Liebesversuche mit der Welt

Der grosse Schweizer Schriftsteller Markus Werner starb am Sonntag 71-jährig in Schaffhausen. Seine sieben Romane gehören zum Schönsten der Schweizer Literatur.

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Der Tod ist stets gegenwärtig in den Romanen von Markus Werner. Wenn es der Tod von Nahestehenden ist, von unschuldigen Kindern zumal, dient er als finales Argument gegen die Welt und ihren Schöpfer. Aber es ist im vierten Roman, «Bis bald», wo wir einer Hauptfigur beim Warten auf den Tod zusehen. Dieses Buch, 1992 erschienen, als der Autor 48 war und noch vital, ist eine gespenstische Lektüre, wenn man Markus Werner in seinen späten, schon von der schweren Lungenkrankheit gezeichneten Jahren erlebt hat. Der Roman wirkt wie eine Vorahnung der Krankheit zum Tode – bis zu den medizinischen Details.

Die lange Krankheit hat Markus Werner geschwächt; auch deshalb ist «Am Hang», sein siebter Roman, 2004 veröffentlicht, der letzte geblieben. Dieser Abschluss sollte eigentlich ein Anfang sein; nach jahrelanger Treue zu Residenz in Salzburg war der Autor zu S. Fischer gewechselt, was sein Publikum deutlich vergrösserte; der deutsche Verlag nahm auch alle vorigen Romane ins Taschenbuch und tat überhaupt das, was man Autorenpflege nennt und keine Selbstverständlichkeit mehr ist.

So sind Markus Werners Romane heute in den Buchhandlungen und bei den Lesern präsent; es gibt immer neue junge Leute, die auf «Zündels Abgang» abfahren, in ihm ihren «Fänger im Roggen» entdecken und dann zu den nächsten Büchern greifen. Markus Werners Werk lebt, weil es gelesen wird; auch die Kritik hat es enthusiastisch empfangen; nur die offizielle, kulturpreisvergebende Schweiz hat es versäumt, den Autor zu Lebzeiten so zu ehren, wie er es verdient hätte. Weder den Grossen Schiller-Preis noch seinen Nachfolger, den «Grand Prix» fürs Lebenswerk, hat er erhalten – und wer hätte ihn mehr verdient?

Einzigartig in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur

Markus Werners Werk steht einzigartig in der Schweizer, ja in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur da. Ein vergleichbares Septett – und die musikalische, rhythmisch durchgestaltete Prosa rechtfertigt diese Metapher – findet man nirgendwo. Der Begriff «makellos» (der dem bescheidenen Autor sicher aufgestossen wäre), hier passt er. Die Dichte, die Qualität, die Musikalität dieser Prosa: Für mich gibt es in der Schweizer Literatur nach Frisch und Dürrenmatt nichts Vergleichbares.

Es ist auch eine anspruchsvolle Prosa. Sie nutzt den Reichtum des Schriftdeutschen aus – und setzt, wenn es sein muss, auch gezielt das Mundart-, ja das Schimpfwort ein wie ein rohes Ei, das auf ein gar zu schönes Gemälde geworfen wird. Die Form jedes Romans hat ihre eigene Raffinesse; jeder ist beherrscht vom dialogischen Prinzip, das keinen Satz ohne Gegen-Satz belässt, das die Positionen der Protagonisten kunstvoll filtert, ausbalanciert und ironisiert; und, obwohl ein dezidiert realistischer Autor, hat Markus Werner auch ausgesprochen magische Momente. In der «Kalten Schulter» begegnet der Held seiner toten Freundin, und im «Ägyptischen Heinrich» lässt der Autor nicht nur einen See sprechen, sondern erweckt auch seinen Ururgrossvater zum Leben und tritt, indem er sich selbst zur Figur macht, in ein fantastisches Gespräch mit ihm ein.

