Zelebrierte Düsternis am Comixfestival

Die Wahlgenferin Peggy Adam taucht für ihre Graphic Novels in Ängste ab und mit Storys wieder auf. Am Fumetto in Luzern gibts ihre neuste auf Deutsch.

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Ernst schaut das Töchterchen, ernst die Mutter: grosse, dunkle Augen vor brodelndem Rot und volle Lippen, aus denen ein strenges «non» herausmarschieren würde, wären sie nicht so unnahbar verschlossen. «Eigentlich gleicht mir das Selbstporträt überhaupt nicht», sagt Peggy Adam. Dass das stimmt, weiss man, wenn man sie ein paar Minuten gesprochen hat: Die 40-jährige Französin mit italienischen Wurzeln ist keine, die ihre Künstleraura wie einen Zaun um sich herum aufbaut. Im Gegenteil: Peggy Adam öffnet weit das Tor, damit wir im Garten ihrer Kunst gemeinsam nach Antworten suchen können. Stolpern ist dabei erlaubt, und die Suche macht ihr hörbar Spass.

«Luchadoras» zum Beispiel, ihre in Genf publizierte Graphic Novel von 2006, die international Aufsehen erregte: Es war ein Zufall, dass Adam auf einen Bericht über die ermordeten Frauen in der mexikanischen Stadt ­Ciudad Juarez und die dortige Macho-unkultur stiess. Sie recherchierte, empörte sich – und agierte dann, am Ende, als Künstlerin. «Ich bin keine Reporterin, das können andere besser», unterstreicht sie. «Luchadoras» sei eine Fiktion, die auf Fakten fusse. Als solche sei sie jedoch «stärker als die Realität», sei verdichtet und intensiv wie ein Traum.

«Träume kommen in allen meinen Geschichten vor. Ihre inkommensurable Logik und ihre atmosphärische Wahrheit entsprechen meiner Art von Kunst», erläutert die Polizistentochter, die sich immer schon gern ins Nichtauflösbare verstrickt hat; so studierte sie in Kanada indianische Kunst («ich kann sogar Mokassins nähen»). Selbst in der unbarmherzigen mexikanischen Mördermetropole von «Luchadoras», wo die Frauen harte, ja gewalttätige Kämpferinnen sein müssen, fliegen Totenvögel durch die Nacht, und Katzenleichen scheinen zu schreien.

So ist auch der Schritt zu Adams jüngster Arbeit, «Gröcha», gar nicht so weit, wie es nach der sechsjährigen Comicpause scheinen mag. Und wie es vor allem auch jenen vorkommt, die Peggy Adam als Schöpferin der «Plus ou moins»-Serie kennen, dieser autobiografisch grundierten, im Ligne-claire-Stil gehaltenen, unsentimentalen U-30-Recherche. «‹Plus ou moins› war aus meinem Studentenalltag erwachsen, und inzwischen lebe ich ein völlig anderes Leben», erklärt sie. Doch lebens­gesättigt ist auch der apokalyptische Trip, auf den sie uns in «Gröcha» mitnimmt, das nun auf Deutsch vorliegt.

Ein Albtraum aus Tusche

In «Gröcha» stürzt eine globale Epidemie die Welt in einen Ausnahmezustand. Selbst die Natur ist infiziert, Bäume, Tiere, Menschen sterben an einem Ebola-ähnlichen Virus. Ein Mann macht sich auf in die scheinbar unberührte Zone in den Bündner Bergen, und seine bereits erkrankte Frau folgt ihm heimlich, um ihn dort mit der Ermordung der kleinen Tochter zu konfrontieren. «Gröcha» ist eine rätselhafte Story, geschaffen für einen Albtraum aus verlaufener Tusche, die Tränen zu weinen scheint, für einen schweren Gang durch dunkle Bergsilhouetten, unscharfe Waldkonturen, Nebel, Wolken, Wasser – und das Gewitter der Erinnerungen. Der Stil zelebriert die Düsternis, und die Künstlerin kommentiert mit ­heller Stimme: «Das gefällt mir.»

Schliesslich habe sie sich so auch mit ihrer grössten Angst auseinandersetzen können: der vor dem Tod des eigenen Kindes. Ihre Tochter ist jetzt fünfeinhalb, und durch ihre Geburt haben sich Liebe und Sorge als enge Verwandte entpuppt. Sorge um die Tochter, Sorge um deren Zukunft in einer zunehmend zerstörten Natur. «Wenn der Leser den gleichen Nachtmahr durchwandert wie ich, fühlt er sich danach vielleicht ebenso erlöst wie ich nach dem Abschluss von ‹Gröcha›», meint sie – und lacht über die kathartisch-therapeutische Anmassung. Aber jedenfalls habe sie ein Faible «für die hoffnungslosen Fälle», von den ­verzweifelten Frauen in Mexiko über die bedrohte Natur überall bis zu den rätoromanischen Dialekten, die auch in «Gröcha» gesprochen werden.

Überhaupt liebt Adam den Nationalpark in Graubünden, sie liebt die Schweiz und ihren pfleglichen Umgang mit der Landschaft. Aber ganz besonders liebt sie Genf. Schon als Kind war es für sie die Traumstadt schlechthin, ein Ort der Aufklärung und der Hausbesetzer. Später studierte sie an der Kunsthochschule in Saint-Etienne, und als die Liebe sowie der Verlag Atrabile sie nach Genf riefen, gab es keine grosse Hausbesetzerszene mehr. Aber ein Traum für Künstler sei die Stadt bis heute – eine lichte Heimat für Peggy Adams nächsten tiefschwarzen und todernsten Erwachsenencomic.

Peggy Adam: Gröcha. Avant, Berlin 2014. 102 S., ca. 33 Fr. Peggy Adam: Luchadoras. Avant, Berlin 2013. 92 S., ca. 30 Fr. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 03.04.2014, 08:21 Uhr

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