Zwischen Wahn und Sinn

Das Vögele-Kulturzentrum in Pfäffikon SZ versammelt in der aktuellen Ausstellung «Der helle Wahnsinn» eine bunte Schar von Normabweichlern.

Verrückte Finanzwelt: Sebastian Sieber, «Return on Investment». Foto: Sebastian Sieber

Verrückte Finanzwelt: Sebastian Sieber, «Return on Investment». Foto: Sebastian Sieber

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Geistreich und herrlich unangepasst in ihrer Schreibweise sind die Botschaften, die Emil Manser bis vor seinem Freitod in der Reuss vor zehn Jahren den Menschen auf den Luzerner Strassen auf selbst gemalten Schildern entgegen­gehalten hat: «Gut bekommen Tolle Menschen nicht Tollwut», «H a b e B e t r i e b s f e r i e n / Mein Geld arbeitet bei Kantonal Bank» und «Badzeli oder Ich ‹singe›» steht da zum Beispiel geschrieben. War Manser ein Genie – oder ein Wahnsinniger? In den rund 30 Jahren, in denen er in Luzern unterwegs war, wandelte er sich in der öffentlichen Wahrnehmung vom Spinner, der immer wieder in der Psychiatrie landete, hin zum geschätzten Stadtoriginal, dessen Nachlass (über 100 Schilder) heute im Historischen ­Museum in Luzern aufbewahrt wird.

Eine Auswahl der Schilder begrüsst nun die Besucher der Ausstellung. In Luzern gab es erst Bedenken, die Originalplakate auszuleihen, erzählt Kuratorin Alexandra Könz. «Die Verantwortlichen befürchteten, dass Manser bei uns ­pathologisiert würde.» Die Ausstellung steckt Manser aber nicht in die Schublade der Spinner, sondern regt vielmehr zum Nachdenken über den Wahnsinn und das Leben jenseits von Normen an.

Und warum die Whistleblower?

Was ist verrückt, was normal? Diese Fragen begleiten uns durch die beiden weiten Räume und die helle Galerie. Vier Themenbereiche bringen etwas Ordnung ins (per definitionem) chaotische Thema Wahnsinn. Leider sind die Titel unnötig sperrig: «Alltag», «Diagnostik und Psychopathologie», «Globalisierte Welt (Fokus Finanzwirtschaft)» und «Das Versprechen einer anderen Welt».

Im «Alltag» bei Manser erfahren wir, dass das Normale und das Verrückte nicht so einfach voneinander zu trennen ist. Viele hielten Manser für verrückt – er selbst hielt die Welt um sich herum für verrückt. In einem Brief aus der Psychiatrischen Klinik St. Urban schreibt er im Rückblick auf sein Leben als junger Mann in den 70ern: «Ich machte mir über vieles Gedanken und zweifelte an vielem. Ich fühlte mich in der Schweiz wie in einem Irrenhaus.» Als er selbst ins Irrenhaus gebracht wurde, fühlte er sich «psychisch ermordet».

Seine Worte hallen nach bis in den Bereich «Diagnostik und Psychopathologie». Die modernen Wissenschaften kommen bei der Behandlung von psychisch Kranken zum Einsatz. Auf einem altarähnlichen Pult liegt das Handbuch «DSM-5» (Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders). Die aktuelle Version dieses Handbuchs ist neben dem «ICD» (International Classification of Diseases) das massgebende Klassifikationssystem für psychische Störungen. Die Inszenierung in der Ausstellung ist angemessen, dieses Buch beeinflusst mit den aufgezählten normierten Symptomen, wer hierzulande als krank gilt. Ärzte und Psychiaterinnen berufen sich darauf. Tollhaus, Irrenanstalt, psychopathisch, geistesschwach – das alles war einmal. Bild und Bezeichnung von Menschen, die von der Norm abweichen, haben sich bis zum Ende des 20. Jahrhunderts grundlegend geändert. Doch bis heute gibt es Versuche, klare Grenzen zwischen Normalität und Wahnsinn, zwischen Gesundheit und Krankheit zu ziehen.

Als aktuelles Thema greift die Ausstellung das Phänomen der Whistle­blower auf. Mit Beispielen von Menschen, die viel riskieren, um die irren Auswüchse eines Systems aufzudecken, soll die Kraft des Wahnsinns thematisiert werden. Wahnsinn und Whistle­blower? Klingt etwas weit hergeholt, kommt aber gut rüber in der Ausstellung dank der Szenografie: In einer verwinkelten Kartonkiste lassen sich Telefone abhören und vermeintlich geheime Botschaften versenden. Der Bezug zum Wahnsinn: Edward Snowden und Co. sind Norm­abweichler und gelten je nach Perspektive als Verräter oder Helden.

Crazy Monsterköpfe

Um die verrückte Welt der Finanzindustrie geht es im Bereich «Globalisierte Welt». In einem Video-Interview erzählt die ehemalige Chefin der Schweizer Börse, Antoinette Hunziker-Ebneter, warum es ihr zuwider ist, Angestellte als FTE (Full Time Equivalents) zu messen. Sie spricht aber nicht nur über den Wahnsinn in der Bankenbranche, sondern auch darüber, wie sie von einigen ehemaligen Kollegen als Spinnerin abgetan wurde, als sie ihre Firma gründete. Mit Forma Futura Invest AG betreibt sie ein Banking, das sich an traditionellen Werten wie Respekt, Transparenz und Verantwortung ausrichtet.

Dieses und andere Video-Interviews hat Kuratorin Könz für die Ausstellung geführt. Sie beweist bei der Wahl der ­Gesprächspartner gutes Gespür. Mal sind es Fachleute (Depressionsspezialist Daniel Hell, Psychoanalytiker Arno Gruen), mal Normabweichler (ein Hermaphrodit, ein Schizophrenie-Kranker). Die Interviews sind eine anregende Ergänzung zu den Kunstwerken.

Wer sich nach so viel Wahnsinn noch ganz normal fühlt, kann zuletzt in «Versprechen einer anderen Welt» in verrückte Welten abtauchen. Vor einer Wand in Pink hängen fünf von Nina Staeh­lis «Head Download»-Monsterköpfen, die sich wie Helme über den eigenen Kopf stülpen lassen. Die Klanginstallationen im Inneren der Köpfe, aber auch die Aussenansicht des Hybrids Monsterkopf-Mensch, sind ganz schön crazy.

Bis 21. 9. 2014. www.voegelekultur.ch (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 03.06.2014, 08:25 Uhr

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