Immer ein Hauch von Melancholie

Das Fotomuseum Winterthur widmet André Kertész (1894–1985) eine grosse Retrospektive. Der Fotokünstler liebte das Spiel mit Licht und Schatten, mit Spiegelungen und Perspektiven.

Durch Zerrspiegel verfremdete Frauenakte: André Kertészs (rechts im Bild) «Distorsion No. 41».

Durch Zerrspiegel verfremdete Frauenakte: André Kertészs (rechts im Bild) «Distorsion No. 41». Bild: PD

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Es war wohl ziemlich tollkühn, als die Schreibende vor Jahren eine New Yorker Galerie betrat und sich nach dem Preis einer Fotografie erkundigte, die ihr überaus gefiel. Nichts weiter als eine Gabel auf einem weissen Tellerrand war da abgebildet. Die diagonal verlaufende Gabel und der am oberen Bildrand angeschnittene Teller warfen ihre Schatten auf eine gleissend helle Unterlage. Ein formvollendetes, sensationelles Bild.

Die Fotografie hiess «La fourchette» und stammte von André Kertész. Sie war dem Galeristen – so beschied er der Besucherin im Flüsterton – 220'000 Dollar wert. Das sprengte das Budget der kleinen Journalistin aus der Schweiz. Und so nahm das Kunstabenteuer in Chelsea ein abruptes Ende – und eine grosse Liebe zu den Bildern des ungarischen Fotografen ihren Anfang.

Exzellent konzipierte Retrospektive

Ähnlich muss es den Menschen in den Zwanzigerjahren des letzten Jahrhunderts ergangen sein, als sie die Gabel zum ersten Mal erblickten. Die Aufnahme eroberte 1928 am ersten «Salon Indépendant de Photographie» in Paris – immerhin in Nachbarschaft zu Eugène Atget und Man Ray – Kritiker und Publikum gleichermassen. «La fourchette» wurde in der Folge in vielen Zeitungen veröffentlicht und an zahlreichen Ausstellungen gezeigt, unter anderem in der berühmten Schau «Fotografie der Gegenwart» von 1929 im Museum Folkwang in Essen.

Im Fotomuseum Winterthur, das die exzellent konzipierte Retrospektive vom Pariser Jeu de Paume übernommen hat, hängt die Bild-Ikone nun als hinterleuchtetes Originalglasnegativ neben 250 gerahmten Vintage Prints. Ein Kleinod mit Signalwirkung. Kertész selber hielt es für sein bestes Bild, «weil es mir gelungen ist, das Objekt mit der starken Suggestivität des Spiels der Schatten, Lichter und Linien am unmittelbarsten und reinsten wiederzugeben», wie er 1929 in einem deutschen Magazin schrieb.

Der «ewige Amateur»

Weitere Zeitschriften in Vitrinen belegen die glückliche und beruflich erfolgreiche Pariser Zeit. Für die französische Wochenzeitung «VU» beispielsweise dokumentierte Kertész, der sich stets als Fotokünstler verstand, den Tagesablauf einer Trappistengemeinschaft. Berührend und gleichzeitig von härtester Strenge wirken die Aufnahmen von einer Totenwache oder vom Schlafsaal der Mönche. Heiterkeit verbreiten hingegen der in einem Spiegelsalon aufgenommene und deshalb aufgeblähte Chefredaktor des Blattes oder eine couragierte Schönheit am Steuer eines Oldtimers auf der Titelseite des Magazins. Die Zeitschriften geben nicht nur ein wunderbares Zeugnis ab vom herrschenden Zeitgeist – sie veranschaulichen auch, wie Kertész die Themen, die ihm die Redaktion auferlegte, höchst individuell umsetzte.

Die Ausstellung über den «ewigen Amateur» (Kertész über sich selbst) folgt der Chronologie seiner Lebensabschnitte in Ungarn (1894–1925), Paris (1925–1936) und New York (1936–1985). Sie beginnt mit den – sehr winzigen – Abzügen aus jungen Jahren, als der Handelsschüler aus kleinbürgerlichem jüdischem Haus Verwandte und Freunde ablichtete oder das Soldatenleben an der Front festhielt. In Budapest entstanden erste Nachtbilder, aber auch experimentelle Aufnahmen wie jene des berühmten Schwimmers, der mit seinen verwischten Körperkonturen die späteren «Distorsions», die durch Zerrspiegel verfremdeten Frauenakte, vorwegnimmt.

1925 tat es Kertész vielen ungarischen Intellektuellen und Künstlern gleich und zog nach Paris. Hier verkehrte er hauptsächlich in Emigrantenkreisen und fand am Montparnasse erste Anerkennung als Fotokünstler. Die Bild-Ikone «Satiric Dancer», auf dem die Tänzerin Magda Förstner auf dem Sofa eines befreundeten Bildhauers posiert, als wäre sie selbst eine Alabasterskulptur, stammt aus dieser Zeit; ebenso die unkonventionelle Aufnahme von Mondrian, dessen Porträt der Fotograf auf das Ablichten der Tabakpfeife und der Brillengläser beschränkte.

Heimatlos in New York

Zusätzlich zu den chronologisch aufgereihten Vintage Prints präsentieren die Kuratoren Michel Frizot und Annie-Laure Wanaverbecq in Saalnischen Werkgruppen, die Kertészs Besonderheiten hervorheben: seine Experimentierfreude, das Spiel mit Licht und Schatten, die Vorliebe für Spiegelungen und Perspektiven, unterlegt mit einem Hauch von Poesie und Melancholie.

Dass André Kertész mehr als die Hälfte seines Lebens in New York verbrachte und trotz Ruhm und Anerkennung dort nie heimisch wurde, zeigt der letzte Teil der Ausstellung. Ein Wolkenkratzer und eine einsame Wolke am Himmel sagen da mehr als viele Worte. Französisch habe er nie gut gesprochen, Englisch auch nicht, meinte er. «Meine einzige Sprache war die der Fotografie.» Und des Herzens, möchte man anfügen.

Erstellt: 08.03.2011, 19:51 Uhr

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