TV-Kritik

TV-Kritik: Reality-TV im Fegefeuer

Der «Tatort» aus München parodiert die junge Unterhaltungsbranche und zeigt einen fanatischen Pfarrersgehilfen. Das ist stellenweise überzeichnet – macht aber trotzdem Spass.

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Für einmal ist es nicht die Jugend und ihre Selbstdarstellung in Onlinechats und Handyvideos, die im «Tatort» angeprangert wird. Der Wertezerfall wird in «Allmächtig» in der jungen Kreativszene gewittert: beim Team des Internetsenders AAA, der für seine Klicks keine moralische Grenzüberschreitung scheut. Die Messiefrau wird da ebenso blossgestellt wie der ehemalige Nazi, und der Pfarrer wird gar zwangsversetzt, nachdem ihm vom Sender mehrere Kinder von mehreren Frauen angedichtet wurden. Für den Geistlichen und für seinen Zögling ist klar: Dieser Sender ist «das Werk des Teufels»; und Albert A. Anast und dessen Aushängeschild, das nun vermisst wird, eine Ausgeburt der Hölle (sinnigerweise ist «Anast» ein Anagramm für Satan).

Es ist die Figur des Teufelsmoderators, die in ihrer Karikiertheit am meisten überzeugt: Alexander Schubert spielt den schmierigen Parodisten der Trash-Unterhaltung derart inbrünstig, dass da zur Nebensache wird, wie realitätsnah das Reality-TV hier tatsächlich dargestellt wird.

Bös ist der Mensch im Internet

Die geerdet-ergrauten Kommissare Batic und Leitmayr (Udo Wachtveitl und Miroslav Nemec) jedenfalls verstehen die virtuelle Welt nicht mehr: «170 000 Klicks, um eine Frau im Dreck anzuschauen.» Da hilft auch ihr Wissen um die Macht des sozialen Abwärtsvergleichs nicht weiter: «Wenn du siehst, dass es jemand anderem noch dreckiger geht als dir, gehts dir gleich besser.»

So überzeichnet der vermisste Moderator daherkommt, so konsequent klischiert wird auch die Welt der jungen Unterhaltungsbranche dargestellt: Die aufstrebenden Entertainer kommunizieren selbst dann per Telefon, wenn sie wenige Meter voneinander entfernt sitzen; und sie sind auch noch um die Aufrechterhaltung ihrer Scheinwelt bemüht, wenn diese längst in den Flammen des Fegefeuers aufgegangen ist. Denn ja, der eifrige Pfarrersgehilfe nahm die Sache mit dem Exorzismus etwas zu wörtlich: Nicht nur hat er dem Moderator den Teufel ausgetrieben und ihn anschliessend erschlagen; am Ende hat er auch das Studio des Senders in Brand ­gesteckt.

«Auf was für Ideen man kommt, wenn man keinen Sex hat»: Leitmayr und Batic bringen es gewohnt trocken auf den Punkt. Die Unaufgeregtheit ihrer Ermittlung und das Auslassen kommissariatsinternen Dramas machen so manche Übertreibung an anderen Stellen wett. So bleibt am Schluss dieses «Tatorts» von Regisseur Jochen Alexander Freydank die Erkenntnis, dass Kommissare eben vor allem eines machen sollten: ihren Job. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 22.12.2013, 21:47 Uhr

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