Porträt

Russell brennt

Er ist Englands flamboyantester Comedian und der politische Advokat der Strasse. Er ist sexsüchtig und war mit Katy Perry verheiratet. Aber das Beste ist: Russell Brand kommt nach Zürich!

Russell Brand wird in eine Talkshow geladen – und beginnt sich zu ärgern.


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Die Liste sagt eigentlich alles. Die Liste mit Büchern, die in Guantánamo verboten sind. Der «Guardian» veröffentlichte sie im vergangenen Dezember, erstellt hat sie eine karitative Organisation, die sich um Guantánamo-Häftlinge kümmert. Zu den Büchern, die Gefangene dort nicht lesen dürfen, gehören: «Schuld und Sühne» (Dostojewski), «Archipel ­Gulag» (Solschenizyn), «Der Kaufmann von Venedig» (Shakespeare) und «Booky Wook 2 – This Time It’s Personal» von Russell Brand. Ein Club von grossen toten Dichtern, Aufwieglern und Stilisten. Und Russell Brand. Mit dem zweiten Teil seiner brillant verschwafelten, total versexten und jenseits von gesellschafts­fähig angesiedelten Autobiografie.

Russell Brand, der Mann mit den Haaren. Britischer Comedian, Schauspieler, Ex-Junkie, Gelegenheits-Esoteriker, Ex-Sportkolumnist des «Guardian», Ex-MTV-Moderator, Sex-Ex von Kate Moss, Geri Halliwell, Courtney Love und vielen mehr, Ex-Gatte von Katy Perry, dieser singenden Kreuzung eines Pin-ups und eines Schleckstängels. Russell Brand, Celebrity und Exzentriker, der optisch wie inhaltlich alles gefressen und wiedergekäut hat, was die britische Kulturgeschichte seit Shakespeare geliefert hat, besonders die Romantiker, Charles Dickens, Oscar Wilde. Und Freud. Und Foucault. Welches andere Massenphänomen zitiert auf der Bühne schon Foucault? Und alle wilden Drogen, die je im Königreich verdealt wurden. Drogen, jene Adelung des ordinären Promis, gerade in England. Je mehr Drogen, desto authentischer, ist ja so eine volkstümliche Meinung. Pete ­Doherty, Amy Winehouse, Russell Brand: allesamt genial. Im Dienst der Revolution

Wahrscheinlich ein Genie

Helen Mirren bezeichnet Russell Brand gerne als Genie, sie hat mit ihm zwei Filme gedreht, «The Tempest», eine ernsthafte Shakespeare-Verfilmung, und «Arthur», eine alberne Komödie über einen superreichen Kindskopf (Brand) und seine Gouvernante (Mirren). Auch David Lynch nennt Brand ein Genie, ­allerdings sind die Zusammenhänge da ein wenig sektenmässig. Brand gehört zu den Jüngern der Transzendentalen Meditation, der Lynch vor einigen Jahren anheimgefallen ist.

Aber ja, wahrscheinlich ist Russell Brand ein Genie. Jedenfalls zunehmend. Und seit dem vergangenen Jahr. Da beschloss er, nicht nur lustig und frivol und ungeheuer redegewandt zu sein, sondern sich auch noch in den Dienst einer politischen Mission zu stellen. Das hatte er zwar vorher auch schon getan. 2008 brauchte er seine erste MTV-Video-Music-Award-Moderation, um Wahlkampf für Obama zu machen. Immer wieder sprach er im britischen und im schottischen Parlament über Drogenprohibition. Aber bis 2013 waren seine politischen Einmischungen eher situativ gewesen.

Jetzt machte er sie zu seiner Hauptagenda. Er demonstrierte, hielt Reden in Radio und Fernsehen, kuratierte im ­Oktober eine Nummer des «New Statesman» und widmete sie ganz dem Thema Revolution. Er schrieb einen riesigen, weitherum bewunderten Artikel über die Notwendigkeit von Widerstand und Utopien, er verteidigte die jugendlichen Aufständischen auf den Strassen, die London Riots, die Occupy-Bewegung. Er nannte sie Anfänge, die nötig seien, um den Regierungen zu zeigen, wo denn genau die defizitären Winkel ihrer Systeme liegen würden. Und sagte, dass er sich weigere zu wählen, bis eine Demokratie wirklich allen Bürgern eines Landes zugute kommen würde und nicht nur den reichsten.

