Herzog & de Meurons Wunderkammer

Die beiden Star-Architekten aus Basel, Jacques Herzog und Pierre de Meuron, haben ein Kabinett für ihre Arbeiten eingerichtet.

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Den Begriff «Schaulager» vermeiden die Architekten Herzog & de Meuron tunlichst. Sie wollen bewusst keine Verbindung zum ebenfalls von ihnen erbauten Schaulager in Münchenstein schaffen und sprechen deshalb lieber von einem Kabinett. «Kabinett ist ein intimer Begriff, er steht für etwas, das über Jahrzehnte entstanden ist und mit Sorgfalt betreut wird und trotz seinen umfangreichen Beständen überschaubar bleiben soll», meinte Jacques Herzog.

Dass die beiden berühmten Basler Architekten auf dem Dreispitz eine Mischung zwischen Schau- und Lagerraum planen, sickerte schon früher durch. Gestern wurden die 3000 Quadratmeter grossen Räumlichkeiten erstmals den Medien vorgestellt. Gleich­zeitig gaben Pierre de Meuron und Jacques Herzog bekannt, dass sie eine gemeinnützige Stiftung gegründet haben, damit der Nachlass der Öffentlichkeit zugänglich bleibt. «Unser ­zentrales Anliegen ist es, dass der gesamte Inhalt des Kabinetts in Basel seinen permamenten Standort behält und dadurch zum kulturellen Reichtum unserer Stadt, der uns ein Leben lang beflügelte, beitragen kann», erklärte Herzog und fügte hinzu: «Mit der Gründung des Kabinetts wollen wir zudem der Erbschaftsproblematik ausweichen und unseren Nachlass dem Kunst­handel entziehen.»

Über 300'000 Fotos aus dem 19. und 20. Jahrhundert (Audio: SRF Regionaljournal Basel-Stadt/Basel-Land)

Auf dem Dreispitz archivieren Herzog und de Meuron ihre seit 1978 enstandenen Arbeiten – solche die realisiert und solche die nie ausgeführt worden sind. Am Anfang steht ein spektakulärer Entwurf für die Neugestaltung des Marktplatzes. Die damals noch unbekannten Architekten hatten die Idee, den Platz unverändert zu be­­lassen, aber durch eine ohrförmige ­Öffnung die Existenz der darunter fliessenden Birs in Erinnerung zu rufen. «Das Projekt würde auch heute noch bestehen», meinte Jacques Herzog.

Rund 480 Projekte lagern im Kabinett, das eigentlich eine Wunder­kammer der Architektur ist. In mehreren Teil-Kabinetten sind hier Pläne, ­Bilder, Modelle, Texte und Zeichnungen archiviert. Mit wenigen Ausnahmen stammen die Zeichnungen und Skizzen alle aus der Hand von Jacques Herzog und Pierre de Meuron.

«Wir haben sehr sorgfältig ausgewählt, was wir behalten wollen und was nicht», sagte de Meuron. In einem speziellen Schauraum, dem sogenannten Fundus, zeigen die Architekten am Beispiel des Pavillons in der Londoner Serpentine Gallery, wie eine Arbeit entsteht und wächst. Das im Sommer 2012 im Kensington Garden realisierte Projekt enstand in Zusammenarbeit mit dem chinesischen Künstler Ai Weiwei. Erste Skizzen, Pläne, Modelle und Proto­typen der Korksitze dokumentieren den Enstehungsprozess. Eine Fotoarbeit von Hiroshi Sugimoto aber auch alte Fotografien aus der Sammlung von Ruth und Peter Herzog schaffen weitere Bezüge zum Serpentine Pavillon.

Architektur als Teamarbeit

Jacques Herzog und Pierre de Meuron haben die Fotosammlung von Ruth und Peter Herzog «eher aus spontaner Entschlossenheit und aufgrund einer konkreten Gelegenheit und keineswegs aus strategischer Absicht erworben und in ihre Stiftung eingebracht. Die mehr als 300 000 Fotos werden jetzt aufgearbeitet und sollen das Kabinett ergänzen.» «Die Kraft dieser Fotografien ist beeindruckend», schwärmte Pierre de Meuron. Für ihn soll das Kabinett zu einem lebendigen Ort werden, wo studiert, recherchiert und diskutiert werden kann. Im Helsinki Dreispitz Lager arbeiten auch 60 Personen des Architekturbüros. «Hier wird deutlich, dass Architektur eine Teamarbeit ist», meinte Jacques Herzog.

Interview mit Herzog und de Meuron (Audio: SRF Regionaljournal Basel-Stadt/Basel-Land)

Herzog und de Meuron bringen nicht nur ihr Projektmaterial in die Stiftung ein, sondern auch ihre Kunstsammlung, die in einem eigenen Kabinett integriert ist. Durch ihre Projekte haben die Architekten mit Künstlern wie Rémy Zaugg, Ai Weiwei, Thomas Ruff, Andreas Gursky oder Hiroshi ­Sugimoto zusammengearbeitet. «Diese Kunstwerke sind durch Erwerb oder als Geschenke, Arbeitsproben oder Auftragsarbeiten an uns gelangt und sind unverzichtbarer Ausdruck und inte­grativer Bestandteil unserer eigenen Arbeit», betonte Jacques Herzog. Besonders eindrücklich ist die Werkgruppe «Vom Tod II» von Zaugg, der ein eigener Raum gewidmet ist.

Leihgaben an Museen

Das Jacques-Herzog-und-Pierre-de- Meuron-Kabinett kann vorläufig nur auf Anfrage von Fachleuten besucht werden. Allerdings wollen die beiden Architekten den Basler Museen und Institutionen den Zugang erleichtern. Vor allem das Kunstmuseum Basel soll die Möglichkeit haben, einzelne Teile des Kabinetts als Dauerleihgabe in seinen Räumen zu zeigen. Im vierköpfigen Stiftungsrat sitzen neben Herzog und de Meuron auch Esther Zumsteg als Kuratorin des Kabinetts sowie der jeweilige Direktor des Kunstmuseums, derzeitnoch Bernhard Mendes Bürgi.

Ihre Verbundenheit mit dem Kunstmuseum demonstrierten Jacques Herzog und Pierre de Meuron dadurch, dass sie sich gestern als Stifter der drei Bilder von Gerhard Richter aus dem Zyklus «Verkündigung» geoutet haben. «Aus Bewunderung für und aus Dank an diese tatsächlich wunderbare Institution und aus Verbundenheit mit jenen Stiftern, die mit Schenkungen und permanenten Leihgaben den Reichtum und die Qualität dieses Hauses befördern», wie Herzog betonte und mit einem Seitenhieb auf den einstigen Leihgeber Ruedi Staechelin präzisierte: «Nicht solche Leihgaben, die aus finanziellen Interessen von den Erben eines Tages abgezogen werden.» Diese Schenkung bleibe aber eine einmalige Aktion. «Wir werden nicht neue Mäzene», stellte Jacques Herzog klar.

Erstellt: 10.06.2015, 13:58 Uhr

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