TV-Kritik

TV-Kritik: «Bei uns war es ganz ähnlich»

Wenn Eltern sich mit neuen Partnern zusammentun, fliegen im neuen Familienkonstrukt schnell mal die Fetzen. Der gestrige «Club» versuchte, das Phänomen zu ergründen, blieb aber an Einzelschicksalen haften.

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Eine Patchworkfamilie ist in vieler Hinsicht ein Experiment mit ungewissem Ausgang. Verschiedene Persönlichkeiten werden zusammengefügt, Eltern finden neue Partner, Kinder müssen sich mit Stiefeltern und neuen Geschwistern arrangieren. Und das meistens nach einer turbulenten Trennungszeit. Kein Wunder, knallt es dann und wann. Ein kleines Experiment war auch dieser «Club»: denn das Thema betrifft bei der hohen hiesigen Scheidungsrate viele,ist aber weder kontrovers noch wirklich generalisierbar. Im Unterschied zu ihrem Gegenstand zeichnete sich die Sendung denn auch nicht durch besondere Spannungen aus, sondern suchte den erklärenden Ansatz. Mehr Talkshow denn Diskussionsrunde.

Das Tempo ist entscheidend

Moderatorin Mona Vetsch musste zunächst ein paar Allgemeinplätze abgrasen, bis die Runde in Gang kam. «Die Patchworkfamilie ist Fluch und Segen zugleich», tönte es aus der Runde und dass die Situation oft «unglaublich schwierig und belastend für alle Beteiligten» sei. Schliesslich erzählte jeder seine Geschichte. Geschichten, wie man sich plötzlich als Stiefmutter wiederfindet oder als Patchworkkind, Geschichten von Scheidungen und Folgefamilien und von den Fallstricken, die kreative Familienkonstellationen bergen.

Das dürfte vor allem für Betroffene interessant sein. Gelingen oder Misslingen von Patchworksituationen ist abhängig von vielen Faktoren: der Art der Trennung, dem Tempo, in dem die neuen Familien zusammengeführt wurden, von Alter und Persönlichkeit der Kinder, der Vorgeschichte und so weiter. Folgerichtig eröffneten die Gäste ihre Erzählung oft mit: «Bei uns war es ganz anders...» Moderatorin Mona Vetsch gab sich alle Mühe, landete aber bei der immer gleichen Frage: «Was haben Sie dabei empfunden, als er so reagierte? Wie empfindet man, wenn man mit so etwas umgehen muss?»

Kinder wünschen sich Stabilität

Die Seite der Kinder vertrat Andrea Schenk, die berichtete, wie bitter sie es als pubertierende Jugendliche empfunden hatte, nicht mehr erste Ansprechperson für die Sorgen der Mutter zu sein und diese Rolle an den «dahergelaufenen» Neuen abtreten zu müssen. Thematisiert wurde das Tempo, in dem die neue Familie zusammengeführt wurde. Der geschiedene Vater und Stiefvater Walter Schaerer berichtete, wie er seine Kinder mit der neuen Partnerin fast überrumpelt habe. Gestreift wurde auch das schlechte Gewissen, gleichermassen verbreitet bei Müttern und Stiefmüttern mit Perfektionsanspruch. Genährt durch die Skepsis des Umfelds, von welcher Verena Stauffacher berichtete. Sie wurde mit 28 Stiefmutter von vier Kindern und erzählte, dass sie sich unter Druck gefühlt habe. Aufgeregt war, wenn sie in der Schule Bäbeli basteln musste für ihre Stiefkinder und alle Augen argwöhnisch auf der jungen Stiefmutter ruhten.

Die erhellendsten Einsichten gab es von Familiencoach Ria Eugster, selber Mutter und Stiefmutter. Sie ordnete die unterschiedlichen Erzählungen ein und zeigte Perspektiven auf. Zum Beispiel, dass die meisten Kinder deshalb negativ reagierten, weil die neue Familie meistens ausgerechnet dann zum Thema werde, wenn nach einer Zeit mit Trennungsturbulenzen endlich wieder Ruhe eingekehrt sei. Kinder wünschten sich vor allem eine stabile Situation. Doch wenn jemand Neues auftauche, die Eltern sich auf jemand Neues ausrichteten, wecke das Ängste. «Kinder rebellieren oft dann, wenn sie eine Situation als nicht richtig empfinden. Wenn es dem Ex-Partner nicht gut geht, denken die Kinder, dürfe es ihnen auch nicht gut gehen.» Wenn hingegen beide Eltern schauten, dass sie glücklich seien, seien auch die Kinder glücklich. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 24.04.2013, 09:40 Uhr

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