Verachtung für den Beisser

Wer das Beisstabu übertritt, bekommt die ganze Härte zivilisatorischer Verachtung zu spüren. Oder wie war das im Chindsgi?

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Im Chindsgi beissen wir noch, nicht nur ins Znünibrot, auch mal bei einer Rauferei in den Arm eines Kollegen. Dann wird es uns abgewöhnt, aber radikal. Wenn sich Erwachsene prügeln, dann schlagen, boxen, treten sie; neuerdings auch über den Punkt hinaus, wo der Gegner schon aufgegeben hat. Schlimme, manchmal tödliche Verletzungen kommen so zustande. Aber Bisse werden auch von den schlimmsten Hooligans nicht bezeugt. Sie sind aus dem Repertoire des Kampfes verbannt, erträglich nur noch als Metapher, wenn man etwa von einer Kritik mehr Biss verlangt.

Das ist tatsächlich das Ergebnis eines zivilisatorischen Erziehungsprozesses, mit dem der Mensch eine Grenze zum Tierreich markiert. Eine absolute Grenze, ein Tabu nachgerade. Es rührt, dazu muss man keine anthropologischen Fachbücher studieren, aus uralten Zeiten her, als die Menschen noch Angst vor wilden Tieren haben mussten. Angst vor dem Raubtiergebiss mit den scharfen Reisszähnen, Angst, totgebissen und aufgegessen zu werden.

Elias Canetti hat die Zähne als «auffälligstes Instrument der Macht» bezeichnet und tiefsinnige Analogien etwa zur Mundhöhle und zum Gefängnis gezogen; aus beiden kommt man nicht heraus. So lebt die Angst vor dem Gefressenwerden in symbolischen Instanzen der Machthaber fort.

Die ganze Härte zivilisatorischer Verachtung

In direkterer, drastischerer Weise nutzten die Römer sie zum ultimativen Thrill des Publikums, wenn sie in der Arena Gladiatoren gegen Löwen antreten liessen. Die zeitgenössische Populärkultur bedient sich dieser Angst, um Nervenkitzel im Kinosessel oder auf dem heimischen Sofa zu erzeugen.

Sanfter Horror im Genre des Vampirromans oder -films, der bis zum Überdruss mit der Lustangst des Gebissen- und Ausgesaugtwerdens spielt. Härterer Horror etwa in der «Alien»-Serie, denn dieses Monster und alle seine Verwandten schrecken gerade durch ihren gewaltigen Beissapparat. Humorig temperierter Horror geht schliesslich vom «Beisser» aus, jenem Gegner James Bonds mit den Metallzähnen, denen nichts widersteht.

Die Populärkultur spielt mit dem Beisstabu. Wer es aber realiter übertritt, den trifft die ganze Härte zivilisatorischer Verachtung. Der Boxer Mike Tyson, der 1997 seinem Gegner Evander Holyfield ein Stück vom Ohr abbiss, musste nicht nur drei Millionen Dollar Strafe zahlen, sondern büsste auch seinen Status als ernst zu nehmender Sportler ein. In der öffentlichen Erinnerung wird nur dieser Biss von ihm bleiben.

So weit ist es mit Luis Suárez noch nicht, der jetzt zum dritten Mal auffällig geworden ist. Für die beiden vergangenen Bisse wurde er für insgesamt 17 Spiele gesperrt, auch die Strafe bei dieser WM dürfte deutlich ausfallen. Da hilft alle Bewunderung für seine spielerischen Qualitäten nichts. Wer zubeisst, macht sich selbst zum Tier und wird auch so behandelt.


Suárez' Biss in Chiellinis Schulter (Video: Reuters) (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 25.06.2014, 12:15 Uhr

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