Weisses Rauschen

In Schaffhausen und Chur zeigt die Zürcherin Ester Vonplon ihre Fotografien über die vergletscherte Leere der Welt – ein kalkuliertes Geheimnis.

Ester Vonplons Schnee-Fotografien geben dem Betrachter keinen Halt und keine Orientierungshilfe. Foto: Ester Vonplon

Ester Vonplons Schnee-Fotografien geben dem Betrachter keinen Halt und keine Orientierungshilfe. Foto: Ester Vonplon

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Es gibt kein Entkommen. Es gibt kein ­Dazwischen und keinen Raum zwischen Ja und Nein. Entweder oder. Entweder man ist dafür und hält die Fotografin ­Ester Vonplon für eine der eigenwilligsten, eigensinnigsten jungen Künstlerinnen der jungen Schweizer Fotografie. So wie der kürzlich verstorbene Major­domus und Provokateur der Fotoszene, der Galerist Walter Keller. Oder man leistet Widerstand. Dann wird man die in Graubünden lebende 34-jährige Zürcherin für ihren strapaziösen Hang zur Gegenstandsleere nur mit Kopfarbeit und Goodwill innovativ finden.

Im Museum zu Allerheiligen in Schaffhausen kann man beides. Vonplon, die für ihre Ausstellungen Titel in die Luft wirft, die Fischli/Weiss’ Buch «Findet mich das Glück?» weiterschreiben, fragt hier: «Wohin geht all das Weiss, wenn der Schnee schmilzt?» Nicht, dass man auf eine Antwort hoffen soll. Doch immerhin auf vier neue Grossformatarbeiten, die in ihrer abstrakten Reduktion bemerkenswert sind. Und achtbar in ihrer drucktechnischen Umsetzung auf Barytpapier.

Installation mit Stephan Eicher

Es sind monochrome Tafeln, die Schnee in der Surselva zeigen und Salzseen in Utah, USA. Doch Vonplon kappt den Landschaftsbildern jeden Horizont und jede Referenz an Grösse und Ort, um zu verunklären, ob wir uns im Makro- oder Mikrobereich befinden. Es ist diese Haltlosigkeit vor einem ungegenständlichen Motiv, höchst dekorativ und plastisch, die dem Betrachter jede Orientierungshilfe aus der Hand und jede vertraute Lesart um die Ohren schlägt. Sie wirft ihn – und angenehm ist das nicht – auf sich selber zurück. Oder dann bringt sie ihn dazu, sich vor Vonplons Zumutung zu retten und Halt und Hilfe in der Flucht zu suchen – nicht vor ein nächstes Bild, wenn möglich. Sondern hier, in Schaffhausen, in die nächste obere Etage des Ausstellungsraums.

«Gletscherfahrt» heisst die Arbeit in dem dachkammermiefigen Mehrzweckzimmer. Sie besteht aus sieben Fotografien und einer Rauminstallation, die sich durch einen Wust grauer Baumwoll­tücher auszeichnet; die Tücher finden sich auf den Bildern wieder, ästhetisch in Gebirgs- und Gletscherlandschaften drapiert. Als drittes Element mischt das ­Audiotape «Gletschermilch» auf, eine Süffigkeit, die mit dem Musiker Stephan ­Eicher entstanden ist. Loungemusik ohne Campari Soda, und der wird schmerzlich vermisst. Was soll man davon halten?

Nichts. Denn diese «Gletscherfahrt» ist ein kalkuliertes Geheimnis und darum geheimnislos. Geheimnislos ist sie vor allem in Bezug auf das Geheimnis, das sich enthüllt, wenn Ester Vonplon ihre Fotoarbeiten in einem klug edierten Buch präsentieren kann. Im Bündner Kunstmuseum verantwortet Stephan Kunz den Inhalt einer neuen Publikation mit, die anlässlich einer Ausstellung in Chur erscheint. Hier hat die Künstlerin den Kunstpreis der Somedia erhalten, der in Form einer Publikation ausgerichtet ist. «Warum ist die Stille der Landschaft so laut?», wundert sich Vonplon in Chur programmatisch. Und der Katalog, der auch für die Ausstellung in Schaffhausen gilt, zeigt, dass ein zweiter Blick einer Kuratorin, eines Herausgebers auf Vonplons Werke nur zum Besten ist. In der Abfolge der Publikation nämlich gewinnen die Bilder als Landschaft und die Landschaft als Bilder Suggestionskraft und Dringlichkeit.

Es gibt kein Entkommen, es existiert kein Dazwischen. Vonplons kunstsinnige Reflexionen über Leere regen an oder auf. Eine Aufforderung, sich damit nicht die Zeit zu verschleudern, sondern sich besser Fragen zur Saison zu stellen, das sind sie allemal. Wie wäre es damit: «Wann fällt der erste Schnee?»

«Wohin geht all das Weiss, wenn der Schnee schmilzt?», Museum zu Allerheiligen, Schaffhausen, bis 15. Februar 2015.

«Warum ist die Stille der Landschaft so laut?», Ausstellung in der Stadtgalerie Chur, ab 16. 12. bis 24. 12. Buchvernissage am 16. 12. um 18 Uhr.

Erstellt: 08.12.2014, 19:11 Uhr

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