Mit Tweets gegen Schreckensmeldungen

Die Ostschweizerin Claudia Vamvas twittert als Akkordeonistin kurze poetische Geschichten aus dem Alltag. Damit zählt sie mehr Fans als der FCZ.

Das Markenzeichen von Claudia Vamvas: Das Akkordeon. Bild: Twitter/Die Akkordeonistin.

Das Markenzeichen von Claudia Vamvas: Das Akkordeon. Bild: Twitter/Die Akkordeonistin.

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Ein wuchtiges rotes Akkordeon hängt ihr um den Hals. Sie trägt kurze Haare, eine Brille und – sie raucht. Das ist das Profilbild von Claudia Vamvas alias Akkordeonistin. Sie hat auf Twitter bereits fast 12'000 Leser und Leserinnen. Das sind mehr Leute, als durchschnittlich vergangene Saison mit dem FCZ im Letzigrund mitfieberten (9'389).

Eigentlich machen Twitterer ja vor allem mit Getöse auf sich aufmerksam. Doch Vamvas hat es geschafft, mit leisen Tönen – auf je 140 Zeichen – eine grosse Menge an Followern für sich zu gewinnen. Angefangen habe es, als ihr Sohn ihr vor fünf Jahren Twitter gezeigt hat. «Ich erstellte daraufhin einen Account, hatte aber keine Ahnung, was ich damit anfangen sollte», meint Vamvas. Erst ein Jahr später veröffentlichte sie als Akkordeonistin ihren ersten Tweet – eine Liebeserklärung an den Frühling.

Claudia Vamvas lebt in St.Gallen und arbeitet als Lektorin. Sie ist 1968 geboren und beschäftigt sich mit dem Schreiben und der Musik. Auf dem Weg zur Arbeit begann Vamvas vor allem die Beobachtungen ihrer alltäglichen Busfahrten in poetischen Sätzen zu verarbeiten.

Nach etwa zwei Jahren sei das Ganze «ein wenig explodiert», meint Vamvas. Plötzlich hatte sie eine grosse Leserschaft aus 20- bis 70-Jährigen, die vor allem eins miteinander verbindet: «Die Liebe zur Sprache». Vamvas selbst liest auf Twitter am liebsten «Absurdes, Kluges, aber auch Unaufgeregtes aus dem Alltag».

Twitter motiviert sie immer wieder zum Schreiben: «Dieses leere Feld mit dem beschränkten Platz für 140 Zeichen, eine ziemliche Herausforderung. Es machte mir je länger, je mehr Spass, meine Beobachtungen und Gedanken in dieser Kürze formulieren zu müssen.» Die Sprüche der Akkordeonistin sind voller Alltagspoesie. Sie beschreibt pointiert zwischenmenschliche Begebenheiten und Stimmungsbilder und kommt dabei – eine Rarität auf Twitter – ganz ohne Boshaftigkeiten aus.

Andere lösen gerne einmal einen Shitstorm aus, bei der Akkordeonistin gibt es höchstens einmal einen Sturm an Likes und Retweets. Sie ist stets nett, freundlich und sympathisch. Die Akkordeonistin zeigt, dass es auch mal guttut, in dem lauten Alltagsgezwitscher kurz innezuhalten. Mal melancholisch: «Ich verspüre nach den letzten Tagen ein unermessliches Bedürfnis nach schönen Wörtern.» Mal selbstironisch mit «Ich bin jetzt in dem Alter, in dem man aus Trotz wieder Trottinett und Rollschuhe sagt» schafft die Poetin Raum für Gedanken und Nachmittagsträumerei. Sie ist ein Gegenpol zu der ansonsten so lauten und schnellen Twitter-Welt und hat wohl genau deswegen so viel Erfolg. Grosse Absichten hinter ihren Posts hat Vamvas aber nicht. «Es gab und gibt noch immer kein Konzept. Ich wollte nur aus meinem Wohnzimmer heraus einige Gedanken in die Welt senden.»

Gelesen werden ihre Sprüche bislang vor allem auf Twitter. Aber um die ruhige Akkordeonistin wird es auch ausserhalb des Netzes immer lauter. Sie trat mitsamt Akkordeon und poetischen Sprüchen im Stadttheater Bern auf und hat vergangenes Jahr ihr Buch «Sitze im Bus» veröffentlicht. Die 122 Beobachtungen der Akkordeonistin sind bislang als E-Book erhältlich. Ab September ist Vamvas' Werk auch als gedruckte Version in den Läden zu kaufen. Die Berliner Verlegerin Christiane Frohmann, die das Stück veröffentlicht, hat mittels Crowdfunding mehr als 5000 Euro zusammengetragen, um es drucken zu können – auf Wunsch der grossen Vamvas-Leserschaft.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 02.08.2016, 18:53 Uhr

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