Bildstrecke

Möblierte Berge

Schluss mit dem falschen Idyll: Die Fotostiftung in Winterthur zeigt zeitgenössische Schweizer Landschaftsfotografie.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

«Lasst alle Hoffnung fahren», heisst es am Tor zur Hölle bei Dante. «Adieu la Suisse!», heisst es in der Fotostiftung Schweiz in Winterthur. In der Tat: Die seelentiefen Ansichten von Gletschereis und Ackerkrume, von Gipfeln und Seen und gottesfürchtig auf die Hügel gepflanzten Gehöften, in einer Diaschau eingespielt aus einer Zeit, als die Fotografie noch schwarzweiss war und die Natur noch ganz, scheinbar jedenfalls – das alles ist hier bloss das Intro. Die Verlustanzeige, mit der die Geschichte beginnt. Der Abschied kommt mit einem harten Schnitt in eine ganz andere Bildwelt: Heute sind die Berge möbliert mit dem quietschbunten Plastik der Spassgesellschaft, und der ewige Schnee ist in Wahrheit künstlich.

Jules Spinatsch hat die Infrastruktur des alpinen Spektakels fotografiert, Christian Schwager die falschen Chalets, Yann Gross die praktizierenden Freunde des amerikanischen Traums, Nicolas Faure das unscheinbare Ödland des Alltags. Die Fotostiftung präsentiert ihre Bilder zusammen mit denen von vier weiteren zeitgenössischen Künstlern, in durchaus therapeutischer Absicht: Sie sollen uns heilen von einem falschen Idyll. Und uns jene Schweiz zeigen, in der drei Viertel der Leute in urbanen und suburbanen Umständen leben und ein Quadratmeter Grün pro Sekunde zugebaut wird.

Damit enthüllt die Ausstellung keine neue Wahrheit. Interessanter ist sie woanders: im Fotografischen selber. Die schroffe, auf den ersten Blick schon ein bisschen zu billige Gegenüberstellung der Bilder von gestern und heute, von Schwarzweiss und Farbe, von Heimatgefühl und Gegenwartskater – sie dokumentiert nicht etwa den wirklichen Wandel der Schweiz. Denn die Verunstaltung der Landschaft hätte man schon in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts abbilden können. Entscheidend verändert hat sich vielmehr der Blick auf dieses Land: Das Adieu, das Kurator Peter Pfrunder hier illustriert mit seinem Arrangement teils bestens bekannter Werke aus der Sammlung des Hauses, ist das der aktuellen Fotografie.

Topografie des Banalen

Während die Schweiz in den Köpfen noch immer aus Bergen und Wiesen, Kühen und Bauern besteht, aus einem urtümelnden Idyll, interessieren sich die Fotografen seit einigen Jahren auch für die weniger heimat- und tourismusträchtigen Realitäten in diesem Land. Sie operieren dabei durchwegs mit einem ausgesprochen dokumentarischen Gestus, aber nicht ohne Humor, und der rührt genau von jener Nüchternheit her; abgesehen vielleicht von Andri Pol, der es als Ethnologe unter den Einheimischen ganz direkt auf die Momente angelegt hat, in denen der Alltag zur menschlichen Komödie wird. Aber ansonsten: Drahtzäune, Brachflächen, Gebüsche, Asphalt, Wohnwagen, Büroregale, Bratwürste, aufblasbare Steinböcke – da kommen komischerweise lauter Dinge ins Bild, die gemeinhin nicht als bildwürdig gelten. Erst recht nicht, wenn vorab die klassische Schweizer Fotografie von Albert Steiner bis Jakob Tuggener die Grösse von Natur und Heimat beschwört.

Die Schweiz von heute also: eine Topografie des Banalen bis hin zu den Funktionalbetonfassaden der SBB (Martin Stollenwerk) und zur umwerfenden Ordentlichkeit, die im Innern unserer Poststellen herrscht (Jean-Luc Cramatte). Auch Nicolas Faure ist da, der schon in den Neunzigerjahren die Findlinge vor unseren Häusern und die Grünflächen zwischen unseren Autobahnen entdeckte. Mittlerweile gewinnt er selbst herrenlosen Holz- und Schneehaufen Ansichten ab, die die Gegenwart unbeachteter Parallelwelten im Alltag bezeugen, die Existenz einer ziemlich rätselhaften Ordnung ziemlich rätselhafter Dinge.

Bleibt am Ende nur die Frage, ob man so gegen die Schweiz in den Köpfen ankommt. Peter Pfrunder will dem Land neue Bilder anbieten, als «Mittel zur Reflexion» jenseits seiner «Illusionen». Er zitiert im Katalog aber gleichzeitig den Literaturwissenschaftler Peter von Matt, diesen fast schon offiziellen Gutachter helvetischer Gemütslagen: «Eine Gesellschaft wird von ihren kollektiven Fantasien zwingender regiert als von geschichtlichen Tatsachen. Wenn die Tatsachen der Fantasie widersprechen, umso schlimmer für die Tatsachen.» Anders gesagt: Das Idyll ist zäh, und die Kunst ist allemal schneller therapiert als eine ganze Nation.

Noch bis 25. August. Katalog (D/F) bei Editions Hazan, Peter Pfrunder (Hrsg.), ca. 35 Fr. www.fotostiftung.ch

Erstellt: 12.08.2013, 10:19 Uhr

Artikel zum Thema

Willkommen in der unendlichen Pubertät

In der neuen Ausstellung «Status Dokument» im Fotomuseum Winterthur posieren auch die «Showroom Girls». Was erzählt das Bild über unsere Kultur des digitalen Narzissmus? Mehr...

Der Aufbruch der Schweiz

Ein Land strebte vorwärts – und Fotograf Hans Steiner hat es festgehalten: Sein in Vergessenheit geratenes Werk ist jetzt in der Fotostiftung Schweiz zu sehen. Mehr...

Die Oktoberrevolution der Fotografie

Die radikale Bildsprache des sowjetischen Fotografen Alexander Rodtschenko frappiert noch heute – zu entdecken im Fotomuseum Winterthur. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Weiterbildung

Gamen in der Schule

Die Schule bereitet Kinder auf die Arbeitswelt vor. Das Rüstzeug soll auch spielerisch vermittelt werden.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Nichts wie weg: Ein Känguru flieht vor den Flammen in Colo Heights, Australien, die bereits 80'000 Hektaren Wald zerstört haben (15. November 2019).
(Bild: Hemmings/Getty Images) Mehr...