Lässt sich Bern die grosse Gurlitt-Ausstellung wegschnappen?

Die deutsche Regierung ist im Fall Gurlitt mächtig unter Druck. Nun hat sie eine Schau mit Gurlitt-Werken in Bonn angekündigt. Hinter den Kulissen wird hart verhandelt.

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Das Drehbuch ist gemacht. Eigentlich. Kommt der Gurlitt-Nachlass nach Bern, will das Kunstmuseum mit grosser Kelle anrichten. Geplant ist eine Blockbuster-Ausstellung, die dem Haus alles abfordern wird – auch in Sachen Vermittlung. Einmal mehr wird das Museum ins Zentrum der internationalen Aufmerksamkeit rücken – ein schmaler Grat zwischen PR-Erfolg und Desaster. Von jedem Werk soll in der Ausstellung die Herkunftsgeschichte dokumentiert werden.

Zudem sollen das Thema «Entartete Kunst» und die Rolle der Schweiz beim nationalsozialistischen Kunstraub beleuchtet werden. Insider im Kunstmuseum rechnen mit einer einjährigen Planungszeit für die grosse Schau. Eine Ausstellung im Frühling 2016, die historisch belastete Werke aus der eigenen Sammlung präsentiert, gilt intern als «Probelauf» für die Gurlitt-Schau.

Hängiger Gerichtsentscheid in München

Die Unwägbarkeiten sind allerdings beträchtlich. Unverändert ist die Situation an der juristischen Front: Der Erbstreit mit Gurlitts Cousine Uta Werner liegt vor dem Oberlandesgericht München. Dieses hat ein weiteres Gutachten in Auftrag gegeben, das in diesen Tagen vorliegen dürfte. Obwohl vieles für das Kunstmuseum spricht, kann sich der Fall noch hinziehen – Insider rechnen damit, dass ein rechtskräftiger Entscheid erst nächstes Jahr vorliegen wird. Allerdings sind die Berner Verantwortlichen auch an einer anderen Front gefordert.

Seit längerem laufen Verhandlungen mit Deutschland über Anpassungen der Gurlitt-Vereinbarung, die das Kunstmuseum im November 2014 mit der Bundesrepublik und dem Freistaat Bayern getroffen hat – wobei sich Letzterer offenbar als Finanzträger zurückziehen will. Gegenstand der Verhandlungen sind unter anderem Fristen und Regelungen, die durch den zähen Erbstreit überholt worden sind.

Ein wesentlicher Punkt betrifft die Ausstellung der Gurlitt-Werke. Hier gibt es ein Gerangel zwischen Berlin und Bern, das sich jüngst verschärft hat. Deutschlands Kulturstaatsministerin Monika Grütters, die oberste Verantwortliche im Fall Gurlitt, liess am 10.Oktober im «Spiegel» verlauten, sie plane Ende 2016 eine Gurlitt-Ausstellung in der Bundeskunsthalle in Bonn. Eine solche Schau sei wichtig und diene weiterer Aufklärung, so Grütters, sie hoffe auf neue Spuren.

Berlin: «Konstruktive Gespräche mit dem Museum»

Das wirft Fragen auf. Die wichtigste: Lässt sich Bern etwa die grosse Gurlitt-Ausstellung mithin einen Publikumsmagneten wegschnappen? Das Kunstmuseum gibt derzeit – unter Verweis auf den laufenden Rechtsstreit – keine Stellungnahmen ab. Und in Deutschland zeigt man sich wortkarg. Auf Nachfrage dieser Zeitung geben die Pressestelle der Staatsministerin und die Bundeskunsthalle Bonn ein gemeinsames Statement ab: Man sei mit dem Kunstmuseum Bern «in sehr konstruktiven Gesprächen» über die Ausgestaltung der geplanten Ausstellung. «Vor deren Abschluss kann zu Einzelheiten naturgemäss noch nichts gesagt werden.»

Nebelpetarde und versuchter Befreiungsschlag?

Im Umfeld des Kunstmuseums klingt es allerdings anders. Dort wird Grütters Ankündigung als Nebelpetarde und als versuchter Befreiungsschlag interpretiert. Tatsächlich ist die Staatsministerin stark unter Druck geraten, weil die deutsche Gurlitt-Taskforce nach zweijähriger Arbeit kaum neue, zwingende Erkenntnisse vorzuweisen hat (siehe Text in der Box).

Beim Kunstmuseum ist man jedenfalls nicht gewillt, im Ausstellungspoker nachzugeben und Bonn die lukrative erste Grossausstellung zu überlassen. Dabei stützen sich die Berner auf einen Passus in der Gurlitt-Vereinbarung mit Deutschland. Werke, deren Herkunft im Dunkeln geblieben ist, können demnach «mit dem Ziel völliger Transparenz im Einvernehmen aller Parteien () im Kunstmuseum Bern oder in deutschen Museen ausgestellt werden».

Das aber heisst eben auch: Ohne Einvernehmen geht nichts. Insider rechnen zudem damit, dass die Werke aus der Sammlung Gurlitt frühstens im Sommer 2016 freigegeben werden. Für eine Erstausstellung im Herbst 2016, wie von Grütters angekündigt, wäre die Vorbereitungszeit ohnehin zu knapp, heisst es im Umfeld des Kunstmuseums.

