Ironie und Coolness sind Geschichte

Die Epoche des Cool ist vorbei. Was nun folgt ist die Rückkehr in Zeiten überhitzter Konfrontation.

Urväter des Cool: Frank Sinatra, (r.) mit Dean Martin und Sammy Davis Jr. in Santa Monica.

Urväter des Cool: Frank Sinatra, (r.) mit Dean Martin und Sammy Davis Jr. in Santa Monica. Bild: Keystone

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Kann Amerika cool bleiben? Die Frage drängt sich schon länger auf, aber nach dem Amtsantritt Donald Trumps besonders. Zumindest wenn man mit dem amerikanischen Ideal des Cool gross geworden ist, mit Platten von Frank Sinatra und Miles Davis zum Beispiel, mit Jackson-Pollock- und Andy-Warhol-Bildern, Filmen mit Steve McQueen und Johnny Depp, mit dem Traum, irgendwann einmal in einem Bungalow voller Möbel der kalifornischen Moderne zu wohnen und bei politischen Debatten so schlagfertig zu sein wie der Fernsehkomiker Jon Stewart.

Die Antwort ist enttäuschend: Cool ist nicht mehr cool. Und zwar nicht nur in Amerika. Das ist eine kulturhistorische Entwicklung, die an vergangenem Wochenende offiziell an ihren Endpunkt kam.

Eine Tendenz, die vor zwanzig Jahren begann

Dabei ist das Gegenteil von cool in der amerikanischen Kulturgeschichte nicht uncool, sondern postcool. Akademische Begriffe mit der Vorsilbe «post» sind zwar nur unter Vorbehalt gültig, weil sie oft als Ausrede dafür dienen, dass neue Erscheinungen zu komplex sind, um ihnen einen Namen zu geben. Aber einige der besten amerikanischen Kulturkritiker wie Thomas Frank, Ted Gioia und John Leland machen sich schon länger Gedanken darüber, was aus «cool» geworden ist und kamen auf diesen Begriff.

Die offizielle Zäsur ist nun der Amtseid von Donald Trump. Amerikas neuem Präsidenten würde man gerne die Schuld daran geben, dass genau jene Zeit zwischen dem Zweiten Weltkrieg und dem vergangenen Freitag zu Ende geht, für die viele Deutsche Amerika so geliebt haben. Trump ist aber nur das Symptom einer Tendenz, die vor rund zwanzig Jahren ihren Anfang nahm.

Aber was ist mit cool im Sinne der amerikanischen Kulturgeschichte eigentlich gemeint? Beginnen wir ganz am Anfang, irgendwann in den späten Vierzigerjahren des 20. Jahrhunderts, popkulturell so etwas wie der Kreidezeit.

Musik wurde komplizierter, Musiker unnahbarer

Jazz war noch eindeutig «hot», je nach Taktung war er Tanzmusik oder herzerweichendes Liebeslied. In den kleinen Clubs der Stadt New York aber regte sich der Widerstand gegen eine Musik, die längst vom weissen Bürgertum vereinnahmt war.

Anstatt die gute Laune des Swing zu produzieren, zogen sich Musiker wie Charlie Parker, Thelonious Monk und vor allem Miles Davis in die Abstraktion zurück. Cool war erst einmal kein Stil, sondern eine Haltung. Wer sich verweigerte, so die Logik dahinter, war auch nicht greifbar.

Die Musik wurde komplizierter, die Musiker wurden unnahbarer. Hinter ihrer Ironie verbarg sich fortan ein scheinbar unerschütterliches Selbstbewusstsein, eine innere Ruhe und Lässigkeit, um die der Rest der Welt sie schon bald beneidete. Lernen konnte man das nicht. Cool war so etwas wie eine popkulturelle Erleuchtung.

Man kann den Geburtsmoment des Cool heute immer noch ganz gut nachvollziehen. 1949 war es, als sich der Trompeter Miles Davis und der Big-Band-Dirigent Gil Evans in einem New Yorker Studio trafen und eine Musik aufnahmen, die mit ihrem schwebenden, düsteren Klang so revolutionär auf die Hörer wirkte wie dreissig Jahre zuvor vielleicht Strawinsky.

«Hip» war die Verweigerung aller Emotionen

«Birth of the Cool» nannte Columbia Records das Album, das die Aufnahmen der beiden dann ein paar Jahre später vereinte. Bis heute hielt sich diese kühle Lässigkeit, die gleichzeitig begeistert und verdeutlicht, dass die Hörer es hier mit etwas Unerreichbarem zu tun haben.

Noch ein Begriff kam damals auf, und er hat sich bis heute gehalten: hip. Der Begriff geht auf das Wort Hipi aus dem Wolof zurück, einer Handelssprache aus den alten westafrikanischen Königreichen. In Afrika meinte man damit das Maskenspiel. In den amerikanischen Grossstädten waren die Masken der Hipster Musik, Kunst und Literatur, die sich nur Eingeweihten erschlossen. «Hip» war aber auch die Verweigerung aller Emotionen und vor allem eine Haltung, die sich hinter Ironie verbarg.

Frank Sinatra und Sammy Davis Jr. waren die Ersten, die die Coolness der Hipster in die Mitte der Gesellschaft trugen. Früh schon hatten sie die Popmusik vom schlagerhaften Schmachten befreit und die Lässigkeit des Cool zum neuen Ideal erhoben.

Steve Jobs lenkte Hip in einen Fetisch

Den Humor, mit dem sie sich sogar noch als Superstars in Las Vegas als Minderheiten inszenierten (Sammy Davis Jr. als Schwarzer und Jude, Frank Sinatra als Italiener und Katholik), hatten sie bei den Hipstern entliehen.

