Als die Zukunft gerade entstand

Zwei Ausstellungen auf dem Zürcher Löwenbräu-Areal zeigen, dass die 90er viel vorweggenommen haben.

Das Cyberfeministische Manifesto wurde 1991 von der australischen Künstlerinnengruppe Venus Matrix formuliert. Foto: Stefan Altenburger

Das Cyberfeministische Manifesto wurde 1991 von der australischen Künstlerinnengruppe Venus Matrix formuliert. Foto: Stefan Altenburger

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Es könnte sein, dass wir die 90er-Jahre unterschätzen. Sie standen von Anfang an im Schatten der Jahrtausendwende, dieser magischen 2000-Zahl, auf die sie unweigerlich zuliefen und die so viele Hoffnungen und Ängste an sich band.

Dabei nahm all das, was wir heute augenreibend unsere verrückte Realität nennen, gerade in den Nineties Form an. Die Zeit war ein Experimentierfeld des 21. Jahrhunderts, die Welt wuchs zusammen, die ersten Datenströme rauschten durch ein noch dürftig ausgestattetes Netz, der Osten probte den Kapitalismus, und der Westen kostete die neue, durch keine Mauer begrenzte Allmachtsfantasie aus. Es schien so vieles noch vage möglich, wie sollte man da merken, dass das Fundament der künftigen Weltordnung von einigen Wildentschlossenen bereits damals in Zement gegossen wurde?

Vernetztes Zeitalter

Ein Vierteljahrhundert später, wächst das Interesse an der vorbeigerauschten Dekade. Gleich zwei Ausstellungen im Zürcher Kunstzentrum Löwenbräu beschäftigen sich gerade mit Denkansätzen aus dieser Zeit. Die Kunsthalle erinnert an die künstlerische Aktivität der «Bruderschaft der neuen Holzköpfe», einer Künstlergruppe in St. Petersburg, die 1996 bis 2002 mit versponnenen und poetischen Aktionen die Entwicklung hinterfragte, die ihr Land seit dem Systemwechsel durchmachte. Das Migros-Museum überprüft die Postulate des sogenannten Cyberfeministischen Manifesto, das 1991 von der australischen Künstlerinnengruppe Venus Matrix formuliert wurde (die Gruppe war 1991 bis 1997 aktiv).

Beide Ausstellungen mögen auf den ersten Blick wenig Gemeinsamkeiten haben. Was können schon die russischen Kunstnarren mit einem Hang zur programmatischen Begriffs-stutzigkeit mit den Vorreiterinnen des computergestützten Queer-Feminismus zu tun haben, die sich mit wehenden Fahnen in die neue körperlose Realität des vernetzten Zeitalters stürzten? Gerade weil die beiden Ausstellungen nun in Zürich in Nachbarschaft zueinander geraten sind, merkt man: sehr viel. Oder zumindest mehr, als man meint.

Mehr Schleim und Sex

Fest steht: Sowohl die Holzköpfe wie die Cyberfeministinnen schienen damals Randphänomene zu sein. Die acht russischen Performer um Vadim Flyagin herum kannten ausserhalb St. Petersburgs nicht mal Menschen in ihrem eigenen Land. Die aus Künstlern, Philosophen und Schriftstellern bestehende Gruppe (mit Inga Nagel war eine Frau dabei, sie war mit dem «Holzkopf» Sergei Spirichin verheiratet) veranstaltete ihre Aktionen mit einer fast schon nihilistischen Nonchalance: ohne Publikum, ohne Budget und ohne sich um eine propere Dokumentation zu sorgen.

Die Cyberfeministische Bewegung, die in Australien ihren Anfang nahm, war hingegen für die damalige Zeit so radikal, dass sie die meisten Menschen vor den Kopf stossen musste. Das Manifesto war ein mulitmediales Projekt von mehreren Künstlerinnen (kein Mann dabei), die neue Technologien als eine Möglichkeit sahen, die patriarchalen Normen zu durchbrechen. Das per Fax, Billboard und Flyer verbreitete Werk war ein typisches Kind der frühen Netzkultur: kollaborativ, eklektisch, drogen­selig und pornografisch. «We are the future cunt», «wir sind die zukünftige Fotze», verkündete die Frauengruppe um Josephine Starrs und forderte mehr Schleim und Sex in der sterilen Welt des Computers.

