Nun ist die Reihe an den Jungen

In «Creed II» katapultiert der Fight von Adonis Creed Trainer wie Boxer in die schmerzhafte Vergangenheit. Zum letzten Mal mit ihm, sagt Sylvester Stallone.

Vaterfigur: Rocky (Sylvester Stallone, r.) als Mentor von Adonis Creed (Michael B. Jordan). Foto: Warner Bros.

Vaterfigur: Rocky (Sylvester Stallone, r.) als Mentor von Adonis Creed (Michael B. Jordan). Foto: Warner Bros.

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Man könnte meinen, wir seien zurück im Kalten Krieg: 34 Jahre nach der schamlos pathetischen Ost-West-Schlacht in «Rocky IV» stehen sich die Kämpfer von ­damals wieder gegenüber – der US-Amerikaner Rocky Balboa (Sylvester Stallone) und der Russe Ivan Drago (Dolph Lundgren). Der Unterschied: In «Creed II» boxen sie nicht mehr selbst, die Länderflaggen wurden eingerollt, die Glorifizierung heruntergefahren. Und man könnte sagen, dass «Creed II» wieder den ursprünglichen Streetgroove der inzwischen 43-jährigen «Rocky»-Filmreihe atmet.

Wenn sich die Senioren jetzt im Restaurant Adrian’s in Philadelphia gegenübersitzen, dann sieht man die Last und Verbitterung in ihren zerknitterten bis zerknautschten Gesichtern. Er sei ein Klumpen von gestern, murmelt Rocky, der versuche, mit heute Schritt zu halten. Adrian, seine Gattin, hinterliess nach ihrem Hinschied vor allem Leere. Drago, der vor 34 Jahren gegen den Amerikaner in einem russischen Stadion k.o. ging, hält dagegen, dass Rocky in seinem Land immerhin verehrt werde. Er jedoch sei zur Null geschrumpft: «Ich habe damals alles verloren: mein Land, meine Ehre, meine Ehefrau.»

Mitschuldig am Tod

So erscheint den angejahrten Herren die Gegenwart als passendes Pflaster, um ihre Schützlinge aufeinander loszulassen: Dragos Sohn Viktor (Florian Munteanu) ist eine hünenartige Muskelmaschine mit glutwütendem Blick. Ganz der Vater, bloss der ständige Schweissfilm auf der Haut fehlt. Viktor fordert den Protegé von Rocky zum Kampf, den gerade erkürten dunkelhäutigen Weltmeister Adonis Creed (Michael B. Jordan). Und der muss akzeptieren. Der Hintergrund: Ivan Drago hatte in «Rocky IV» Creeds Vater mit Schlägen dermassen traktiert, dass dieser noch im Ring verstarb. Coach Rocky hatte es damals versäumt, das Handtuch zu werfen.

Rache, Reue, Schuld – es sind die zentralen Erzählmotoren in «Creed II», und das ist schon mal ein guter Ansatz, um diese Reihe in die Gegenwart zu führen. Dass man die Dragos hervorgeholt hat, dürfte aber auch einen wirtschaftlichen Grund haben: «Rocky IV» erreichte das höchste Box-Office aller «Rocky»-­Filme, danach hatte das Publikum genug, Stallone wandte sich von seiner Figur ab und wollte die Reihe schliesslich mit dem Spätwerk «Rocky Balboa» (2006) beenden.

Vom Boxer zum Trainer

Aber dann trat, völlig unerwartet, Ryan Coogler auf den Plan. Der dunkelhäutige Regisseur, der mit dem Drama «Fruit­vale Station» (2013) debütiert hatte, vermochte der «Rocky»-Saga neues Leben einzuhauchen. Er erzählte die Geschichte des Underdogs, der sich emporboxt, aus Sicht des schwarzen Jungspunds Adonis Creed («Creed», 2015). In der Hauptrolle glänzte Michael B. Jordan. Sylvester Stallone liess sich damals erst nach längeren Verhandlungen überzeugen, Rocky als Nebenfigur zu spielen – worauf er schliesslich jenen Mentor und Coach verkörperte, den er als aktiver Boxer in den frühen «Rocky»-Filmen in der Person von Mickey selbst ­benötigt hatte.

Infografik: Die Rocky-Saga Grafik vergrössern

Coogler wäre nun auch für «Creed II» als Regisseur vorgesehen gewesen. Er entschied sich dann aber, mit Jordan den Superhelden-Film «Black Panther» zu drehen, der sich als weltweit erfolgreichster Film des Jahres 2018 entpuppte. Die steilen ­ Karrieren des dunkelhäutigen Dream-Teams Coogler und Jordan passen zum «Rocky»-Credo, dass man es mit harter Arbeit von ganz unten bis nach ganz oben schaffen kann.

«Creed II», inszeniert vom noch unbekannten Regisseur Steven Caple jr., verfügt nicht mehr über dasselbe Erneuerungsfurioso wie Cooglers Überraschungshit. Es lohnt sich aber, näher hinzusehen und festzustellen, dass dieses Mainstreamwerk erstaunlich ruhig und ­präzise gemacht wurde. Es ist Sylvester Stallone, der neben anderen Autoren wieder das Drehbuch schrieb und darin Väter auf unterschiedlichen Alters- und Reifestufen in den Mittelpunkt stellt: Der alte Rocky hat keinen Kontakt mehr zu seinem Sohn, wofür er sich grämt und schämt. Drago senior projiziert alle Hoffnung auf seinen Spross, um der Verwahrlosung zu entrinnen. Und Adonis, der erstmals Papa wird, teilt sich die Erziehung mit seiner Freundin, die als Sängerin Karriere macht. Als er einmal mit der schreienden Kleinen allein ist, fährt er in den menschenleeren Boxclub, um dort verzweifelt auf einen Sandsack zu dreschen.

Stallone machte alles

«Creed II» ist also Fortschreibung, Neuerfindung und Hommage in einem. Ein Handtuch wird geworfen, aber nicht von Rocky, wie es zu erwarten wäre. Und Stallone gibt offenbar den endgültigen Abschied aus einer Reihe, die er wie kein Zweiter prägte: Er spielte in allen acht Filmen mit, schrieb siebenmal das Drehbuch, führte viermal ­Regie. Es gibt keine andere Filmreihe, die so sehr von ihrem Erfinder geprägt ist.

In seiner letzten Szene sagt Rocky zu Creed: «It’s your time now.» Auf Instagram bestätigte Stallone die Vermutungen über seinen Rückzug – da sagt er zu Michael B. Jordan: «Jetzt musst du die Verantwortung tragen.» Ob sich «Creed» ohne Stallone als Marke halten kann?

Ab Donnerstag in den Kinos.

Erstellt: 22.01.2019, 06:31 Uhr

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