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In einer neuen Schau will das Fotomuseum Winterthur zeigen, was Fotografie und Manifest verbindet.

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«Der Film ist ein erneuertes Hymen, die Linse ist ein Phallus.» Wenn der japanische Fotograf Nobuyoshi Araki sein Medium beschreibt, entsteht Poesie – oder Pornografie, je nach Blickwinkel. In der Ausstellung im Fotomuseum Winterthur dankt man ihm sowohl für das eine wie für das andere. Denn nur dank solchen Merksätzen, die daran erinnern, dass kluge Köpfe nicht erst seit der Erfindung von Social Media der Fotografie die Unschuld absprechen, ist erträglich, was dem Besucher hier aufs Auge gedrückt und vor die Nase gebaut wird. «Manifeste! Eine andere Geschichte der Fotografie» anhand von historischen Theorien und Metatexten von den Anfängen des Mediums bei Daguerre (1839) und Talbots «Pencil of Nature» (1844/45) bis heute. «Manifeste!», ein labyrinthischer Irrgarten aus Sperrholz und Papier – ein Manifest kuratorischen Übereifers.

Tatsächlich, so viel Missverstehen, was eine Ausstellung sei, war selten in Winterthur. Diese Ausstellung ist keine, sondern ein Leserparcours für Langmütige. Vorausgesetzt, die Schau, konzipiert in Winterthur und am Museum Folkwang in Essen, sucht überhaupt die Öffentlichkeit. Und nicht nur den Applaus von Szenografen – oder von Pädagogen, die hier perfektes Unterrichtsmaterial für angehende Fotografen und Bildredaktoren finden.

Wir anderen? Wir Langmütigen hangeln uns durch die überbordende Versammlung von Theorien und Konzepten, Texten ohne Kontext, können kein Russisch und verstehen also auch das modernistische Programm von Alexander Rodtschenko (1928) so wenig, wie man begreift, was genau August Sander, der eine «Photographie als Weltsprache» forderte, in seinen Typoskripten redigiert hat. Es ist ein Who’s who der Denker- und Dichter-Fotografen, die hier versammelt sind, ihre Gedanken ausgedruckt und aufgeklebt in Billigholzkojen. Die Texte sind die Protagonisten, die Fotografien der Autoren Fussnoten, doch in der Wahl teils weder sinnfällig, teils schwer nachvollziehbar, und kaum ein Bild illustriert, was in gedanklicher Schwerarbeit behauptet, geforscht, gefordert wird zum Medium.

Kunst als Plackerei

Vielleicht ist es das, was uns die Kuratoren mit ihrer Inszenierung demonstrieren wollen: Ein Foto mag leichtfertig daherkommen, doch dahinter steckt Plackerei. Und dem Ausstellungsbesucher soll es nicht anders ergehen. Dabei lernen wir oder erinnern uns wieder: Schon die Pioniere dachten über Amateurfotografie nach, und sie proklamierten, siehe Moholy-Nagy (1927), objektives Sehen; sie reflektierten den Kunstwert von Fotografie, ihre Industrialisierung, Kommerzialisierung, Domestizierung und formulierten, siehe Alfred Stieglitz (1909): «Schlechte Kunstfotografie ist wie schlechtes Kunsthandwerk – ein Verbrechen.» Oder noch pfiffiger, weil unerhört aktuell: «Glaube bloss nicht, du wärst in dem Moment Künstler geworden, als du am Weihnachtsmorgen eine Kodak geschenkt bekamst.» Übrigens, «Manifeste!» versammelt 68 Persönlichkeiten aus über 170 Jahren. Wie viele davon sind weiblich? Wer es nachzählt, will es nicht glauben.

«Manifeste!», Fotomuseum Winterthur, bis 23.11. Einen hilfreichen Katalog liefert der Steidl-Verlag, ca. 50 Fr.

Erstellt: 14.10.2014, 18:27 Uhr

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