Zigaretten, Whiskey und Winnie-the-Pooh​

Der grosse Übersetzer und wunderbare Autor Harry Rowohlt starb im Alter von 70 Jahren. Ein Nachruf.

Er gehörte zu den bekanntesten Stimmen der deutschen Literatur: Der Schriftsteller, Schauspieler und Übersetzer Harry Rowohlt.

Er gehörte zu den bekanntesten Stimmen der deutschen Literatur: Der Schriftsteller, Schauspieler und Übersetzer Harry Rowohlt. Bild: WDR/Steven Mahner

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Eine Lesung von Harry Rowohlt konnte gut und gern drei Stunden dauern. Virtuos trug er in einer Vielzahl von Stimmen Hochkomisches vor, während er dabei eine Flasche Whiskey niedermachte und eine Gauloise nach der anderen wegschmauchte. «Schausaufen mit Betonung» nannte er selbst diese Anlässe, an denen er neben «eigenem Kram» auch Ausschnitte aus seinen Übersetzungen vorlas.

Als Übersetzer wurde der 1945 in Hamburg geborene Sohn des Verlegers Ernst Rowohlt und der Schauspielerin Maria Pierenkämper zunächst bekannt, und das heisst etwas: Übersetzer merkt sich in der Regel keiner. Harry Rowohlt machte den Iren Flann O’Brien auch deutschsprachigen Lesern zum Begriff.

Grosser Übersetzer, wunderbarer Autor

«So hätte Joyce geschrieben, wenn er nicht bescheuert gewesen wäre», meinte der Übersetzer über seinen einen Lieblingsautor. Der andere war A. A. Milne, der Schöpfer von Winnie-the-Pooh. Und dank Harry Rowohlt wurde «Pu der Bär» bei uns nicht nur als grosse Literatur bekannt: Er las die beiden Pu-Bücher auch für eine CD-Version, und, ja, schöner kann man das nicht machen.

Ab 1989 schrieb Rowohlt für «Die Zeit» die Kolumne «Pooh’s Corner», die bewies, dass er nicht nur ein grosser Übersetzer, sondern ein mindestens so wunderbarer Autor sein konnte – wenn er nur wollte. Aber manchmal wollte er nicht. Nach «Erste Liebe, letzte Riten» mochte er kein Buch von Ian McEwan mehr übersetzen, da er fand, ein 12-Jähriger rede da «wie Adalbert Stifter nach dem zweiten stereotaktischen Eingriff». Und an «Pooh’s Corner» verlor er Ende der Neunzigerjahre einfach so die Lust. Doch zum Glück gibt es diese Kolumnen nach wie vor in Buchform.

Das allerletzte Kapitel

Spass machte ihm aber weiterhin, in der «Lindenstrasse» als Penner aufzutreten. Er müsse da gar nichts tun, sagte er, sondern einfach nur er selbst sein. Nicht immer er selbst war er, wenn er gesoffen hatte. Und Alkohol war auch der Grund, dass Harry Rowohlt 2007 an Polyneuropathie erkrankte, weshalb er längere Zeit nicht mehr gehen konnte und das Saufen aufgeben musste.

So konnte er ab 2009 wieder Lesungen geben. Aber in den letzten Jahren machte sich ein Lungenkrebs bemerkbar, an dem Harry Rowohlt am Montag gestorben ist. In seiner Kolumne «Pu im Hundertsechzig-Morgen-Wald» schrieb er über das allerletzte Kapitel von «Pu der Bär»: «Wenn ich es vorlese, sage ich mir immer: ‹Mal sehen, wer diesmal gewinnt. Ich oder das Kapitel.› Wenn das Kapitel gewinnt, muss ich weinen; wenn ich gewinne, muss ich nicht weinen, und dadurch gewinnt wiederum das Kapitel.»

Zigarette, Whiskey und «Pu der Bär»

Viele von uns werden wohl heute Abend die CD einlegen, auf der Harry Rowohlt das letzte Pu-Kapitel vorliest, vielleicht dazu eine rauchen und einen Schluck Whiskey trinken. Weinen werden wir bestimmt, wenn wir seinen Bärenbariton wieder hören. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 16.06.2015, 14:45 Uhr

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