Zum Hauptinhalt springen

Ade, Betsey Trotwood, ade

Hart für den Leser dicker Bücher: Mit der letzten Seite kommt der Abschied von den lieben Figuren.

Illustration aus einer David-Copperfield-Ausgabe aus dem 19. Jahrhundert.
Illustration aus einer David-Copperfield-Ausgabe aus dem 19. Jahrhundert.
Heritage/Getty Images

Wenn man an einem Montagmorgen um sechs auf einen Schlag die ganze Familie verliert, so ist das nicht schön. Der Rest des gestrigen Tages war geprägt von einer schmerzhaften Leere. Wie ich all die lieben Gestalten vermisse: den überschuldeten Mr. Micawber, der jedes Geschäftsdesaster in absurd gedrechselten Sätzen wegredet. Den so gutherzigen wie irren Mr. Dick, der sich einbildet, dass der Bürgerkriegskönig, König Charles I., in seinem Kopf wohnt. Und da ist ja auch der knausrige Fuhrmann Mr. Barkis, der eine Riesensumme erspartes Geld in einer Schachtel mit der Aufschrift «Alte Kleider» hortet – er ist ein Unterschichts-Dagobert-Duck.

Und weil zu einer Familie Finsterlinge gehören, trauere ich sogar um den an jedermann sich heranschleimenden, dabei den Oberkörper schlangenartig hochschraubenden Uriah Heep; jawohl, von der wimpernlosen Bürokraft bezog die englische Hardrockband 1969 ihren Namen.

Wie der letzte Bordeaux auf der Insel

Ich habe, mit anderen Worten, leider «David Copperfield» von Charles Dickens zu Ende gelesen. In den Tagen zuvor ergriff ich Rationierungsmassnahmen: Ich las trölerisch, schaltete Pausen ein, schaute zwischendurch im Sinn einer Parallellektüre in ein Sachbuch über Jerusalem. Ich teilte mir den verbleibenden Stoff ein, wie eine Person auf einer einsamen Insel die letzte Flasche der angeschwemmten Kiste Bordeaux rationiert. Literatur als Suchtmittel – bis zum bitteren Ende am Montagmorgen vor der Arbeit.

Es gibt natürlich auch Kurzstreckenleser. Als Langstreckler begreife ich diese Shortstory-Möger überhaupt nicht. Wozu eine Geschichte beginnen und Beziehungen zu Figuren aufbauen, die einem geschätzte Freunde oder Feinde werden – und dann werde ich nach 100 oder 150 Seiten schon wieder aus der Fiktion geworfen?

Lasst dicke Romane um mich sein.

Wenn es denn einen Trost gibt zur ersten Woche ohne die militante Eselhasserin Betsey Trotwood und ohne den liebenswürdigen Juristentollpatsch Tommy Traddles, dann diesen: Dickens, der Autor mit dem grossen Herzen für Menschen, hat damals im 19. Jahrhundert weitere fette Bücher geschrieben.

Ich werde mir bald den nächsten Dickens zuführen, «Oliver Twist» vermutlich; lasst dicke Romane um mich sein.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch