Sexspiele in Oxford

In Elanor Dymotts Roman «Bevor sie mich liebte» kommt ein Anwalt dem wilden Vorleben seiner toten Frau auf die Spur.

Früher Anwältin in Südostasien, heute Gerichtsreporterin: Autorin Elanor Dymott.

Früher Anwältin in Südostasien, heute Gerichtsreporterin: Autorin Elanor Dymott.

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Die heiligen Hallen von Oxford haben schon viele Mörder gesehen, wie man aus Colin Dexters Inspector-MorseKrimis weiss; Morses Assistent und Nachfolger Lewis ermittelt momentan auch im ZDF. Der Fall, den die Oxford-Absolventin Elanor Dymott in ihrem Romandebüt «Bevor sie mich liebte» erzählt, hätte selbst Morse und Lewis Kopfzerbrechen bereitet: Er ist mit den klassischen Ermittlungsmethoden kaum zu lösen.

Es gibt eine Leiche, einen Detektiv und eine Reihe von Verdächtigen, aber wer Täter und wer Opfer ist, bleibt bis zuletzt offen. Die Tote ist Rachel, eine brillante Literaturstudentin, die im Park von Oxford erschlagen wurde. Der Detektiv ist Alex, ihr Mann. Für den Anwalt ist die Aufklärung des Verbrechens ein schmerzhafter Indizienprozess und das Erzählen Erlösung von Schuld und Trauer. «Bevor sie mich liebte» ist Oxford-Krimi, Liebes- und Campusroman und Psychothriller, vor allem aber eine Studie über Formen und Wirkungen des Erzählens im Leben: Die Technik ist wichtiger als die erzählte Geschichte; der Jurist ist der natürliche Komplize und grösste Feind des Erzählers.

Elanor Dymott ist beides: 1973 in Sambia geboren, studierte sie am Worcester College in Oxford Jura und Literaturwissenschaft und arbeitet nach einigen Jahren als Anwältin und Finanzjuristin in Südostasien heute wieder als «Times»-Gerichtsreporterin in London. In einer Nachbemerkung deutet sie an, dass Harry Gardner, der heimliche Held ihres Romans, Züge ihrer Oxforder Lehrer Edward Wilson, David Bradshaw und Bernard O’Donoghue trägt; sollte man an dem Tutor Makel finden, so nehme sie alle auf ihre Kappe.

Der väterlich gütige Literaturwissenschaftler ist frei von Fehl und Tadel, aber er lügt wie gedruckt. Die Geschichte, die Harry Alex in einer langen Nacht erzählt, weist jedenfalls Lücken und Ungereimtheiten auf. Für den Anwalt bricht dennoch eine Welt zusammen: Offenbar hatte seine Frau, bevor er sie kennen lernte, eine dunkle Vorgeschichte und führte auch danach ein amoralisches Doppelleben, von dem er nichts wusste.

Ein eiskaltes Luder

In mancher Hinsicht erinnert Rachel an Amanda Knox, den «Engel mit den eiskalten Augen» aus Perugia. Früh verwaist, feierte sie angeblich schon in der Villa ihrer Patentante in Chelsea wilde Orgien, die ihr den Ruf einer «Schwanztrieze» eintrugen. In Oxford bildete das College-Luder dann zusammen mit ihrer Geliebten Cissy und dem hochbegabten Kommilitonen Anthony ein Trio Infernal, das mit bösen Streichen und Sexspielen Dekane und Hausmeister zur Weissglut reizte und auch dem nachsichtigen Harry übel mitspielte. Zum Eklat kam es, als Anthony, bei den Liebesspielen der Teufelinnen nur geduldeter Zuschauer, sich von der Aussicht auf einen Dreier dazu verführen liess, Harry anonyme Drohbriefe zu schicken.

Jahre später trifft sich das Trio wieder auf dem Alumni-Sommerball unter dem Motto «Casablanca». Was in der Mittsommernacht in Oxford zwischen Old Library, Harrys Gelehrtenklause und See geschah, lässt sich nur mühsam rekonstruieren: Alle Beteiligten, auch die vertrauenswürdigsten Erzähler, haben etwas zu verbergen. Ähnlich wie Alex’ Liebe zu Rachel wird auch die Geduld des Lesers auf harte Proben gestellt. Das liegt nicht an der makellosen Übersetzung von Gertraude Krueger. Der Anwalt ermittelt und erzählt wie ein Jurist – analytischnüchtern, dann wieder umständlich abschweifend und neu ansetzend, verfällt er gelegentlich sogar in das Juristenlatein der Akten und Schriftsätze.

Alex sichtet Verhörprotokolle, Seminararbeiten, Briefe und E-Mails, befragt Zeugen, Verdächtige und sich selbst, wendet Harrys Beichte (die fast die Hälfte der 500 Seiten ausmacht) in nächtlichen Grübeleien hin und her und legt sachdienliche Hinweise, Tatortskizzen und Zeittafeln so lange übereinander, bis sich ein einigermassen «autorisiertes» Mosaik ergibt. Harry muss seinen Zuhörer gelegentlich daran erinnern, dass es hier nicht um narrative Strukturen und juristische Sachverhalte geht, sondern um den Tod seiner geliebten Frau.

Die unversehrte Liebe

Es ist nicht immer ganz leicht, im Gewirr der Versionen, Paraphrasen, Erzählebenen und Zeitsprünge den Überblick zu behalten, zumal Dymott die Fakten immer wieder mit literarischen Anspielungen unterfüttert. Aber gerade diese Verschränkung von Anklage und Verteidigung, professionellem Zweifel und absoluter Hingabe macht die Erzähltechnik auch reizvoll. Rachel geht beschädigt aus dem Erinnerungsprozess hervor, aber Alex’ bedingungslose Liebe wird ebenso glanzvoll gerechtfertigt wie Dymotts Methodik juristisch-literarischer Wahrheitsfindung.

Erstellt: 26.06.2013, 15:24 Uhr

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Elanor Dymott: Bevor sie mich liebte. Roman. Aus dem Englischen von Gertraude Krueger. Kein & Aber, Zürich 2013. 510 S., ca. 28 Fr.

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