Das absolute Egotierchen

Er kommt selbst aus dem Abseits aller Privilegien, aus jenem für die Mächtigen blinden Winkel. Aufgewachsen ist er in der unbedeutenden Themsestadt Grays in Essex, sein Vater, der die Familie verliess, als Russell sechs Monate alt war, war Fotograf und verkaufte seine Arbeiten auf dem Markt, Alimente bezahlte er nie. Dafür führte er viel später den pubertierenden Sohn in die Welt der Drogen und Bordelle ein. Mit sieben wurde Russell von einem Betreuer missbraucht, mit acht erkrankte seine Mutter an Krebs (und überlebte). Er flog von diversen Schulen, weil er prügelte, mit vierzehn war er mager-, ab sechzehn drogensüchtig, dabei immer hochbegabt und hochkomisch, als Schauspielschüler, als Daherredner, als Exhibitionist seines Grössenwahns und seiner Peinlichkeiten, ein absolutes Egotierchen der 90er- und Nullerjahre. Immer charmant, fast immer so höflich, so wahnsinnig nett, dass man ihn auch der Queen hätte vorstellen können – bis zum nächsten vollkommen irren Austicker.

Mit Amy Winehouse verband ihn über Jahre eine lose Junkie-Freundschaft in den Strassen von Camden Town, und der Nachruf, den er auf sie schrieb, war von allen der berührendste und eindringlichste, ein Nachruf direkt aus den Innereien ihres Elends. Seine erste richtige Stelle als MTV-Moderator verlor er, weil er am 12. September 2001 als Osama Bin Laden verkleidet und mit seinem Heroindealer zur Arbeit kam. Ein Jahr später begab er sich in Therapie – die Drogensucht konnte er bewältigen, die Sexsucht zum Glück für alle seine Groupies nicht. Bis zu drei Stück davon soll er nach seinen Auftritten ­vernaschen.

Bis die Queen kommt

Und wo wir schon beim Sex sind – Brand, mehrfach von der «Sun» zum «Shagger of the Year» (Vögler des Jahres) gekürt – beendet seine Bühnenprogramme meist mit der Imagination einer Sexorgie: Sein New Yorker Abend endete damit, dass er den Amerikanern in blumigsten Details ausmalte, wie er die britische Queen, der er übrigens schon seit Jahren eine faszinierende Oberweite zuspricht, ­befriedigen würde. Und jetzt, im «Messiah Complex», einem Programm, das zum ersten Mal nicht nur von Russell Brands einnehmendem Narzissmus erzählt, sondern auch von seiner Beschäftigung und Identifikation mit Figuren wie Che Guevara, Gandhi, Malcolm X, Jesus (und, auf dem Plakat in Klammer gesetzt, ein bisschen auch Hitler), geht die letzte von hunderttausend Pointen wahrscheinlich auch in Zürich ungefähr so: «Ich garantiere, dass jede, die mit mir schläft, zuerst kommen wird.» («I’ll always be the second coming.») «Und deshalb bin ich ein wenig wie Jesus.» (Auf Englisch bezeichnet «second coming» die Wiederkunft Christi.)

Zähmen lässt sich Russell Brand auch mit 38 nicht. Als ihn das Herrenmagazin «GQ» letztes Jahr im Royal Opera House in London als einen der Männer des ­Jahres auszeichnete, sagte er in seiner Dankesrede, dass «GQ» doch statt «Gent­lemen’s Quarterly» besser «Genocide Quits», Genozid endet, heissen solle. Und dass der Hauptsponsor des Abends, nämlich Hugo Boss, einst Uniformen für die Nazis gemacht habe. Natürlich wurde er von der Veranstaltung geschmissen. Und schrieb wenig später im «Guardian»: «Es fühlte sich an wie eine ­Hochzeitsgesellschaft, auf der die Rede des Trauzeugen offenbart hatte, dass der Bräutigam fremdgegangen war: mit Hitler.»

Erstellt: 17.01.2014, 07:39 Uhr

Infobox

Russell Brand tritt am 11. Februar im Zürcher Kongresshaus auf.

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