Liest man Bücher wie Thomas Franks «The Conquest of Cool» oder John Lelands «Hip: The History» kann man sich endlos in die pophistorischen Verästelungen vertiefen, die bis in die jüngste Vergangenheit führen.

Man kann nachlesen, wie Marlon Brando und Steve McQueen die Figur des Rebellen mit Filmen wie «Der Wilde» und «Bullitt» in Hollywood etablierten. Wie Bob Dylan zum Meister der Verweigerung wurde. Wie Andy Warhol mit seiner Pop-Art das Cool zur intellektuellen Ironie perfektionierte. Und sie alle ebneten den Weg für eine Gegenkultur, die schliesslich ganze Gesellschaften umwälzen sollte.

Bald musste alles cool sein

Das ist alles sehr weit weg von dem, was cool und hip heute bedeuten. Meist sind die Adjektive inzwischen Prädikate für Kaufentscheidungen. Denn bald entdeckten die Werbeagenturen die magische Aura des Cool, um Produkten Glanz zu verleihen.

Die Autoindustrie war die erste, die damit arbeitete. Ford entwickelte damals zum Beispiel den Mustang, bis heute eines der Wahrzeichen des coolen Konsums. Bald musste alles cool sein - Schnaps und Zigaretten, Turnschuhe und Limonaden, Mode, Design und Elektrogeräte.

Lange konnte das nicht gut gehen. In diesem Sommer wird es zwanzig Jahre her sein, dass Apple-Chef Steve Jobs entschied, seine Rechner als Gipfel des Cool zu verkaufen. «Think different» lautete der Titel der Kampagne, zu der Plakate gehörten, auf denen coole Schwarz-Weiss-Porträts der Ikonen des Cool zu sehen waren, wie Pablo Picasso, Muhammad Ali, John Lennon und Yoko Ono.

Das war der Bruch. Steve Jobs lenkte das Maskenspiel des Hip in einen Fetisch. Aus dem Cool des Jazz wurde der Cargo Cult der digitalen Revolution. Aus dem Hipster wurde der Erstanwender. Doch bei diesem Marsch durch die Institutionen entsteht ein Widerspruch. Für die Hipster und dann die Bürgerkinder der Industrienationen war Cool noch eine Möglichkeiten, sich in einer Konsumgesellschaft marktferne Statussymbole zu erkämpfen. Wer es schaffte, cool zu sein, brauchte kein Auto, keine Markenhose, keine neue Elektronik. Noch einmal zehn Jahre später konnte man Cool sogar wählen.

Eine neue Ernsthaftigkeit: Postcool

Streng genommen war Barack Obama nicht cool. Aber er wusste, wie man Cool inszeniert. Er sang gemeinsam mit Mick Jagger den Blues, trat in den Late-Night-Shows auf, drehte selbstironische Videos fürs Internet und liess sich beim Bodysurfing in den Wellen von Hawaii fotografieren. Da stellte sich dann schon bald die Frage - kann cool noch cool sein, wenn der mächtigste Mann der Welt cool ist? Vor allem, wenn die Kultur keine neuen Helden mehr produziert?

Wenn aber uncool nicht das Gegenteil und die Nachfolge von cool ist, was bedeutet dann der Begriff postcool? Es ist ja nicht die Unfähigkeit, cool zu sein, sondern die Unmöglichkeit, cool zu werden.

Ted Gioia prägte den Begriff in seinem Buch «The Birth and Death of the Cool». Die Anfänge finden sich in den frühen Neunzigerjahren. Der Schriftsteller David Foster Wallace war der Erste, der die Kultur der Ironie und Coolness verdammte. Er forderte Ernsthaftigkeit und eine Emotionalität, die er als Menschlichkeit beschrieb.

Die Kehrseite ist aber die Verschärfung der Konflikte

Der Siegeszug des Authentischen in der neorealistischen Literatur oder im neuen Folk von Stars wie Norah Jones, der Erfolg der Seriosität in den viralen Netz-Vorträgen der Ted Talks oder in den Engagements neuer Bürgerbewegungen sind Symptome dieses Postcool.

Die Kehrseite ist aber die Verschärfung der Konflikte, also eine Rückkehr in die Zeit des «hot», der überhitzten Konfrontationen. Auch die sind längst in der Popkultur angekommen. Und keiner steht dafür so deutlich wie der neue amerikanische Präsident Donald Trump. Sein Kulturbegriff kommt aus der Wirtschaft und dem Sport. Seine Schönheitswettbewerbe, Kampfsport-Feiern und Reality-TV-Sendungen sind keine Unterhaltung, sondern erbitterter Kampf.

Kultur existiert nicht im Vakuum. Genauso, wie es historische Gründe für den Siegeszug des Cool gab, gibt es einen Zeitgeist, der das Postcool fordert. Cool war der Luxus, den gesellschaftlichen Konflikt der Emanzipationsbewegungen auf eine abstrakte Ebene zu heben. Postcool aber hat sich in einer Zeit etabliert, in der sich die gesellschaftlichen Konflikte nicht mehr darum drehen, eine bessere Zukunft zu schaffen. In einer Zeit, in der sich die Ungleichheit dramatisch verschärft, ist die Konsumverweigerung nicht mehr attraktiv. Gegenkulturen sind von Abwehr- und Existenzkämpfen abgelöst worden. Um auf die Frage zurückzukommen: Nein, Amerika kann nicht cool bleiben. Das ist es schon lange nicht mehr. (Süddeutsche Zeitung)

Erstellt: 24.01.2017, 11:07 Uhr

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