Überfälliger Mind Change

Einst bedeutete «überfällig» «zu spät», jetzt nur noch «höchste Zeit». Dafür überfällt uns das Wort auf Schritt und Tritt.

Wichtigtuerisches Modewort: für «überfällig» ist es höchste Zeit für einen Ersatz. (Video: Anthony Ackermann)

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Herzlich willkommen zum guten Deutsch in aller Kürze. Heute werde ich Sie überfallen, nämlich mit dem Wort «überfällig». Nun hat das zwar nichts mit Überfällen oder anderen Verbrechen zu tun, aber das Wort überfällt uns auf Schritt und Tritt. Schlagen Sie irgendeine Zeitung auf, und Sie werden erstaunt sein, was alles überfällig ist. Der Machtwechsel in Venezuela. Der Einheitssatz für die Mehrwertsteuer. Die Rentenreform, in Frankreich und natürlich auch in der Schweiz. Ganz generell ist ein Umdenken, neudeutsch «mind change», egal, wo und wohin, allemal überfällig.

Gemeint ist in allen diesen «Über»-Fällen, dass etwas schon lange hätte geschehen sollen, jetzt aber unbedingt geschehen muss. Die genannten Veränderungen sind fällig und machbar, es ist höchste Zeit, aber noch nicht zu spät. Das ist in der ursprünglichen Wortbedeutung eben anders. «Überfällig» kommt aus dem Handel und bezog sich auf Wechselgeschäfte. Ein Wechsel, eine Art Schuldschein, war immer mit einem Fälligkeitsdatum versehen. An diesem Datum war der Wechsel fällig, die Zahlung musste geleistet werden. Wurde sie nicht, war der Wechsel überfällig, es war zu spät. Nicht fünf vor zwölf, sondern fünf nach zwölf.

Wenn heute «überfällig» in dem Sinne von «höchste Zeit» verwendet wird, ist das also streng genommen sprachlich falsch. So streng müssen wir allerdings nicht sein. An dem sprachlichen Druck, der damit aufgebaut wird, darf man sich aber schon stören. Und ein wichtigtuerisches Modewort ist «überfällig» sowieso. Es gibt genügend und besseren Ersatz: «dringend nötig» etwa ist stark genug.

Also: Vermeiden Sie aufgeblasene Modewörter wie dieses. Und vergessen Sie nicht: Sprache ist unser Schatz, hüten und pflegen wir sie!

Erstellt: 11.01.2020, 11:06 Uhr

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