Ich habe mich entmaterialisiert

Kann man seinen gesamten Besitz auf 250 Dinge reduzieren? Der Zürcher Ökonom Alan Frei findet: Man kann. Und erhöht damit erst noch seine Lebensqualität.

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Ich komme aus einem überfüllten Haushalt. Das grosse Bauernhaus, in dem ich aufwuchs, war bis unters Dach vollgestopft. Als wir das Haus nach dem Tod meines Vaters räumten, zeichneten sich auf der Tapete die Konturen von Dingen ab, die jahrzehntelang niemand in die Hand genommen hatte. Mag sein, dass das ein Spleen der Nachkriegsgeneration ist, der man ewig eintrichterte, ja nie etwas wegzuwerfen. Mich jedenfalls hat dieses Gefühl des «viel zu viel» ­immer gestört.

Trotzdem hortete auch ich fröhlich drauflos. Bis vor etwa drei Jahren zwei Menschen meinen Weg kreuzten, die mich umdenken liessen. Der eine war ein Kollege, der mit exakt 15 Dingen um die Welt gereist war. Der Zweite war ­Nicolas Berggruen, ein US-Unternehmer ohne festen Wohnsitz, aber mit einem Net-Asset-Value von 3 Milliarden. Alles, was er besitzt, sind ein paar Klamotten und sein iPhone, that’s it.

Ich merkte, wie etwas in mir «klick» machte, beschloss dann, auszumisten – und war schockiert, wie viel überflüssigen Plunder ich angehäuft hatte. Den Bierhelm zum Beispiel, den ich als Teenie in Las Vegas gekauft hatte: Man trägt das Ding auf dem Kopf und kann sein Bier darauf abstellen. Die Halterung für die Flasche war längst abgebrochen, trotzdem hatte ich das Teil dreimal mitgezügelt. Wahnsinn! Dann die ganzen Klassiker: alte Ski, Kleider, in die man nie wieder reinpassen wird, ordnerweise Notizen vom Studium.

Der Rausch der Entrümpelung

Erst versuchte ich, den Krempel zu verkaufen – vergeblich. Also ging ich dazu über, die Sachen zu verschenken. Beziehungsweise: zu entsorgen. Von meinen drei Regenschirmen habe ich, als es mal so richtig schüttete, zwei im Tram liegen lassen, in der Hoffnung, sie würden jemandem einen guten Dienst erweisen. Bis heute bin ich mir nicht sicher, ob das überhaupt legal war . . .

Das Gefühl, das sich bei dieser Entrümpelung einstellte, war derart berauschend, dass ich mehr davon haben wollte. Und so liess ich mich auf ein ­Experiment ein: Alles, was ich im Laufe der letzten zwölf Monate nicht benutzt hatte, wurde in grosse Säcke gestopft und in mein «Grümpelzimmer» gestellt. Mein Haushalt schrumpfte um sagenhafte 80 Prozent. Nach ein paar Monaten stellte ich fest, dass ich nicht ein einziges Mal in die Säcke hineingeschaut hatte.

Das Sonderbare war: Sobald ich einen der Säcke aufmachte, setzte sofort das Gefühl des Habenwollens ein: Dieser coole Pulli, den zieh ich sicher wieder einmal an! Bostitch? Kann man immer mal brauchen! Es war, als würde das Zeug mir zurufen: «Hol mich wieder raus!» Die Dingwelt hat etwas enorm Verführerisches. Kein Wunder, besitzt jeder Schweizer im Durchschnitt 10'000 Sachen! Bloss: Kaum ist das Zeug aus den Augen, vermisst man es nicht mehr. Also habe ich Tabula rasa gemacht und die Säcke allesamt entsorgt.

Als Nächstes fragte ich mich: Worauf könnte ich noch verzichten? Und reduzierte die Dinge, die ich im Alltag brauche, auf jeweils ein Stück. Ein Frottiertuch. Ein Bettbezug. Ein Rüstmesser. Bei Partys bei mir zu Hause gibts seither entweder Fingerfood, oder die Leute müssen halt ihr eigenes Geschirr mitbringen. Die Freundschaft hat mir deswegen noch niemand gekündigt.

