Handke verteidigt sich

Seine Texte über Jugoslawien seien «nicht denunzierbar», sondern Literatur, sagte der umstrittene Nobelpreisträger in einem Interview.

Er teilt die literarische Welt und die Öffentlichkeit in Gegner und Verteidiger: Peter Handke. Foto: Keystone

Er teilt die literarische Welt und die Öffentlichkeit in Gegner und Verteidiger: Peter Handke. Foto: Keystone

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Es sei um «Gerechtigkeit für Serbien» gegangen, sagte er im Interview der Wochenzeitung «Die Zeit». «Kein Wort von dem, was ich über Jugoslawien geschrieben habe, ist denunzierbar, kein einziges. Das ist Literatur», betonte Handke.

Nach der Bekanntgabe der Verleihung des diesjährigen Literaturnobelpreises an Handke hatten Kritiker ihm vorgeworfen, die von Serben begangenen Kriegsverbrechen bagatellisiert oder geleugnet zu haben. 2006 sprach er an der Beerdigung des sechs Jahre zuvor gestürzten serbischen Führers Slobodan Milosevic.

Handke sagte dazu, er habe niemals Sympathien für Milosevic geäussert: «Ich habe mich keinen Augenblick verbeugt, weder innerlich noch äusserlich.» Er habe Milosevic nur ein einziges Mal gesehen, als Gefangenen in Den Haag, wo Milosevic vor dem UNO-Kriegsverbrechertribunal angeklagt war. «Ich wollte ihn anhören. Ich habe mir angehört, was er zu sagen hatte.» Zu seiner Teilnahme an Milosevics Beerdigung sagte der Nobelpreisträger: «Natürlich war ich da. Er hatte bei einer der letzten Abstimmungen dafür votiert, Jugoslawien nicht aufzulösen. Sein Begräbnis war auch das Begräbnis von Jugoslawien. Hat man vergessen, dass dieser Staat gegen das Hitler-Reich gegründet worden war?»

«Jugoslawien hat für mich etwas bedeutet. Und wenn man mir jetzt mit Serbien kommt, ist man unredlich. Ich bin wegen Jugoslawien hin.»

Handke sagte, die Berichterstattung über Serbien sei damals monoton und einseitig gewesen. Er kritisierte auch die damalige deutsche Regierung. «Wie konnte Deutschland Kroatien, Slowenien und Bosnien-Herzegowina anerkennen, wenn auf dem Gebiet mehr als ein Drittel orthodoxe und muslimische Serben lebten? So entstand ein Bruderkrieg, und es gibt keine schlimmeren Kriege als Bruderkriege.»

«Ich bin Jugoslawe von meiner Mutter her und vom Bruder meiner Mutter, der in Maribor studiert hatte», führte Handke aus. «Der Grossvater hatte bei der Volksabstimmung in Kärnten für den Anschluss an Jugoslawien votiert. Jugoslawien hat für mich etwas bedeutet. Und wenn man mir jetzt mit Serbien kommt, ist man unredlich. Ich bin wegen Jugoslawien hin.»

Die Akademie zeigt sich besorgt über Proteste

Zur Nobelpreisverleihung am 10. Dezember in Stockholm sind Proteste gegen Handke angekündigt worden. Mehrere Organisationen haben das Nobelkomitee der Akademie in einem Brief aufgefordert, die Preisvergabe an Handke zurückzunehmen, weil diese Verleihung ihrer Ansicht nach die Opfer des Völkermordes von Srebrenica kränke. Unter anderem haben vor allem bosnische NGOs und Verbände, angeführt von der Gesellschaft für bedrohte Völker mit Sitz in Göttingen, eine Petition initiiert. Darin heisst es, die Akademie solle Handke bitten, sich in seiner Dankesrede «bei den Opfern der Genozide in Srebrenica und Bosnien-Herzegovina dafür zu entschuldigen, dass er seine literarischen Fähigkeiten dafür benützt hat, um ihre Erfahrungen zu negieren».

Der Sekretär der Schwedischen Akademie, Anders Olsson, beantwortete das Schreiben nach Angaben mehrerer schwedischer Medien mit den Worten, man habe den Brief «mit Unruhe und tiefer Besorgnis» erhalten. «Es ist deutlich, dass wir das literarische Werk von Peter Handke auf ziemlich unterschiedliche Weise betrachten.» Beide Seiten seien sich aber einig, dass das Massaker von Srebrenica als Völkermord zu klassifizieren sei. (sda/red)

Erstellt: 20.11.2019, 17:55 Uhr

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