Traurig, wie ein Schweizer Popstar gegen unten tritt

Gölä feierte im Hallenstadion sein Karrierejubiläum – und erinnerte an die Jahre, als er mit seinen «Lumpeliedli» verlacht wurde.

«Fucketnech eifach aui zämä»: Göla feiert im Hallenstadion sein Jubiläum. Bild: Urs Jaudas

«Fucketnech eifach aui zämä»: Göla feiert im Hallenstadion sein Jubiläum. Bild: Urs Jaudas

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Er steht wieder da, auf der Bühne im vollen Hallenstadion, diesem Sehnsuchtsort des Schweizer Showbusiness, da, wo er schon einige Male war. Und ein Showprofi wie Gölä weiss natürlich, was das Publikum will. «Hüt machä mir ä schönä Mitsingabä», ruft der 50-Jährige aus, «zwei Stunden lang». Und sein Publikum, das man in der Zusammensetzung vom Samstag auch an den Weihnachtsmarkt-Glühweinständen antreffen könnte, folgt ihm.

Es ging ja an diesem Abend darum, die Karriere von Gölä zu feiern, die nun bereits zwanzig Jahre andauert. Und diese Karriere erzählt von der Geschichte des Bauarbeiters Marco Pfeuti aus Oppligen, einer gesichtslosen Gemeinde bei Thun, in der man sich entscheiden muss, ob man die nahe Autobahn nach Bern ansteuern will, die in Richtung Ausbruch führen kann. Oder ob man sich doch lieber ins Emmental oder ins Berner Oberland zurückziehen will, um dort wie ein Outlaw eine Trutzburg zu errichten.

Pfeuti harrte zunächst aus, lebt nun im Oberland – dort, wo es ihm wegen dem zeitraubenden Erfolg seiner Musik noch immer nicht gelungen ist, eine neue «Schissi» zu bauen, wie Gölä erzählt –, und so kann er nun an diesem Abend die Geschichte des Feierabendmusikers ausbreiten, der damals eine grob uncoole Vokuhila-Frisur getragen und der nach der Arbeit auf den Baustellen «Lumpeliedli», wie er sie nennt, geschrieben hat.

1998 veröffentlichte er das Album «Uf u dervo»; es ist jenes phänomenal erfolgreiche Album, das es Pfeuti noch immer erlaubt, wegen der unverminderten Nachfrage gleich dreimal im Hallenstadion zu feiern. Denn jene «Lumpeliedli» des Büezers Gölä, die trafen ja so viele Schweizer mitten ins Herz, zählen längst zum Volksgut – und können noch heute unter die Haut gehen, wie dies ein Konzertveteran erzählt.

Jodlerchöre und designte Unterhosen

Gölä erinnert sich am ausverkauften Samstagskonzert an diesen Karrierebeginn, als er und seine Fans zunächst verlacht wurden. «Ich habe schon damals gedacht, fucketnech eifach aui zämä. Euch werden wir es schon zeigen! Und da sind wir!», ruft Gölä seinem Publikum zu. Und verschweigt geflissentlich, dass diese Karriere oft auch schon am Rande der Bedeutungslosigkeit angelangt war, beispielsweise dann, als er meinte, er treffe auch mit englischen Songs den Nerv der Schweiz.

Seit er wieder Mundartsongs singt, ist die Maschine wieder angelaufen und läuft heute erfolgreicher denn je. Gölä ist längst einer der findigsten Unternehmer im hiesigen Showgeschäft: Man trifft auf ihn in den Kiosks – als Pappkamerad, der dort seine aktuelle «Urchig»-CD anpreist. Ihm gelingt mit diesem Pop-up-Lädeli–Konzept das Kunststück, das Auslaufmodell CD noch an seine Fans zu bringen. Und als er vor zwei Jahren die Büezer-Lederjacke gegen die Tracht eintauschte und seine Hits mit Jodlerchören eingesungen hat, designte er auch Unterhosen, die oben so geschnitten sind, damit man «d’Eier nid immer mues tischälä», wie Pfeuti unlängst einem Regio-TV-Sender sagte.

