TV-Kritik

TV-Kritik: Also seufzend die Nebenfiguren durchgehen

Befund nach dem «Tatort»: Wer weiss schon, was im Kopf eines Mörders vorgeht. Von einigen Drehbuchautoren ganz zu schweigen.

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Alle mochten Roza Lanczeck, die Freundin von Firmenchef Frank Brenner. Trotzdem musste sie gewaltsam ihr Leben lassen, als sich ihr Cabriolet mit 100 km/h um einen Baum wickelte. Die Bremsschläuche des Wagens waren manipuliert. Auftritt der Ludwigshafener Kommissare Odenthal und Kopper.

Ein rassiger Auftakt. Wer ahnte da, dass bald das grosse Durcheinander folgen würde?

Wie sich herausstellte, war Roza schwanger von Brenner. Laut dessen Ex-Frau und jetziger Businesspartnerin wollte er das Kind nicht. Seine Schwester wiederum, eine neurotische Künstlerin, behauptete, er habe Roza über alles geliebt und sich auf das Kind gefreut. Doch der Ex-Frau sei Roza ein Dorn im Auge gewesen.

Wish I wasn't here

Aussage gegen Aussage, so ging das eine geschlagene Stunde. Dabei waren beide Frauen derart garstig, dass sofort klar war: die warens nicht. Brenner selbst schwieg seltsamerweise und geriet so natürlich selber unter Verdacht. Irgendwann legte er sogar ein halbbatziges Geständnis ab. Doch Odenthal glaubte ihm nicht und sah sich in einer seltsamen Rolle: einen Geständigen vom Kittchen fernzuhalten.

Es war eine weitere triste Wendung in einem Krimi, der weder über Schauwerte verfügte noch ein dringendes Thema oder reizvolles Milieu porträtierte. So mussten die «Tatorte» in den 70ern gewesen sein, dachte man als Zuschauer. Also seufzend die Nebenfiguren durchgehen: Wer könnte es sonst noch gewesen sein? Brenners treuer Fabrikarbeiter? Rozas sympathische Freundin? Derweil jammte Kopper mit Kumpeln im Bandraum. «Wish You Were Here» probten sie. Passender fürs Fernsehpublikum wäre gewesen: Wish I wasn't here.

Nachdem dann andere Figuren weitere Aussagen gemacht und wieder zurückgezogen hatten, stellte sich heraus: es war doch Brenner. Er hatte sich plakativ selbst beschuldigt, um unschuldig zu wirken. Zwar hatte er Roza geliebt, war aber auch gierig und obendrein traumatisiert. Irgendwie so. Wer weiss schon, was im Kopf eines Mörders vorgeht. Von einigen «Tatort»-Autoren ganz zu schweigen.

Selbstverbrennung Brenners

Erpicht auf die Auflösung war man zu diesem Zeitpunkt sowieso nicht mehr. Auch weil keine der Hauptfiguren einen interessierte, zu unsympathisch waren sie dafür und gleichzeitig zu wenig böse. Aus diesem Grund mutete die versuchte Selbstverbrennung Brenners mitsamt seiner Ex-Frau genauso an wie das Wortspiel mit seinem Namen: plump. Aber sein Vater hatte halt einst versucht, ihn und die Schwester zu verbrennen.

Wer dachte, das Irrlichtern sei dann vorüber, irrte. Die Schlussszene zeigte Odenthal und Kopper im Dienstwagen. Zur Feier des Tages beschlossen sie, teuer italienisch essen zu gehen. «Aber du bezahlst», so Odenthal zu Kopper in einem missglückten Versuch von Humor. Oder war es umgekehrt? Es spielt keine Rolle. Das Durcheinander, das der «Tatort» war, ist ohnehin nicht zu toppen.

Erstellt: 13.01.2013, 21:44 Uhr

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