Hauptsache Kind, Hauptsache Schaf

Wie sieht Glückseligkeit aus? Einfach. Und über die letzten 200 Jahre hinweg immer wieder sehr ähnlich. Das zeigt eine heitere Ausstellung in St. Gallen.

Alpenglühen der Gefühligkeit: «Aus sorglosen Tagen» von Johann Jakob Nüesch (1845–1895).

Alpenglühen der Gefühligkeit: «Aus sorglosen Tagen» von Johann Jakob Nüesch (1845–1895). Bild: PD / Kunstmuseum St. Gallen

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Eine Kinderstimme sagt, wichtig im Leben sei, immer schöne Geburtstage zu haben. Und bitte nicht immer das Gleiche zum Frühstück. Ein etwas älteres Mädchen sagt, es wolle Kinder und einen Mann, einen Bauernhof mit vielen Tieren. Sein Berufswunsch ist Babysitterin. Ein Knabe wünscht sich, Krieger zu werden, damit er endlich einen richtigen Panzer fahren kann.

Und die Erwachsenen? Sie sagen, das Wichtigste sei, die Kinder gut zu erziehen. Geld, das sei nicht wichtig fürs Glück, also, ein bisschen natürlich schon, aber wirklich glücklich machen die Kinder, die Natur, ein «schönes Barockkonzert». Man will ja nicht überstellig werden, so als Schweizer, jedenfalls nicht in der Volksbefragung mit dem Titel «Ich lache, wenn man mich kitzelt» (2005/2012) der Künstlerin Karin Bühler. Die kann man sich, auf einer Riesenschaukel sitzend, im Kunstmuseum St. Gallen anhören. Auf einer Schaukel, wie man sie von den Idylle- Bildern des Rokoko kennt, wo putzige Damen über die Köpfe von Flöte spielenden Kavalieren hinwegschwingen. Hin zur Sonne, hin zu einem Regenbogen.

Der totale Eskapismus

«Over the Rainbow – Über Glückseligkeit in der Kunst» heisst die heiter vermittelnde Ausstellung im Kunstmuseum St. Gallen. Sie zeigt sehr schön, wie in Vorstellungen von Glückseligkeit, also dem innig empfundenen Gefühl von Glück, stets das Klischee und damit der Kitsch lauert. Adorno definierte den sehnsuchtssatten Kitsch als etwas «dümmlich Tröstendes». Einfache Vorstellungen einer einfachen Welt also. Hauptsache Kind, Hauptsache Tier: So jedenfalls stellen sich dies die Schweizer Künstler des 19. Jahrhunderts vor. Es ist der totale Eskapismus vis-à-vis einer sich industrialisierenden Gesellschaft.

Gewissermassen das Alpenglühen der Glückseligkeit liegt in den Bildern von Johann Jakob Nüesch (1845–1895); «Aus sorglosen Tagen» (undatiert) heisst sein Helgen mit Kindern, die neben süssen Schäflein im Gras tanzen, und auch die Schäflein neigen sich verzückt ihren Lämmlein zu, am Himmel sind Schäfchenwolken, wolkig wallt Rauch aus einem lieblichen Schornstein, wie Watte sind die Bäume daneben gemalt. Allerallerliebst ist das, und nur noch der Blick des Lämmleins auf einem anderen Nüesch, er heisst «Gute Freunde», ist noch lieber: Es schaut da nämlich mit aller gefühlsduseligen Manipulation, die so einem Maler zur Verfügung steht, direkt ins Auge des Betrachters. Die guten Freunde selbst sind ein Mädchen und ein Knabe, unschuldig wie das liebe Heidi und sein Peter.

Reduktion, Rekreation, Reproduktion

Wars das? Kann man sich jetzt den zeitgemässeren, drogenrauschartigen Glückszuständen in der grossen Ausstellung von Pipilotti Rist im Obergeschoss zuwenden? Aber nein! Die Betriebsamkeit der altertümelnden Emotionswirtschaft kennt kein Erbarmen! «Mutterglück» (1884) heisst ein Riesenteil von Konrad Grob; ein pralles Baby mit nacktem Schädel und nacktem Hintern labt sich an der Mutter Brust, ein lockiges Mädchen küsst die Mama, dahinter ein einfaches, aber sauberes Häuslein mit Blümlein und ein paar Hühnern. Auch der härteste Bauernalltag, so sagen diese Bilder, lässt sich mit einem Lachen wie in einem Kinderspiel bewältigen.

