Willy Guhls Strandstuhl hat eine düstere Vergangenheit

Im Schaudepot auf dem Zürcher Toni-Areal wird der Eternit-Klassiker prominent gezeigt – ohne Hinweis auf Asbest-Opfer.

Asbestfasern, wie sie in Guhls Schlaufenstuhl verarbeitet wurden, haben hunderttausend Opfer gefordert. Foto: Dominique Meienberg

Asbestfasern, wie sie in Guhls Schlaufenstuhl verarbeitet wurden, haben hunderttausend Opfer gefordert. Foto: Dominique Meienberg

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Willy Guhls Schlaufenstuhl ist ohne Zweifel ein Schweizer Designklassiker. 1954 geschaffen, besticht er noch heute durch seine schnörkellose Form. In der Ausstellung «100 Jahre Schweizer Design» im Schaudepot auf dem Toni-Areal ist Guhls Strandstuhl denn auch eines der Aushängeschilder. Er ziert das ­Plakat und ist prominent auf der Ausstellungshomepage platziert.

Ausgestellt sind verschiedene Ausgaben des Stuhls und Guhls Blumenkisten in einem eigenen Raum namens «Eternit». Das ist auch der Name der Firma, die Guhl bei der Herstellung des Stuhls mit dem damals neuartigen Asbest­zement unterstützt hatte. Auf keiner der Beschriftungen wird jedoch erwähnt, dass die im Baumaterial verarbeiteten Asbestfasern lebensgefährlich sind.

Maria Roselli ist darüber empört. Die Fernsehjournalistin und Buchautorin befasst sich seit mehreren Jahren mit der Asbest-Problematik und hat darüber mehrere Filme gedreht. «Willy Guhls Stuhl ist ein Sinnbild für eine Industriekatastrophe», sagt sie.

Tödliche Gefahr ignoriert

Die Herstellung von Asbestzement hat bis heute weltweit über hunderttausend Personen das Leben gekostet. Aus Rosellis Sicht sind der Stuhl und das Baumaterial unzertrennlich mit diesem düsteren Kapitel verbunden. Dass von Asbest eine Gefahr ausgeht, ist seit Anfang des 20. Jahrhunderts bekannt. Bereits 1908 nahmen Versicherungen in den Vereinigten Staaten keine Asbestarbeiter mehr auf. Der ehemalige Eternit-Besitzer Stephan Schmidheiny wurde in Italien in zweiter Instanz zu 18 Jahren Haft verurteilt, weil er die Arbeiter in seinen Fabriken und auch die Anrainer wissentlich dieser tödlichen Gefahr aussetzte. Das mediale Interesse am Prozess war riesig.

«Die Hintergründe von Asbestzement nun in dieser Ausstellung einfach auszublenden, ist für mich ein Schlag ins Gesicht der Opfer. Und das an einer Schule, wo junge Leute ausgebildet werden», sagt Roselli. Sie schöpfte gar den Verdacht, die Eternit AG könnte als Sponsor hinter der Ausstellung stehen. Die Journalistin ging deshalb auf das Museum für Gestaltung zu und verlangte, den Raum mit den Eternit-Objekten aus der Ausstellung zu streichen und das Plakat ohne Guhl-Stuhl neu zu drucken.

Ästhetik ging vor

Für die Kuratorin Renate Menzi kam diese Forderung aus heiterem Himmel. «Primäres Kriterium für die Ausstellungsobjekte war die Ästhetik», sagt sie. Das Material habe dabei eine untergeordnete Rolle gespielt und sei auch in keinem der Ausstellungstexte erwähnt. Deshalb sei dieser Aspekt von Willy Guhls Stuhl nicht auf dem Radar der Ausstellungsmacher aufgetaucht. In der Ausstellung ist aber neben dem Originalstuhl von Guhl auch das Nachfolgemodell aus asbestfreiem Faserzement zu sehen, das Guhl 1997 anlässlich seines 80. Geburtstags entworfen hat. Dieser ist etwas dicker und grösser geraten, weil das Material für die engen Rundungen des Originals zu instabil war, und hat die charakteristischen, stabilisierenden Rillen in der Rückenlehne.

Renate Menzi hat durchaus Verständnis für Rosellis Anliegen. «Wir wollen auf keinen Fall den Eindruck erwecken, dass wir die Problematik ausblenden würden.» Sie regte an, den Eternit-Raum mit einer Beschriftung zu Asbestzement und der Problematik des Baumaterials zu ergänzen. In den nächsten Tagen wird diese im Raum angebracht. «Das ist der Schritt, den wir Frau Roselli entgegenkommen können.» Den ganzen Raum aufzulösen und das Plakat zu ändern, steht ausser Diskussion. «Nicht, weil die Ausstellung etwa von der Firma Eternit AG gesponsert wurde, sondern weil der Guhl-Stuhl wirklich ein Klassiker ist.»

Maria Roselli kann mit der Beschriftung leben, obwohl ihr die radikale ­Lösung lieber gewesen wäre. «Aber so wird die Problematik des tödlichen ­Materials Besuchern zumindest bewusst gemacht.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 30.10.2014, 00:03 Uhr

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