Bonn: «Schwierige Gemengelage»

In Bonn indes zeigt man sich unbeirrt. Das Thema «Sammlung Gurlitt» sei bei der Bundeskunsthalle «ganz oben» angesiedelt, Intendant Rein Wolfs persönlich werde die «Realisierung der schwierigen und sicherlich bundesweit und international viel beachteten Ausstellung vorantreiben», berichtete der «General-Anzeiger Bonn» letzten Samstag. Allerdings sprach der Medienverantwortliche der Bundeskunsthalle gegenüber dem Lokalblatt auch von einer «schwierigen Gemengelage». Wohl wahr. (Berner Zeitung)

Erstellt: 23.10.2015, 10:32 Uhr

Deutsche Taskforce ist von allen Seiten unter Beschuss

Ende Jahr wird die deutsche Taskforce zur Aufarbeitung der Sammlung Gurlitt aufgelöst. Was hat das Expertengremium zustande gebracht? Und wie geht es nun weiter?

Seit über eineinhalb Jahren versucht eine international besetzte Taskforce, die Geschichte des Gurlitt-Kunstschatzes zu klären. Genau 1497 Werke müssen dafür Stück für Stück unter die Lupe genommen werden.

«Wir sind auf einem guten Weg und arbeiten bis zum letzten Tag mit Hochdruck», liess Taskforcechefin Ingeborg Berggreen-Merkel jüngst verlauten. Viele Beobachter und involvierte Anwälte werden die Äusserung höchstens mit einem müden Lächeln quittiert haben. Die Arbeit der Taskforce wird in Deutschland seit längerem harsch kritisiert. Sie sei bloss eingesetzt worden, um von einem «Justizskandal» abzulenken, sagt etwa Gurlitts Ex-Anwalt Hannes Hartung.

Enttäuschung allenthalben

Tatsächlich erfolgte die Beschlagnahmung der Sammlung Gurlitt 2012 auf juristisch dünner Basis. Und weit scheint die Taskforce in den eineinhalb Jahren nicht gekommen zu sein. Bloss 4 Werke gelten offiziell
als Raubkunst. Wobei im bekanntesten Fall – der «Sitzenden Frau» von Henri Matisse – die Taskforce selbst einräumen musste, dass es Unklarheiten gibt. «Wir sind enttäuscht», sagte Ronald Lauder, Präsident des Jüdischen Weltkongresses, jüngst dem Nachrichtenmagazin «Spiegel». «Als die Taskforce 2013 gegründet wurde, waren viele Leute, auch ich, optimistisch. Wir hofften auf baldige Ergebnisse. Doch die Arbeit der Taskforce ist weit davon entfernt, abgeschlossen zu sein.»

Manches deutet allerdings darauf hin, dass die Zahl der Raubkunstwerke in der Sammlung Gurlitt wesentlich tiefer ist, als die deutsche Taskforce suggerierte, indem sie einen Grossteil der Bestände aus Gurlitts Münchner Wohnung pauschal unter Raubkunstverdacht stellte.

Falsche Signale ausgesendet?

Beim Kunstmuseum Bern moniert man, mit der pauschalen Kommunikation seien falsche Signale ausgesendet worden. Laut Insidern ist der Raubkunstverdacht bloss bei rund einem Dutzend Werken begründet.

Die Taskforce indes spricht weiterhin von rund 500 zweifelhaften Werken aus der Münchner Wohnung. Zu jedem dieser Werke werde bis Ende Oktober ein «Basisforschungsbericht» vorliegen, sagt Taskforcechefin Berggreen-Merkel. «Wir haben alles zusammengetragen, was wir in Archiven, Datenbanken, Katalogen und anderen Dokumenten weltweit gefunden haben», sagt sie. «Nur: Wo wir nicht weiterkommen oder wo es keine historischen Quellen gibt, da gibt es auch kein Ergebnis.» Bei über 200 Werken ist bisher noch nicht einmal klar, welchen Künstlern sie zuzuschreiben sind. Hinzu kommen über 200 Werke aus Salzburg, die noch nicht einmal in Ansätzen erforscht worden sind. Die Beteiligung des Kunstmuseums Bern an der Aufarbeitung der Salzburger Sammlung ist wegen des laufenden Erbstreits sistiert worden.

Nach Magdeburg verlagert

Laut Taskforce sind 113 Ansprüche auf 104 Werke aus der Münchner Sammlung deponiert worden, mithin werden einige Werke von mehreren Parteien beansprucht. Die hohe Zahl gilt unter Kritikern jedoch als «Schutzbehauptung»
der Taskforce, um die mangelnden Fortschritte zu kaschieren. Laut Gurlitts Ex-Anwalt Hannes Hartung soll es bloss 17 dokumentierte Raubkunstanfragen geben.

Gemäss «Spiegel» ist auch die deutsche Bundesregierung mit «dem Umfang und der Aussagekraft der Ergebnisse» nicht zufrieden. Nach der Auflösung der Taskforce Ende Jahr soll das neu gegründete Deutsche Zentrum Kulturgutverluste in Magdeburg die Arbeit weiterführen. Falls das Gerichtsurteil im Erbstreit zugunsten Berns ausfällt, wird sich – endlich – auch Bern an den Recherchen beteiligen. (mei)

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