, in ihrer Körperlichkeit, nicht nur als Abbilder.

Unruhiger Blick

Dann werden die Skulpturen wieder grösser. Aber das Schauen ist ein inneres geworden wie in der Skulptur «La cage (Femme et tête)» von 1950. Ein Gehäuse – es könnte der Ort der Wahrnehmung sein – lässt einer Kopfbüste Raum. Deren Blick geht auf eine weibliche Kleinskulptur. In einem Augenblick wird klar: Giacometti hat hier ein Modell dafür geschaffen, wie sich Sehen, Wahrnehmen und Vorstellung von Dingen verbinden lassen.

Aber Giacomettis Blick ist ein unruhiger. Deswegen beobachtet er, dass das, was man sieht, sich auch immer wieder entzieht. Kaum ist etwas gesehen, ist es wieder anders, erscheint in einem anderen Licht. Und der Blick selbst verändert sich ständig – erst recht, wenn solche Beobachtungen erst einmal in das Sehen eingeflossen sind.

Neugierig auf weitere Facetten

Jetzt beginnt jene Phase in Giacomettis Werk, in der er an den Porträts so lange die Veränderungen mitmalt und stehen lässt, bis die Figuren beinahe skulptural werden, eine Anhäufung von Farben und Pinselstrichen. Und die Skulpturen selbst erhalten jene changierende, zerklüftete Oberfläche, die dem Suchen nach einer flüchtigen Form entspricht. Aus dieser Perspektive wird deutlich: Nicht nur das Exponieren des Menschen, die expressive Textur der Skulpturen ist Teil eines existenzialistischen Weltbildes, sondern auch der Blick auf die Welt selbst zwingt existenziell immer wieder zu Entscheidungen, die letztlich nicht zu fällen sind.

Mag sich auch das Werk manchen Künstlers erschöpfen: Bei Alberto Giacometti ist das nicht der Fall, wie die Ausstellung im Kunsthaus beweist. Und deswegen wartet man neugierig auf weitere neue Facetten.

Bis 22. Mai

Erstellt: 10.03.2011, 19:47 Uhr

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