Welchen Status dieser einstige Underdog hat, nicht nur beim Publikum, sondern auch im Showland Schweiz, auch das erzählte das Konzert: Schlangenfrau Nina Burri zeigte gleich zu Beginn, wie beweglich ihr Körper ist, ehe die agile Band einsetzte, die den grob geschnittenen Gölä-Songs so etwas wie Groove abringen konnte. Es gab Jodeleinlagen, die den Truck’n’Roll-Puls der Show brachen. Man erlebte das Wiedersehen mit den zwei Ur-Backgroundsängerinnen Barbara und Sandra Moser, die Gölä als «zwöi Wiiber us Wimmis» ankündigte. Die diesjährigen Schweizer Eurovision-Song-Contest-Teilnehmer Zibbz waren auch da, da die Geschwister Gfeller zu Göläs Band gehören – sie durften nochmals ihren Song «Stones» singen, der ja früh gescheitert ist, weil, so der Zeremonienmeister: «Di huerä Tublä wüssä nid was guet isch.»

«Was für näs Wiibsbild»

Es ging dann noch eine Starstufe weiter in dieser Show, die zunehmend einer grossen Samstagabendkiste glich: Trauffer, der «Alpentainer», der jüngst auch bereits das Hallenstadion gefüllt hat, sang mit «Heiterefahne» eines seiner Heimatlieder, und kündete mit Gölä an, dass man schon einmal ein Datum im Sommer 2020 merken solle, da sie, «mir zwöi tublä», etwas vorhätten. Krokus standen auf einmal in Vollbesetzung auf der Bühne, gaben ihren Hit «Bedside Radio» – und auf der Leinwand erschien das Datum ihres Abschiedskonzerts, das dann in einem Jahr stattfindet. Und schliesslich schmiss auch noch Bonnie Tyler zwei ewige 80er-Melodien. «Was für näs Wiibsbild», raunte da Gölä.

In der Karriere-Show von Gölä ging es also auch um die kleinen Fluchtpunkte seines früheren Büezer-Alltags: der Hardrock, die Jugendheldinnen. Und wie unschuldig das alles anmutet, im Gegensatz zu heute, wo Pfeutis Fluchtpunkt die Politik ist. Nicht, dass er nun Reden geschwungen oder seine SVP-Nationalratskandidatur doch noch angekündigt hätte, aber er brachte in diesem Set aus Klassikern – «Indianer» (in einer Jodlerversion), «Schwan» fast zum Schluss, «I hätt no viu blöder ta» ganz zum Schluss – auch seine beiden Songs unter, die keinen Hehl daraus machen, wie er denkt.

Überall Sozialschmarotzer

Gölä erzählte mit diesen Songs – «I wärche hert» und «La bambala lah» heissen sie – an diesem Abend auch davon, wie einer wie er, der doch einst von Freiheit gesungen hat, eine menschenfeindliche Rhetorik der Missgunst angenommen hat. Eine Rhetorik, die überall Scheininvalidität und Sozialschmarotzertum vermutet. Er singt dann davon, wie er, der Büezer, vom Staat betrogen werde, während die faulen Studenten kiffen und die «Penner» vor dem Denner ihre Biere trinken dürfen. «Ig wo chrampfä, mir wärchä si z Leid, u de fuule Arschbacke wird mi Chole heregleit», heisst es da.

Wie zynisch das dann anmutet, wenn seine Backgroundsänger während der Show «Respect» schmeissen, weil es sei «chli öppis truurigs» passiert in diesem Jahr, Aretha Franklin sei ja unlängst gestorben. Und wie traurig und beunruhigend es ist, dass einer der grössten Popstars der Schweiz einer ist, der gegen unten tritt. (Redaktion Tamedia)

Erstellt: 03.12.2018, 09:10 Uhr

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