Sehen mit den Zehen

In einer Berner Galerie kann man die eigenartigsten Erfahrungen machen: Das Forschungsprojekt «Mit dem Körper sehen» ermöglicht einen neuen Blick auf den Raum und die Eigenwahrnehmung.

Groteske Performance: Der Künstler Peter Aerni folgt mit der Kamera am Knie einer Zickzacklinie.

Groteske Performance: Der Künstler Peter Aerni folgt mit der Kamera am Knie einer Zickzacklinie. Bild: Ruben Wyttenbach (13 Photo)

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Zum Schluss bin ich nicht mehr so sicher, ob meine Augen wirklich noch am gewohnten Ort, nämlich im Kopf sitzen. Vor einer halben Stunde waren sie noch zwischen meinen Füssen. Der Sehsinn rutscht auf das Höhenniveau einer Maus – mir wird schwindlig, ich tapse herum, habe Angst zu fallen. Dabei ist der Galerieraum nicht gross, ich kann mich nicht verlaufen. Doch die kleine Videokamera, die ich auf Fusshöhe an einem archaisch anmutenden Gestell vor mir her trage, übermittelt verstörende Bilder an mein Head-Mounted Display, meine Videobrille. Der Parkettboden sieht aus wie ein merkwürdig gesprenkelter Wald, dann ein Schuh, riesig, ein schwarzer Bergrücken.

Es ist der Fuss von Manuel Schüpfer, einem der vier Künstler, die an diesem Forschungsprojekt der Hochschule der Künste Bern beteiligt sind und in der Galerie Bischoff & Partner während der nächsten Tage Erstaunliches präsentieren. «Mit dem Projekt wollten wir die Extensivierung der visuellen Wahrnehmung für die künstlerische Praxis erforschen», erklärt Schüpfer. Die Sehmaschine, die unmittelbar das abbildet, was sie am Fuss, auf dem Handrücken oder in der Kniekehle mit Sicht auf rückwärtige Verhältnisse aufnimmt, macht es tatsächlich möglich, die Welt mit anderen Augen zu sehen.

Doch nicht nur die Künstler betreten verlockendes Neuland. Auch die Physiotherapeuten machen sich Hoffnungen, was diese neue Art von Sensorik angeht. Indem die Körpererfahrung erweitert wird und neue Sehprozesse andere Bewegungsabläufe möglich machen, können vielleicht auch Bewegungsmuster leichter eingeübt werden.

Lebendige Stricknadeln

Was an ungeahnten Bewegungen möglich ist, sieht man in einer Videodokumentation von Peter Aerni. Er hat eine Kamera auf dem Knie und versucht, damit einer gelben Zickzacklinie an der Wand nachzufahren. Das wirkt auf den ersten Blick grotesk, aberwitzig und völlig unkoordiniert, denn er krabbelt und kippelt und rudert wie wild mit den Armen, um das Gleichgewicht zu halten – er sieht ja nur mit dem Knie. Anderseits zeigt das Experiment, dass unsere gewohnte visuelle Wahrnehmung eben nur eine von vielen Möglichkeiten ist, die Welt wahrzunehmen. Und dass wir mit unseren beiden Augen, die immer am selben Ort sitzen, doch ziemlich eingeschränkt, wenn nicht sogar handicapiert sind.

Eine Auswahl an installativen Videoarbeiten, Dokumentationen und Performances zeigt, dass die erweiterte Sensorik durchaus auch künstlerisches Potenzial in sich trägt. Wie ein lebendiges Bild, das sich kaleidoskopähnlich immer neu zusammensetzt, wirkt das Video von einer Kletterei. Vier Kameras schnallte sich der Berggänger und Künstler Urs Gehbauer an – zwei an den Knien, eine auf der Brust und eine am Kopf. Die unterschiedlichen, sich rasch verändernden Blickwinkel – in die Tiefe, zum nächsten Haken, zum nächsten Tritt, purzeln immer wieder anmutig durcheinander. So unmittelbar und so vielfältig muss ein Kletterer eine Wand empfinden, denkt man beim Hinschauen. Dazu klingeln die Karabiner hell und leicht wie die Glöckchen von Bergziegen. Eine wunderbar sinnliche, optisch und akustisch ungewöhnliche Videoarbeit.

Ein anderes Video zeigt zwei Stricknadeln, die damit beschäftigt sind, einen roten Pullover zu vollenden. Die Kamera sass diesmal auf dem Handgelenk, die Nadeln wirken lebendig, als wüssten sie selber, wie welche Masche gestrickt werden muss. Was fast beunruhigend wirkt in seiner Selbstverständlichkeit. Einen ähnlichen Eindruck erhält man beim Kalligrafie-Video. Die Kamera, also unser Auge, ist direkt an der Feder fixiert – die schönen Zeichen fliessen nur so aus dem Schreibgerät heraus. Das Schreiben als Prozess wird direkt und ganz unmittelbar nachvollziehbar. Es schreibt. Eher performativen Charakter hat die VideoDokumentation eines Kartenspiels. Da sitzen zwei Männer in Weiss in einem grauen Keller und spielen gegeneinander. Doch indem sie ihre Sehmaschinen gekoppelt haben und man sich gegenseitig in die Karten schauen kann, spielt man im Grunde auch gegen sich selber.

Ein komischer Vogel

Den Blick des andern möchte ich ausprobieren. Ich schliesse mit Manuel Schüpfer die Geräte kurz, er sieht sich nun selber durch meine Augen. Ich dagegen sehe mich so, wie er mich wahrnimmt: sehr klein und schmal. Kein Wunder, Schüpfer ist deutlich grösser als ich, seine Kamera nimmt mich von weiter oben wahr. Eine verrückte Welt ist das hier in der Galerie, die moderne Form eines Spiegelkabinetts, in dem aufgehoben wird, was normal erschien.

Die eindrücklichste Erfahrung bietet mein letztes Experiment. Wir gehen in den Innenhof mit den Bäumen, ich halte hinter mir eine lange Metallstange, die meine verlängerte Wirbelsäule simuliert. Hoch oben, auf über zwei Meter, sitzt die Kamera. Durch die Videobrille kommt es mir vor, als wäre ich ein Vogel, der verzweifelt nach einer Landemöglichkeit sucht. Das Bild ist ruckhaft, denn ich tappe wie blind umher, das Pflaster unter den Füssen ist uneben, Vögel müssen ja auch nur selten laufen. Die Menschen um mich herum sind real zwar sehr nahe und wirken dennoch merkwürdig distanziert. An Höhe habe ich eindeutig gewonnen, den Boden unter den Füssen aber verloren. Ein komischer Vogel, der nicht fliegen kann und der sich zum Schluss, vom neuen Sehen komplett erschöpft, in den erstbesten Gartenstuhl plumpsen lässt.

Erstellt: 31.07.2013, 08:33 Uhr

Mit dem Körper sehen

Bis 3. August. Mi und Fr 14–18 Uhr, Sa 12–16 Uhr. 1. August geschlossen. Am Samstag um 14 Uhr können Besucher die Sehmaschinen selber ausprobieren. www.bernhardbischoff.ch

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