Wovon erzählen Markus Werners Romane? Natürlich von der Conditio humana, von der Stellung seiner Helden – allesamt unheldische Helden – in einer Welt, die für sie nicht geschaffen und für die sie nicht geeignet sind. «Untauglich» heisst das entsprechende Adjektiv, und es beginnt sofort zu schillern und dialektisch um sich zu schlagen: Denn was sagt das über eine Welt aus, wenn Gestalten wie Zündel, Moritz Wank, Lorenz Hatt oder Thomas Loos «nicht taugen»? Es ist eine Welt, die ihre Helden schon in der Kindheit deformiert, die sie dann durch die Institutionen Schule, Militär, Arbeitswelt knechtet, mithilfe der Religion durch ein Wechselbad von Angst und Hoffnung treibt und so zu Kriechern macht.

Der Mensch wird instrumentalisiert, manipuliert, entfremdet. Und Markus Werners Figuren spüren das, weil sie so dünnhäutig sind, mehr als das Gros der Menschheit. Sie spüren das falsche grosse Ganze auch im kleinsten Detail auf, auch dort, wo der Autor es ins Groteske umkippen lässt. Wenn Thomas Loos in «Am Hang» die Unhaltbarkeit der Welt daran festmacht, dass es keine Unterhosen mit Eingriff mehr gibt, dann zeigt Markus Werner, dass er durchaus nicht der grimmige Abraham a Sancta Clara unserer Tage ist, sondern ein Humorist von Gnaden.

Liebe ist eher ein trübes Kapitel

Und was ist mit der Liebe? Auch sie ist ein eher trübes Kapitel. «Die Hitze zeigt, was möglich wäre an Wärme», heisst es in «Festland». Die Sinnlichkeit treibt Mann und Frau zueinander, aber bleiben sie beisammen, versuchen sie etwas Dauerhaftes, schleicht sich schnell Routine ein, kommt es zu Missverständnissen, Enttäuschungen, schliesslich zum notorischen «Aneinandervorbeifühlen». Die «Ehepein» besteht schliesslich nur noch aus stillen, zerstörerischen Machtkämpfen, bei denen, da macht sich Markus Werner bei Feministinnen nicht beliebt, sich die Frauen meist als die Überlegenen erweisen.

Markus Werner kennt als belesener Mensch natürlich die Tradition der Weltverdammung des Mittelalters und des Barockzeitalters. Aber von diesem Weltverständnis trennt seine Figuren nicht nur die fehlende Hoffnung auf das Jenseits, das christliche Paradies. Ihnen ist auch klar, dass, wer sich mit seiner Zeit nicht gemeinmacht, sich selbst schadet. So erzählen Markus Werners Romane, jeder für sich, von Versuchen, sich doch auf sie einzulassen. Es sind Liebesversuche, die zwar nicht das Grosse und Ganze ändern können, aber für sich selbst einen Modus Vivendi suchen, in der kalten, brutalen Welt Momente von Wärme und Schönheit finden wollen.

Ob es in seinem Leben etwas gebe, was er als fraglos schön und gut empfinde, fragt der vom Pfarrer zum Therapeuten gewordene Franz Thalmann einen Patienten, einen Herrn Zemp. «Zemp überlegt minutenlang, dann antwortet er mit belegter Zunge: Tulpen. Und sonst? Zemp schweigt erneut minutenlang, und dann sagt er: ein rechter Zungenkuss. Und wenig später, leise: ein warmes Bad und das Finale von Haydns ‹Schöpfung› und Schweinsfilet im Kräutermantel, ferner Veilchenduft.» Das ist doch etwas. Und hätte er ein Leser von Markus Werners Büchern sein können, dann hätte Zemp sie seiner Liste von fraglos Schönem und Gutem wohl hinzugefügt.

Markus Werner war kein Gesellschaftslöwe, den Literaturbetrieb hielt er sich vom Leib. Er gab kaum Interviews und lebte, nicht nur die letzten Jahre, zurückgezogen in Schaffhausen. Wer ihn dort besuchte, dem war er allerdings ein liebenswürdiger, anregender, auch streitlustiger Gesprächspartner. Geboren in Eschlikon im Thurgau, studierte er in Zürich Germanistik, promovierte über Max Frisch, arbeitete bis 1990 als Lehrer, dann als freier Schriftsteller. Am Sonntag ist er 71-jährig in Schaffhausen gestorben. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 04.07.2016, 16:34 Uhr

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