«Lehm ist der ideale Baustoff für Krisen»

Der Architekt Martin Rauch verändert mit Erde die Welt: Er will der jahrtausendealten Technik des Lehmbaus neues Leben einhauchen.

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Seit über 30 Jahren arbeiten Sie mit Lehm. Was fasziniert Sie daran?
Lehm kann man einfach verarbeiten und formen. Das Material ist reversibel, wasserlöslich, weich. Denn Lehm ist nichts anderes als erodiertes Gestein. Diese Einfachheit und Natürlichkeit gefällt mir. Ich denke gern mit den Händen. Lehm ist dafür wie gemacht. Wenn möglich, arbeite ich auch heute noch gerne auf der Baustelle mit.

Wie kamen Sie zum Material?
Als Student habe ich Keramikbrennöfen gebaut und gesehen, wie viel Energie in ein gebranntes Material fliesst. Darum begann ich, ungebrannte Keramiken herzustellen und mit Lehm zu arbeiten. Doch meine ersten grossen Bauprojekte versandeten alle, da das Material den Bauherren und den beteiligten Unternehmen damals zu unsicher war. Also habe ich meine Arbeiten selber als Künstler realisiert und bin über Kunst am Bau zur Architektur gekommen. Heute setze ich die Aufträge oft als Sub-, dann als Fachplaner und Unternehmer um, denn es gibt nach wie vor kaum Baufirmen, die das Know-how haben, um mit Stampflehm zu arbeiten.

Warum ist Lehmbau wieder aktuell?
Über ein Drittel der Menschheit lebt in Lehmhäusern. Lehm ist also nach wie vor einer der wichtigsten Baustoffe. Er schafft einfach Wohnraum, benötigt wenig Energie und braucht viel Arbeitskraft. Der ideale Baustoff für Krisen also. In den Industrienationen geht es aber nicht um eine ökonomische Not, sondern um eine ökologische. Wenn alle so bauen würden, wie wir das heute tun, bräuchten wir drei Erden. Wir sind also auf dem Holzweg. Für mich ist Lehmbau darum auch Friedensarbeit.

Lehm gilt als veralteter Baustoff. Wie wird er wieder modern?
Lehmbau ist eine jahrtausendealte Technik, die seit der Industrialisierung nicht mehr entwickelt und kaum angewandt wurde. Seither hat sich das Bauen verändert. Heutige Mittel erlauben uns, den Lehmbau neu zu entdecken. Doch es gibt keine Industrie, die die Technik vorantreibt. Die Innovationen müssen also von der Basis kommen. Ich versuche, bei allen Projekten einen Schritt weiterzu- gehen. Für Ricola haben wir erstmals Wände im grossen Stil vorfabriziert. Nur so liess sich der Stampflehm termingerecht und kostengenau umsetzen. Derzeit entwickle ich einen Stampfroboter, der den körperlich schweren Bauprozess erleichtern soll.

Lehmbau ist arbeitsintensiv. Bei unseren Löhnen ist er ein Luxus.
Lehmbau ist teurer, aber bezahlbar. Ich kann dafür anderes weglassen. Das ist überhaupt mein Ziel: konsequenter und einfacher bauen. Es muss nicht alles perfekt sein. Das Bauen wird immer kostspieliger, weil wir 150 Prozent Sicherheit verlangen. Wir lassen keinen Riss zu. Ich gehe einen anderen Weg, das zeigt sich zum Beispiel bei der Lehmfassade mit «kalkulierter Erosion». Der Schlagregen wäscht jedes Mal einen kleinen Teil der Lehmmauer aus. Die geplante Erosion wird mit den Jahren immer langsamer, hört aber nie ganz auf. Diesen Prozess muss man akzeptieren. Im Notfall könnte man wieder Schlamm auftragen.

Das klingt archaisch. Sehnen Sie sich nach einer früheren Zeit?
Auf keinen Fall. Lehmbau ist für mich kein Anachronismus. Ich will nicht zurück in die Vergangenheit, sondern zurück zur Vernunft. Wir bauen zu kompliziert, mit zu viel Technik, zu vielen Schichten. Wenn wir einfacher bauen, bauen wir nachhaltiger.

Ab Herbst sind Sie mit Anna Heringer Gastdozent an der ETH Zürich. Was möchten Sie erreichen?
Der Lehmbau kann nur zur Veränderung führen, wenn viele Menschen mitmachen. Das Wissen weiterzugeben, ist für mich darum zentral. Mit unserem Unesco-Lehrstuhl für Erdarchitektur, den wir an die ETH bringen, versuchen wir, den Lehmbau aufzuwerten und die Menschen hierzulande und in Entwicklungsländern für das Material zu sensibilisieren.

Auch die Afrikaner wollen aber sogenannt modern bauen mit Beton und Stahl. Kommt Lehm denn bei den Leuten an?
Erst einmal reagieren sie mit Unverständnis. Lehm gilt als Baustoff der Armen. Doch man kann die Menschen dafür begeistern, wenn man schöne Häuser baut. Über die Ästhetik erreicht man viel. Und wenn in diesen Bauten zudem das Klima besser ist, wird Lehmbau wieder salonfähig. So wie früher, als die Armen Hütten und die Reichen Paläste aus Lehm errichteten.

Erstellt: 28.06.2014, 06:48 Uhr

Martin Rauch

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