«Sex» im Schauspielhaus: Von Kopf bis Fuss spermaweiss eingeschäumt

Im Zürcher Schiffbau hatte Justine del Cortes «Sex» Uraufführung: Theaterdirektor Matthias Hartmann inszenierte die Versuchsanlage über Eros und Tod als flotten Totentanz.

«Sex» im Schauspielhaus Zürich.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

«Aaaah! Oooooh! Bravooo!» Wenn Leda, die Schwanengeliebte, von ihren scharfen Paarungen mit dem verwandelten Gott plaudert, dann hat das was von der legendären Restaurantszene im Kultfilm «When Harry Met Sally», in der die Heldin einen Orgasmus simuliert: Wenn man nicht so lachen müsste, würde man glatt das Gleiche bestellen. Das Gleiche ist in diesem Fall ein Solo in Justine del Cortes neuem Theaterexperiment «Sex»: Yohanna Schwertfeger als Leda stöhnt und trillert und juchzt, was der Mikroport hält; und dazu patscht sie mit wilder Wonne in Seifenwasser, bis sie von Kopf bis Fuss spermaweiss eingeschäumt ist.

Einsamkeit im Doppelbett

Sicher, der scheidende Intendant des Schauspielhauses Zürich, Matthias Hartmann, hat durchaus schon subtiler inszeniert als jetzt in der Schiffbau-Box bei der Uraufführung von del Cortes Stationen-Stück «Sex». Aber Subtilität ist auch nicht das Mittel der Wahl beim dritten Bühnentext der 1966 in Mexiko geborenen Wahl-Berlinerin (deren zweiter, «Die Ratte», hoffnungslos im Boulevard abgesoffen war). Justine del Corte dreht den Stoff, aus dem die Liebesträume sind, durch die Mangel: Zwei Teenies erleben ihr erstes Mal – eine Art verwirrender Urknall im Elternbett; zwei Twenty-Somethings vermasseln ihren One-Night-Stand – jeder bleibt eine Insel; zwei Mittdreissiger betreiben mit zusammengebissenen Zähnen Kinderzeugung, Kerzenschein, Kameramitschnitt und viele Lügen inklusive; Girlie Leda fabuliert von ihrem Schwan und legt ein Ei; und in den letzten drei Szenen dominieren schliesslich Frauen zwischen vierzig und fünfzig: keineswegs glückliche Kreaturen.

Kleiner Tod, grosser Tod

Stark allerdings sind Justine del Cortes Frauenfiguren allemal: Sie versuchen, mit dem kleinen Tod – dem Sex – dem grossen Tod die Stirn zu bieten. Doch der grinst darüber nur wie ein mexikanischer Día-de-los-Muertos-Schädel (Peter Holliger als vergammelnder Gruselclown). Kurz: das ist Thesen-Theater, in Anekdoten verpackt. Aber immerhin: Hartmann und seine acht Schauspieler haben ein Händchen für die Verpackung.

Das Verpackungsmaterial besteht aus live produzierten Filmbildern, die über fünf riesige Leinwände flimmern (Video: Stephan Komitsch und Andi A. Müller), aus ironisch-gefälligen Livesounds und -songs (Musik: David Langhard) und, nicht zuletzt, aus einem gewaltigen Berg Spielfreude und Bewegungslust. Dieser Berg füllt die leeren Bretter von Bühnenbildner Volker Hintermeier mit Witz und Musik, virtuosem Liebes-Spiel und raschen Rollenwechseln. Jeder bekommt im Beziehungslabor einmal die Hauptrolle: Katharina von Bock, Elena Nyffeler, Annelore Sarbach und Yohanna Schwertfeger; Simon Harlan, Christian Heller, Peter Holliger und Jörg Pohl. Dass zwei sie ganz besonders verdienen, weil sie mit ihrer Leichtfüssigkeit noch aus jeder Peinlichkeit eine Pointe heraustanzen, darf hier nicht unter den Tisch fallen: ein Extra-Applaus für Schwertfeger und Pohl. Sie bezirzen uns im Chor und in der Koloratur.

Stimmen-Drama, Körper-Karaoke

Der Regisseur hat jede Szene als Fuge arrangiert, als Stimmen-Drama, Körper-Karaoke und Bildersimulation, nicht als Peepshow. Mal ist die nicht jugendfreie Szene umgesetzt als Verschränkung von zwei schlichten Küchenstühlen, mal als pornografisches Puppentheater, orchestriert mit Geächze vom Band. Dann wieder finden sich Münder, umschlingen sich Leiber auf der Leinwand: eine Projektion der Schauspieler, die in Wahrheit weit voneinander entfernt agieren. Eine Filmlüge. Echt sind bloss die nackten Körper, welche die Akteure am Anfang an der Rampe präsentieren. Matthias Hartmann brettert sozusagen ohne Helm und ohne Zurückhaltung durch die (post)dramatische Frage «Wie behauptet die Bühne Welt?» Und er hat mit «Sex» das fleischlichste, welthaltigste Sujet (wenn auch nicht das beste Stück) dafür gewählt – jenes Sujet, um das herum das Tier Homo sapiens am meisten mit Vorspiegelungen und Behauptungen hantiert.

Zugegeben: Da sind die Siebzigerjahre nicht weit. Nackte Körper und analytisch aufgebrezelte Bettbeziehungskisten gehörten damals genauso zum Repertoire wie der multimedial gebrochene Reflexionsraum. Aber Hartmann hat fast alle Seelenklempner-Klänge aus del Cortes Vorlage gekillt, und er holt die hochfliegenden Gedanken rund ums Thema Theater herunter auf den Bühnenboden, direkt vor die Augen jenes Zuschauers, der sich mehr aus schönen Bildern und hübschen Einfällen macht als aus Theorie. Matthias Hartmann ist ein Könner des Livecam-Theaters, wie er schon mit «1979» bewies. Nun beamt er den Tod und das Mädchen gekonnt und entspannt zwischen Georges Bataille und Woody Allen. Ooh, aah!

Erstellt: 27.10.2008, 07:45 Uhr

Blogs

Beruf + Berufung «Es braucht ein neues Rollenverständnis»

Von Kopf bis Fuss Wenn Sehnsucht zur Sucht wird

Weiterbildung

Gamen in der Schule

Die Schule bereitet Kinder auf die Arbeitswelt vor. Das Rüstzeug soll auch spielerisch vermittelt werden.

Die Welt in Bildern

Spielvergnügen: Kinder spielen in einem 20'000 Quadratmeter grossen und zwei Kilometer langen Maislabyrinth bei «Urba Kids» in Orbe, Waadt. (22. August 2019)
(Bild: Laurent Gillieron) Mehr...