Neue Augen

Erst jetzt, in der Retrospektive, offenbaren beide Gruppen ihre Bedeutung, und sie geht eindeutig über das Anekdotische hinaus. Eine der ersten Aktionen der «Holzköpfe» war etwa «Bring dir selber das Sehen bei». Dabei verbanden sie den Teilnehmern die Augen und malten ihnen mit Tinte neue Augen auf den Verband. Die Aktion bezog sich auf ein Zitat des Philosophen Heidegger, der darauf bestand, dass jeder Denkprozess so gründlich sein müsste, als ob man das Denken von Grund auf neu lernen würde.

Selbstständig sehen lernen, und das, was man sieht, mit geschlossenen Augen hinterfragen: Aus heutiger Sicht kann man sich keine bessere Prophylaxe gegen das Fake-News-Schlamassel, in dem wir stecken, vorstellen. Manipulation hinterfragen? Der damals noch junge nicht kommunistische russische Staat schlug einen anderen Weg ein, wie wir wissen: Statt zu Denkschulen führte dieser zu Trollfabriken.

Tiefgreifende Skepsis

Komplexer verhält sich die Sache mit dem Cyberfeminismus, denn seine radikalen Postulate haben sich zum Teil erfüllt, auf eine eigentümlich verquere Weise. Tatsächlich trug die Technologie zur Beschleunigung der gesellschaftlichen Rollenverflüs­sigung bei, das Geschlecht und die sexuelle Orientierung werden heute offen als «gesellschaftliches Konstrukt» erlebt, wie das die US-Philosophin Judith Butler 1990 in ihrem «Unbehagen der Geschlechter», formulierte. Figuren wie die des ESC-Gewinners Conchita Wurst sind heute sogar Mainstream.

Doch haben sich Machtstrukturen, die der Cyberfeminismus abschaffen wollte, kaum verändert, wie die Realität täglich zeigt. Neues Identitätsdenken kommt als Gegenreaktion auf, und auch wirtschaftlich schafft der Internet-immanente The-Winner-Takes-It-All-Mechanismus neue, sogar krassere Ungerechtigkeiten. Diesen Umstand berücksichtigt die von Heike Munder im Migros-Museum kuratierte Ausstellung auch mustergültig, indem sie die heutigen post-cyberfeministischen Positionen von Künstlerinnen wie der Chinesin Cao Fei oder der Schwedin Anna Uddenberg zeigt. Die feministische Technologie-Begeisterung hat bei ihnen einer tiefgreifenden Skepsis Platz gemacht.

Keine Passivität!

Die technologische Entwicklung ist weit von einer Stabilisierungsphase entfernt: Das verleiht beiden Ausstellungen noch mehr Relevanz. Algorithmisch gesteuerte und selbst lernende Maschinen werden die Tendenzen, die bereits im Netz zutage getreten sind, weiter verstärken und beschleunigen.

Es lohnt sich, in dem als Schwelle empfundenen historischen Moment innezuhalten und die künstlerisch erforschten Positionen zu analysieren. Dabei erkennt man, dass die Ohnmacht der technologischen Entwicklung gegenüber nicht zur Passivität führen muss. Man kann, wie die «Holzköpfe», in einer selbst induzierten «Unwissenheit» kleine menschliche Gesten kultivieren. Oder, wie die Cyberfeministinnen, mit maschinenstürmerischem Impetus die Produktionsmittel der Zukunft ergreifen und sie dafür nutzen, was einem als gesellschaftlich konstruktiv erscheint.

Die Bruderschaft der Neuen Holzköpfe, Kunsthalle Zürich,bis 26.5. Producing Futures – An Exhibition on Post-Cyberfeminisms,Migros-Museum, bis 12.5. (Redaktion Tamedia)

Erstellt: 25.02.2019, 20:56 Uhr

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