So viel Zynismus auf Kosten anderer, das tut weh

Philipp Tinglers Roman «Rate, wer zum Essen bleibt» will eine Gesellschaftssatire sein, nervt aber durch schlechte Witze.

Philipp Tingler hat eine Art Stand-up-Roman abgeliefert. Foto: Nathan Beck

Philipp Tingler hat eine Art Stand-up-Roman abgeliefert. Foto: Nathan Beck

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Die Älteren unter uns können sich noch an eine Zeit erinnern, als sie Kopf und Herz ihrer Leserschaft nachhaltig beschäftigten: Bücher, in die man sich vertiefen konnte, weil sie Tiefe hatten. All das muss natürlich nicht mehr sein. Es geht auch so. Es reicht, Menschen niederzuschreiben, weil sie Langweiler sind, oder auch nur, weil sie die falschen Schuhe tragen. Das beweist der neue Roman von Philipp Tingler, seines Zeichens auch Kolumnist, Essayist und Mitredner im SRF-Literaturclub.

Der Buchtitel «Rate, wer zum Essen bleibt» erinnert verblüffend an den Kino-Hit «Rat mal, wer zum Essen kommt». Warum auch nicht. Besser gut geklaut als schlecht erfunden. In Tinglers Gesellschaftsroman wird viel gesprochen und wenig gesagt, was über Zeitgeistiges hinausgeht.

Die Story ist einfach. Fünf Kapitel, fünf Tage aus dem Leben von Franziska und Felix, einem Paar in der Midlife-Krise. Franziska, Soziologin, will eine Stiftungsprofessur ergattern. Zu diesem Behufe lädt sie den Dekan mit Gattin zum Abendessen ein. Unvermittelt taucht Conni auf, eine Studienfreundin von Felix. Sie sprengt die konsenspusselige Tischrunde mit zynischen Bemerkungen. Felix ist begeistert.

Auch der Held ist Mitglied in einem TV-Literaturclub

Franziska, die ihre Felle als künftige Professorin davonschwimmen sieht, lädt vier Tage später den Stiftungspräsidenten mit Gattin ein. Conni fällt wiederum die Aufgabe zu, die abermals öde Tischgesellschaft zu düpieren. Franziska ist total genervt. Weil es nun genug ist mit den Wiederholungen, verzichtet der Erzähler auf eine dritte Einladung zum Essen. Sowieso hat Franziska in der aufmüpfigen Conni ihr abgespaltenes Selbst erkannt. Am Schluss liegen Felix und Franziska im Bett und sind sich herzlich zugetan – bis sich das Gedöns in einer Apotheose auflöst.

Felix ist, Überraschung, Schriftsteller und Teilnehmer in einem TV-Literaturclub wie Tingler. Das weckt die Hoffnung, jetzt von einem Insider eine pickelharte Satire auf den Literaturbetrieb serviert zu bekommen. Dafür gibt es Vorbilder. Der britische Schriftsteller Edward St Aubyn zum Beispiel veröffentlichte 2014 mit «Der beste Roman des Jahres» eine brillante Literaturpreis-Satire. Lesen! Vergleichen! Tingler hat zwar nicht den schlechtesten Roman des Jahres verfasst, wohl aber einen der belanglosesten.

Tingler liebt, wenn überhaupt, nur eine einzige Figur, und das ist Felix, sein Alter Ego. 

Fragt man bekannte Romanciers, welche ihrer Figuren sie am meisten lieben, dann sagen sie: alle, auch die Unsympathischen, die Angeber, Langweiler, Bösewichte. Tingler liebt, wenn überhaupt, nur eine einzige Figur, und das ist Felix, sein Alter Ego. Dumm nur, dass Felix ein solches Ekel ist. Mit einer Menschenverachtung sondergleichen kanzelt er alle anderen ab. Zum Schriftsteller fehlt Felix das Wichtigste: das Einfühlungsvermögen. Deshalb konzentriert er sich auf Äusserlichkeiten. Der Dekan hat «schlappende Kehllappen und schwere Ohrläppchen», seine Gattin «einen gräulichen Kussmund». Die Gattin des Präsidenten hat dafür «ein Kinn wie ein Tennisball» und ihr Mann einen Haarschopf «wie ein Toupet in falscher Grösse».

Erkenntnisse wie ausgelatschte Pantoffeln

Zwischenbilanz: Entweder haben die Leute die falsche Frisur oder ein falsches Gebiss («American White»). Und ihr Verhalten ist sowieso völlig falsch. Die Männer sind selbstherrlich, die Frauen kulturell übersteuert. Literatur und Theater; Yoga, Botox und Fair Trade; Dinkelfasten, Messerbänkchen und Selbstfindungskurse. Es ist ein einziges Elend mit der «spätmodernen Wellness- und Identitätsgesellschaft», weiss Felix. Echt jetzt? Come on, Felix, an den Füssen handgenähte Schuhe und im Kopf Erkenntnisse, die so ausgelatscht sind wie Pantoffeln: Soll das alles gewesen sein?

Der Autor stellt sich oft und gerne mit seinem Felix an einen Espressostand, um insgeheim Leute zu verachten. Das liest sich dann so: «Die sehen hier alle aus wie Gartenzwerge, dachte Felix, lebensweltlich privilegierte Zerowaster-Gartenzwerge, in veganen Turnschuhen an Grünkohlstrünken nagend.» Lustig das?

Unser Autor hat was gelesen. Frage: Wozu?

Nicht alle Repliken und Pointen sind schlecht – vielmehr gut für die Nebenspielstätte eines Boulevardtheaters. Philipp Tingler hat eine Art Stand-up-Roman erfunden. Seine Dialoge sind keine Gespräche, sie sind Abschussrampen für Pointen. Mitunter kommt es zum Austausch von Sätzen über die Liebe im Allgemeinen und über Ehe und Mutterliebe im Besonderen unter Zuhilfenahme von Nietzsche und Schopenhauer. Merke: Unser Autor hat was gelesen. Frage: Wozu?

Felix gibt sich gerne als Melancholiker. Die innere Gewissheit, nicht dazuzugehören, versüsst ihm sein Angepasstsein. Er glaubt an den «Glanz der Ironie». Leider versteht er wenig davon, was unschwer daraus zu ersehen ist, dass er sich wie ein Schüler freut, wenn Conni in gebildeter Runde «Ach du Kacke» sagt. Conni, der Klassenclown; Felix, der Lümmel von der letzten Bank?

Einen Witz zu machen, über den keiner lachen kann, ist peinlich. Einen schlechten Witz zu machen und selber darüber am lautesten zu lachen, ist peinlicher. Geradezu peinigend jedoch ist es, als Leser über 200 Seiten mit Kichererbsen beschossen zu werden. Philipp Tingler organisiert für Felix, Franziska und Conni einen Überbietungswettbewerb im Witzigsein, der einer Zwangshandlung nicht unähnlich ist. So viel Zynismus auf Kosten anderer, das tut weh.

Philipp Tingler: Rate, wer zum Essen bleibt. Roman. Kein & Aber, Zürich 2019. 208 S., ca. 28 Fr.

Erstellt: 09.10.2019, 20:19 Uhr

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