Es stimmt, ich habe mich entmaterialisiert. Nicht im Sinne eines franziskanischen Mönches; in der Kutte durch die Welt zu laufen, ist nicht mein Ding. Aber: Mein Besitz ist total austauschbar geworden. Hatte ich früher einen Fleck auf dem Hemd, den ich nicht rauskriegte, nervte mich das gewaltig. Heute ist das anders: Geht eines kaputt, kaufe ich eben ein neues. Punkt. Es gibt nur noch zwei Dinge, die mir wirklich wichtig sind: meine Uhr, die ich mir zum Uni­abschluss gekauft habe, und ein Brief, den mein Vater seinen Eltern einst von seiner Weltreise schrieb.

Es ist extrem spannend, zu beobachten, wie das Freiheitsempfinden zunimmt, je weniger man besitzt. Der grosse Irrtum ist ja der, dass man denkt, je mehr man besitze, desto freier sei man. Dabei ist das Gegenteil der Fall: Je mehr du besitzt, desto mehr vereinnahmt dich deine Habe. Desto mehr lenkt sie dich vom Wesentlichen ab. Ein Beispiel: Du kaufst dir ein neues Auto – und hast ständig Angst, jemand könnte es beschädigen. Beim kleinsten Kratzer ist der Tag gelaufen. Du musst die Reifen wechseln, die Versicherung im Griff ­haben, du musst es waschen, saugen, polieren, kurz: Du investierst so viel Zeit, dass der ganze Vorteil eines Autos – nämlich, flexibler zu sein – flöten geht. Will ich mit dem Cabrio ins Tessin fahren, miete ich mir eins, habe meinen Spass damit, danach gebe ich es wieder zurück und schenke die Zeit, die ich früher in die Autowäsche investiert habe, meinen Freunden.

Koffer packen in fünf Minuten

Mit Konsumkritik hat das nichts zu tun. Ich sehe mich als Kapitalisten und finde Geld wunderbar. Bloss will ich mich nicht von überflüssigen Sachen einschränken lassen. Wenn ich verreise, ist mein Koffer in fünf Minuten gepackt. Man kann schliesslich alles überall ­waschen und bügeln lassen.

Mittlerweile besitze ich noch etwa 250 Gegenstände, Verbrauchsware wie Zahnpasta oder Klopapier nicht mitgezählt. Die magische Zahl 100 habe ich aufgegeben. Weil ich merkte, dass ich mich plötzlich unter Druck setzte. Die Besitzreduktion bekam etwas Zwanghaftes, ich war auf dem Weg zum neurotischen Anti-Messie. Bis ich mir sagte: Warum soll ich meine sieben Hemden, die ich einmal pro Woche wasche, auf drei reduzieren, die ich dann zweimal pro Woche waschen müsste?

Bin ich ein Produkt unserer Überflussgesellschaft? Sind wir hier so krass weit weg von der Armut, dass wir den Verzicht regelrecht zelebrieren können? Mag sein. Trotzdem ist der Output meines Lebenswandels positiv: Ich nehme keinem etwas weg, ich verbrauche weniger Ressourcen, mein ökologischer Fussabdruck ist kleiner geworden. Materielle Wünsche habe ich keine mehr. Höchstens die Apple Watch, die würde ich gern einmal ausprobieren. Sollte sie mir was bringen, müsste ich mich allerdings von meiner jetzigen Uhr trennen – denn der Deal ist: Kommt etwas rein, muss etwas anderes dafür raus.
Aufgezeichnet von Paulina Szczesniak (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 28.05.2015, 23:34 Uhr

Alan Frei spricht am 7. Juni um 14 Uhr im Vögele-Kulturzentrum in Pfäffikon SZ, wo zurzeit die Ausstellung «Mehr von weniger: Die Sehnsucht nach Einfachheit und die Lust am Überfluss» zu sehen ist.
www.voegelekultur.ch

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