Wie es in so einem schlichten Haus bescheidener Leute wirklich aussieht, das weiss wiederum der Elsässer Martin Drolling in seinem «Kücheninterieur» (um 1800): sehr ordentlich. Die Kupfertöpfe glänzen, die drallen Wangen der pummeligen Weiber ebenfalls, ihre ganze Wonne und ihr ganzer Wohlstand liegt in der Wohlanständigkeit. Es ist das «Vollglück in der Beschränkung», wie der deutsche Dichter Jean Paul die Sucht des Kleinbürgers nach einer künstlerischen Flucht in noch kleinere Welten einmal nannte. Drei Dinge brauchte der Zentraleuropäer im 19. Jahrhundert offenbar zur Glückseligkeit: Reduktion, Rekreation, Reproduktion. So wie die Zufallsbekanntschaften der Karin Bühler. Mit Ausnahme des kleinen Möchtegern-Panzerfahrers natürlich.

Zu Hause ist es am schönsten

Zum Glück gibt es inmitten all dieser properen Gebärseligkeit noch Cuno Amiet. Der setzt in «Mutter und Kind» (1889/99) einer Frau ein Monsterbaby auf den Schoss, ein fürchterliches Balg. Die Komposition ist ganz klassisch einer Maria mit Kind nachempfunden, allerhöchste, gottgewollte Harmonie gewissermassen mitten in einem Feld aus blühendem Löwenzahn. Es liegt allerdings eine egozentrische Isolation des Mutterbergs in diesem Bild, die gewollte, trotzige Inszenierung der Glückseligkeit ist offensichtlich.

«Over the Rainbow» heisst die Ausstellung natürlich wegen des Songs «Somewhere over the Rainbow», den Judy Garland einst als Dorothy im Film «The Wizard of Oz» sang, und mit dem sie sich aus der Enge ihrer provinziellen Kinderwelt hinausträumte. In ein Märchen aus Freiheit und nimmer endender Toleranz, voller Vögel und Schäfchenwolken, «wo Sorgen schmelzen wie Zitronenbonbons» und sowieso alle Träume wahr werden. Und siehe da, sie erreicht das Märchenland und kommt zur Einsicht: «There’s no place like home.» Es ist eben doch nirgends so schön wie zu Hause. Dies ist nicht einfach eine Erkenntnis – es ist das Zauberwort, das Dorothy wieder aus ihrem Traum aufwachen lässt. Was für eine Ironie.

Die Technoparty von einst

Genauso ironisch ist auch die Installation der 30-jährigen Barbara Signer. In «Le nuage que j’ai suivi» (2012) hat sie die Accessoires einer Picknickgruppe fotografiert; erstaunlich viele leere Plastikverpackungen in allen Farben liegen da herum, aber auch Trampergepäck. Es ist die Auflösung eines Zustands der Glückseligkeit, die hier gezeigt wird. Die Karawane der Glückssucher wird weiterziehen, zu anderen Regenbögen oder nach Hause, wo es sowieso am schönsten sein soll.

Und? Kann man jetzt endlich hoch zu Pipilotti, wo einem so viel geboten wird an monumentaler Überwältigungsinszenierung wie sonst in diesem Jahr wohl nur bei Damien Hirst in der Tate Modern und Jeff Koons bei Beyeler? Sicher nicht! Es gibt da nämlich noch ein anderes Motiv, das sich nicht erst vorgestern, mit dem smartiesbunten Rausch der Technobewegung in die Ikonografie der Glückseligkeit eingeschrieben hat: Gottlieb Emil Rittmeyers «Stubete auf der Alp Sol» (1865) zeigt quasi die Technoparty von einst, ein ausgelassenes Tanzvolk, und auf einem Podest leicht erhöht wie zwei DJs auf der Kanzel, ein Teufelsgeiger und ein Hackbrettspieler.

Hallo Béchamel, bitte kommen!

Das Tanzmotiv zieht sich weiter zu den ab 2008 entstandenen Porträts erschöpfter Tänzer des Grabser Künstlers Georg Gatsas und wird wunderbar kommentiert von einem lautgemalten Track (2004) von Andres Lutz und Frank Heierli: Es ist eine Anrufung der Glücksgefühle, die sich bitte subito einstellen sollen: «Hallo Zauberwort, bitte kommen! Bitte Sirtaki, Gianduia, Béchamel! Hallo bitte Effekt! Hallo Allah!!» Da findet alles zusammen: der Kinderwunsch nach feinem Essen schon zum Frühstück, die Tour durch eine unbescholtene, idyllische Natur, der Tanz, das Zauberwort – und in der musikalischen Begleitung gar eine Art Barockkonzert.

Und erst jetzt darf man hoch zu Pipilotti Rist. Man wird ihre ewig kindliche Spielfreude nach diesem Rundgang durch die üppig ausgemalten, immer sehr körperlich geprägten, vor Wohlgefühl trunkenen Stationen aus dem Bilderfundus der Glückseligkeit zweifellos noch besser verstehen.

Erstellt: 09.08.2012, 08:18 Uhr

Ausstellung im Kunstmuseum St. Gallen

«Over the Rainbow», Über Glückseligkeit der Kunst, bis 28. Oktober.
«Pipilotti Rist», Blutbetriebene Kameras und quellende Räume, bis 25. November.

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